Die Wirtin schwatzte gerne ; sie gab ihm in weniger als einer Viertelstunde die Chronik von fünf bis sechs Schlössern aus der Gegend , und bald kam auch Lichtenstein an die Reihe . Der junge Mann holte tiefer Atem bei diesem Namen , und Schob die Schüssel weit hinweg , um seine Aufmerksamkeit ganz der Erzählerin zu widmen . » Nun , die Lichtensteiner sind gar nicht arm , im Gegenteil , sie haben schöne Felder und Wälder , und keine Rute Landes verpfändet : da ließe sich der Alte lieber seinen langen Bart abscheren , obgleich er gar viel darauf hält und ihn immer streichelt , wenn er mit den Leuten spricht . Er ist ein strenger , ernster Mann ; was er einmal haben will , das muß geschehen , und sollte es biegen oder brechen . Er ist auch einer von denen , die es so lange mit dem Herzog hielten ; die Bündischen werden es ihm übel entgelten lassen . « » Wie ist denn seine ... , ich meine Ihr sagtet , er habe eine Tochter , der Lichtenstein ? « » Nein « , antwortete die Wirtin , indem sich ihr sonst so heiteres Gesicht in grämliche Falten zog , » von der habe ich gewiß nicht gesprochen , daß ich es wüßte . Ja , er hat eine Tochter , der gute alte Mann , und es wäre ihm besser , er führe kinderlos in die Grube , als daß er aus Jammer über sein einziges Kind abfährt . « Georg traute seinen Ohren nicht ; was konnte die Wirtin gerade von Marien so Arges denken , daß sie den Vater glücklich pries , wenn er dieses Kind nicht hätte ? » Was ist es denn mit diesem Fräulein « , fragte er , indem er sich vergebens abmühte , recht scherzhaft auszusehen ; » Ihr macht mich neugierig , Frau Wirtin ; oder ist es ein Geheimnis , das Ihr nicht sagen dürft ? « Die Frau zum Goldenen Hirsch schaute aus dem Erker heraus nach allen Seiten , ob niemand lausche , aber die Bürger waren ruhig in ihrem Gespräch begriffen , und achteten nicht auf sie , und sonst war niemand in der Nähe , der sie hören konnte . » Ihr seid ein Fremder « , hub sie nach diesen Forschungen an , » Ihr reiset weiter und habt nichts mit dieser Gegend zu schaffen , darum kann ich Euch wohl sagen , was ich nicht jedem vertrauen möchte . Das Fräulein dort oben auf dem Lichtenstein ist ein - ein - ja bei uns Bürgersleuten würde man sagen , sie ist ein schlechtes Ding , eine lose Dirne - « » Frau Wirtin ! « rief Georg . » So schreiet doch nicht so , verehrter Herr Gast , die Leute schauen sich ja um . Meinet Ihr denn , ich sage , was ich nicht ganz gewiß weiß ? Denkt Euch , alle Nacht Schlag eilf Uhr läßt sie ihren Liebsten in die Burg . Ist das nicht schrecklich genug , für ein sittsames Fräulein ? « » Bedenket , was Ihr sprechet ! Ihren Liebsten ? « » Ja leider , nachts um eilf Uhr ihren Liebsten ; es ist eine Schande und ein Spott ! Es ist ein ziemlich großer Mann , der kommt in einen grauen Mantel gehüllt ans Tor . Sie hat es zu machen gewußt , daß zu dieser Zeit alle Knechte vom Tor entfernt sind , und nur der alte Burgwart , der ihr auch in ihrer Kindheit zu allen losen Streichen half , um den Weg ist ; da kommt sie nun allemal , wenn es drüben in Holzelfingen eilf Uhr schlägt , selbst herunter in den Hof , die Nacht mag so kalt sein als sie will , und bringt den Schlüssel zur Zugbrücke , den sie zuvor ihrem alten Vater vom Bette stiehlt ; dann schließt der alte Sünder , der Burgwart , auf , die Brücke fällt nieder , und der Mann im grauen Mantel eilt in die Arme des Fräuleins . « » Und dann ? « fragte Georg , der beinahe keinen Atem mehr in der Brust , kein Blut mehr in den Wangen hatte ; » und dann ? « » Ja , dann wird Braten , Brot und Wein geholt ; so viel ist gewiß , daß der nächtliche Liebste einen ungeheuren Hunger haben muß , denn er hat in mancher Nacht einen halben Rehziemer rein aufgezehrt , und zwei , drei Nössel Wein dazu getrunken ; was weiter geschieht , weiß ich nicht ; ich will nichts vermuten , nichts sagen , aber das weiß ich « , setzte sie mit einem christlichen Blick gen Himmel hinzu , » beten werden sie nicht . « Georg schalt sich nach kurzem Nachdenken selbst aus , daß er nur einen Augenblick gezweifelt habe , daß diese Erzählung eine Lüge , von irgendeinem müßigen Kopf ersonnen sei ; oder wenn auch etwas Wahres darin wäre , so konnte es doch nichts sein , das Marien zur Unehre gereicht hätte . Wenn es wahr ist , daß die Liebe eines Jünglings in den guten alten Zeiten zwar nicht weniger leidenschaftlich war , als in unseren Tagen , aber mehr den Charakter reiner anbetender Ehrfurcht trug , daß nach der Sitte der Zeit die Geliebte nicht auf gleicher Stufe mit ihrem Verehrer , sondern um eine höher stand , wenn wir den romantischen Erzählungen alter Chroniken und Minnebücher trauen dürfen , die so viele Beispiele aufführen , daß sich edle Männer , wenn sie in Liebe sind , für die Treue und Reinheit ihrer Dame , auf der Stelle totschlagen lassen , so ist es nicht zu verwundern , daß Georg von Sturmfeder wenigstens auf diese Indizien hin , von Marien nichts Schlechtes denken konnte . So rätselhaft ihm selbst jene nächtlichen Besuche vorkommen mochten , so sah er doch klar , es sei weder bewiesen ,