Aristipp , wie ich zur Entdeckung dieses unsichtbaren und unaussprechlichen Liebeshandels gekommen sey ? Wisse also , mein Freund , daß der arme Kleombrotus , wie er , nach seiner Abreise mit dir , die bisherigen einzigen Vermittler seines geheimen Verständnisses nicht länger gebrauchen konnte , sich endlich durch die höchste Noth gezwungen sah , zu dem gemeinen Hülfsmittel zu schreiten , dessen wir andern gewöhnlichen Menschenkinder uns in solchen Fällen zu bedienen pflegen . Kurz , die kleine Musarion erhielt nach und nach einige große Briefe von ihm , die du lesenswürdig finden würdest , wenn ich Zeit , oder ( aufrichtig zu seyn ) Dienstgeflissenheit genug gehabt hätte , sie für dich abzuschreiben . Zufälligerweise fand ich diesen Morgen , da das Mädchen eben anderswo beschäftiget war , ihr Schmuckkästchen , worin sie diesen Schatz verwahrte , unverschlossen ; und so erfuhr ich denn mehr als die gute Seele glaubt daß ich wisse ; denn ich schlich mich unbemerkt wieder fort , und bin entschlossen , mir nicht das Geringste von der gemachten Entdeckung gegen sie merken zu lassen . Wenn du es mit dem begeisterten Kleombrotus eben so halten wirst , so können wir uns von dem Fortgang und der Entknotigung dieses sublimen Liebeshandels noch manche Kurzweil versprechen . 32. An Lais . Ich werde mich künftig wohl hüten den Kunstrichter zu machen , wenn ich mit dir von dem Werk eines großen Meisters spreche . Ganz gewiß hast du die Idee des Parrhasius auf den ersten Blick richtig gefaßt , und ich begreife jetzt selbst nicht , wie ich dem Ansehen eines vorgeblichen Kenners , an dessen Seite ich den sogenannten Demos Athenäôn sah , mehr glauben konnte als dem Zeugniß meiner eignen Augen , die mir eben dasselbe sagten was du . So kann uns die löbliche Tugend der Bescheidenheit - oder die Untugend des Mißtrauens in uns selbst zuweilen irre führen ! Kleombrotus hat sein Geheimniß besser in seinem Busen verwahrt als Musarion seine Briefe in ihrem Schmuckköstchen . Ich merkte zwar , daß seine Phantasie während unsrer ganzen Reise sehr hoch hinaufgeschraubt war ; aber geschraubt war sie auch vorher gewesen , und was etwa das Mehr austragen mochte , setzte ich , den Regeln der Wahrscheinlichkeit gemäß , auf deine Rechnung . Denn wie konnt ' ich mir einbilden , daß ein solcher Schwärmer die schöne Lais ungestraft hätte sehen können ? Daß nur ein Schwärmer wie er es könne , fiel mir nicht ein - und ist doch so wahr ! Desto besser für ihn daß er es konnte ! Bei dir würde er schwerlich so wohl gefahren seyn als bei der kleinen Musarion , und sie schickt sich freilich besser dazu , seiner phantastischen Art zu lieben ( die er dem jungen Plato , einem noch größern Schwärmer als er selbst , abgelernt hat ) zum Zunder zu dienen als du . Da es ihm nun einmal angethan ist daß er sich nur in Seelen verlieben kann , so hätte ihm nichts Glücklicheres begegnen können , als so von ungefähr auf das sanfte Seelchen eines so ganz aus Lilienglanz und Rosenduft zusammengehauchten und von Amors zärtlichstem Seufzer beseelten Mädchens zu stoßen ; und ich freue mich für sie und uns , daß du geneigt bist , sie unter dem Schleier ihrer vermeinten Unsichtbarkeit ihr Wesen so lange forttreiben zu lassen , bis etwa Natur oder Zufall dem empfindsamen Kinderspiel ein Ende macht . Meine Bekanntschaft oder Freundschaft , wenn du willst , mit dem verführerischen Hippias steht noch in vollem Wachsthum . Wir sehen uns beinahe täglich , und scheinen einander immer mehr Geschmack abzugewinnen . Es fehlt zwar viel , daß seine Philosophie auch die meinige sey . Sie geht nicht weiter als auf Lebensklugheit ; dein Freund Aristipp hingegen ( rümpfe deine schöne Nase nicht gar zu spöttisch , Laiska ! ) hat es dem Sohne des Sophroniskus zu danken , daß er sich kein geringeres Ziel als Lebensweisheit vorgesteckt hat . Zwar ist nicht zu läugnen , daß Hippias mit seiner Aufgabe bereits im Reinen ist , während ich noch ungewiß bin , ob ich jemals mit Auflösung der meinigen zu Stande kommen werde : aber dafür wirst du mir zugeben , daß die seinige auch bei weitem nicht so schwer und verwickelt ist . Uebrigens , den einzigen Punkt , worin wir nie zusammentreffen werden , ausgenommen , haben wir eine unendliche Menge Berührungspunkte , und ich finde wirklich alles in ihm beisammen , was man sich an einem angenehmen , beinahe zu allem brauchbaren Gesellschafter wünschen kann . Bis jetzt ist mir noch niemand vorgekommen , der vielseitiger und mannichfaltiger , freier von Vorurtheilen , behender in richtiger Auffassung fremder Gedanken und Meinungen , und weniger schwerfällig in Behauptung seiner eignen wäre als Hippias . Ueberdieß besitzt er eine unendliche Menge von Kenntnissen und Geschicklichkeiten aller Art , und ich bin noch nie in seiner Gesellschaft gewesen , ohne irgend etwas Wissenswürdiges oder Brauchbares von ihm gehört oder gelernt zu haben . Aber freilich interessirt mich auch beinahe alles in der Welt , und es gibt schwerlich ein so brodloses Künstchen , das ich nicht zu lernen versucht würde , wenn es irgends ohne großen Zeitaufwand und gleichsam im Vorbeigeben zu lernen ist . Sage indessen meiner edeln Base Anaximandra , sie würde mir großes Unrecht thun , wenn sie glaubte , Sokrates werde nun gerade so viel bei mir verlieren als Hippias gewinne . Meiner Sinnesart nach kann dieß nie der Fall seyn ; und wenn sich auch meine anfangs vielleicht allzuhohe Meinung von dem Athenischen Weisen um etwas herabgestimmt haben sollte , so hat wenigstens der Sophist von Elea nicht die geringste Schuld daran . Da ich einmal auf diesen Punkt gekommen bin , liebe Laiska , so will ich mich so aufrichtig gegen dich erklären , als ob ich , als bloßer Zeuge dessen , was ich von der Sache weiß , vor deinem Richterstuhl stände . Ich werde nie aufhören den