Brüllen der Löwen , dem Gekrächz der Vögel ... Der Chorherr gab nach , obgleich er sagte : Diese Gefangenen machen mich melancholisch ... Bestien gehören in die Wüste und der Mensch steht gar so feige vor dem Gitter und freut sich , daß er im Sichern ist ... Wie sie im Strom der andern den Behältern näher gekommen waren und vor einem mächtigen Königstiger eine elegante Gesellschaft von Herren und Damen fanden , die mit italienischen Anrufen das unruhig hin-und hergehende , schon bedenklich den Schweif schlagende Thier reizten , sagte der Chorherr : Und das fehlte nun auch noch ! Die feigste Nation von der Welt hat hier Courage ... Die Neckenden schienen sämmtlich Italiener zu sein ... Einige Offiziere waren darunter , die der italienischen Nobelgarde angehörten ... Einige andere gehörten zum Civil ... Den Mittelpunkt bildete eine einzige kleine junge Dame , die sich im Necken des Tigers bis zur Ausgelassenheit gefiel ... Die schlanke und gestreckte Gestalt des aufgescheuchten Thieres wand sich in gleichmäßigen Schritten bald rechts , bald links ... Das grünlichgraue Auge funkelte phosphorartig ; es war auf die leuchtenden Farben des Kleides und vorzugsweise eines kleinen Sonnenschirms der jungen Dame gerichtet , die nicht aufhörte , mit einer rauhen befehlshaberischen Stimme den Tiger anzureden und in steigende Gereiztheit zu versetzen ... Plötzlich fiel der kleine Sonnenschirm in den Behälter des in kurzen Sätzen stöhnenden Thieres , aus dessen Augen helle Funken zu sprühen schienen , Vorboten der ausbrechenden Wuth ... Die italienischen Herren lachten laut auf ... Benno , der dicht dabeistand , hörte vom Chorherrn die verächtlich geflüsterten Schiller ' schen Worte : » Herr Ritter , ist Eure Liebe so heiß , Wie Ihr mir ' s schwört zu jeder Stund ' , Ei , so hebt mir den Handschuh auf ! « ... Die sämmtlichen Umstehenden schienen entweder kein Deutsch zu verstehen oder nichts von der Schiller ' schen Ballade zu wissen ... Die Italienerin war jedoch vollkommen von dem eigensinnigen Temperament des Fräuleins Kunigunde im Gedicht ... Wie ein verwöhntes Kind beklagte sie ihren Ombrello und verlangte ihn zurück ... Die Herren sprachen vom Wärter , den sie rufen wollten ... Der Tiger kümmerte sich nicht , wie wenn er ihm doch gehörte , um den etwa einen Fuß vom Gitter entfernt liegenden Gegenstand , sondern ging nur nach wie vor schnaubend auf und nieder oder stellte sich zuweilen zum Sprunge ... Das Thier bot alle Veranlassung , ohne den Wärter den Sonnenschirm ruhig liegen zu lassen ... Jetzt erst sah Benno das Antlitz der Kleinen ... Es war äußerlich ein halbes Kind und doch zeigte sich eine Entschiedenheit der Mienen , die erschrecken konnte ... Die Haut , an sich zart und pfirsichweich , spielte ins Grüngelbe ... Die Augen schwarz , die Lippen rubinroth , die Zähne blendendweiß ... Das in Flechten unter dem Hute sichtbare Haar hatte ein echt italienisches Blauschwarz ... Die Augenbrauen riß sie hoch auf wie aus Zorn , Verlegenheit und Beschämung ... Alle Zähne sah man ... Ihr Wesen hatte selbst etwas Thierisches ... Am ungeduldigsten und eifrigsten , dem fortwährend um ihren Ombrello klagenden Kinde von vielleicht schon zwanzig Jahren eine Beruhigung zu gewähren , zeigte sich ein junger eleganter Mann von derselben Unreife der äußern Erscheinung , doch mit ebenso sichern und lebhaften Manieren ... Die Kleine warf dem Dandy in gelben Glacéhandschuhen vor , daß er nicht einmal zwei Schritte bis ans Gitter zu gehen wagte aus Furcht vor den möglicherweise durchgesteckten Tatzen des Tigers ... Die andern Italiener lachten und machten Späße über die Anwendung , die ein bengalischer Tiger von einem mailänder Sonnenschirm machen könnte ... Sie wollten jedoch nur den Wärter rufen ... Die zornige junge Dame war nahe daran , um den Sonnenschirm herauszuholen , einem der Offiziere den Degen aus der Scheide zu ziehen ... Perché ella ha quello spiedo ! sagte sie ... Inzwischen hatte Benno statt des » Bratspießes « sein leichtes Spazierstöckchen verkehrt ins Gitter gehalten und mit dem Griff desselben , während die linke Hand den erschrocken ihn ergreifenden Chorherrn zurückhielt , den Sonnenschirm aufgegabelt und herausgezogen ... Der Tiger blieb stutzend stehen ... Mit dem geläufigsten Italienisch übergab Benno der ihm überrascht ins Antlitz sehenden Dame den Schirm : Anche le fiere del deserto cognoscono la civiltâ , que si deve alle signore ! ... Grazie , Signore ! sagte die junge Dame mit einer plötzlich veränderten Stimme ... In diesem Dank , in dieser leichten Verbeugung lag eine Anmuth , die selbst den Chorherrn bestimmte , zu sagen : Der Blick war es freilich werth , die » Artigkeit der Wüstenthiere auch gegen Damen « zu riskiren ! ... Aber ein merkwürdiges Gesicht das ! ... Ich möchte fast sagen die Schönheit der Häßlichkeit ... Eine Stumpfnase , eine gewölbte Stirn , ein mürrisch hängender Mund , aber alles wie der Blitz in Brillantfeuer verwandelt durch ein einziges Lächeln ! ... Benno fiel Lucinde ein ... Lucinde war schöner , edler gewachsen ; aber bei der Fahrt von St.-Wolfgang nach Kocher am Fall im vorigen Jahre hatte sie so im Wagen neben ihm gesessen , so von phantastischen Schlössern geträumt , ganz mit diesen verklärt bestrickenden Augen ... Die Italiener waren inzwischen verschwunden und hatten sich zu » Dommayer ' s « wahrscheinlich erst jetzt begeben ... Benno und der Chorherr fanden ihren Wagen am Eingangsportal des Schlosses ... Diese italienischen Nobili , die die Politik hier zu einer Garde vereinigt , sagte der Chorherr , kommen mir vor , wie sonst die Heerführer der alten Deutschen bei den Römern als Geiseln lebten ... Sie sollen die deutsche Weise annehmen und in Mailand keine Verschwörungen machen ... Es wird aber damit werden , wie mit dem Arminius ... Der lernte auch in Rom nur die Handgriffe der römischen Kriegskunst und schlug damit die Römer ... Vom Schwert dieser Italiener droht uns allerdings wenig Gefahr ; aber sie haben Dolch und Gift und - Rom ... Doch -