vor dem Palais des Grafen Salem-Camphausen ertheilte ein Portier in den Camphausen ' schen Farben den Bescheid , daß die Frau Gräfin verreist und der Herr Graf auf Schloß Salem wäre ... Benno übergab ein an diesen gerichtetes Billet , das er für diesen Fall bereit gehalten ... Sie bringen dieser Familie die Erlösung , sagte der Chorherr , und müssen doch erst selbst anklopfen ! ... Gerade wie in der Pastoraltheologie ! ... Noch ehe Benno aus seinem Nachsinnen erwacht war , stand der Wagen vor der Staatskanzlei ... Auch hier stiegen beide aus und übergaben dem Portier die Briefschaften ... Pressant ! sagte der Chorherr zum Portier ... Se . Durchlaucht lesen die Briefe lieber des Morgens als des Abends ... Der Portier hatte ihm die Briefe mit zu vielem Gleichmuth in seine Loge gelegt ... Daß doch die Posten selbst für die Staatsmänner nicht sicher sind ! sagte der Chorherr beim Einsteigen . Ich glaube , es kommt daher , weil die Staatsmänner ein schlechtes Gewissen haben und die Behandlung der Brieffelleisen kennen ... Wenn Sie Geheimnisse haben , mein Bester , so nehmen Sie nur ja erst Oblaten und dann Siegelwachs ... In solchem Fall muß wenigstens das Couvert abgerissen und aufrichtig darauf geschrieben werden : » Mangelhaft verschlossen « - - Die Empfehlungen an ein Haus Zickeles wollte Benno abzugeben noch aufschieben ... Haben Sie noch sonst eine Commission in der Stadt ? ... Benno kämpfte mit sich , die Namen Angiolina Pötzl und die Herzogin von Amarillas zu nennen ... Er unterdrückte den Reiz und gab gern seine Zustimmung , daß nun der Wagen pfeilgeschwind zum Burgthor hinausfuhr ... Die Unterhaltung konnte nur Erläuterung zu den bunten , mannichfach wechselnden Eindrücken der Fahrt sein ... Maria Treu das ! sagte der Chorherr auf eine Kirche deutend ... Wir haben Maria Stiegen - gehört jetzt den Jesuiten ... Maria Treu - gehört den Piaristen - La même chose - Maria Schnee - gehört den Italienern . In Rom zählt ' ich fünfundzwanzig Marienkirchen ... Ich war in Rom ... Ei , da sehen Sie , auf dem Gebirg ist die Nacht schon Schnee gefallen ! ... Da zu , wo Schloß Salem liegt ... Kennen Sie die Sage von Maria zum Schnee ? ... Einige hundert Jahre nach dem Tod unsers Herrn und Erlösers wußte ein reicher Römer keinen Platz , wo er eine Kirche hinbauen sollte ... Die Gottesmutter erschien ihm und zeigte ihm den esquilinischen Hügel , auf dem die Nacht Schnee gefallen war ... Es ist ein ganz sinniger Zug , daß man den Italienern auch hier die Kirche » Maria Schnee « gegeben hat . Maria Schnee ist das Symbol von Rom in seinem Verhältniß zu Deutschland ... Benno konnte sich allmählich denken , daß die Freundschaft des Onkels Dechanten für diesen Chorherrn wohlbegründet war ... Doch mochte er sich nicht von selbst in sein Inneres drängen ... Bei dem zu Hietzing in einem besondern Cabinet eingenommenen Mahle ergab es sich , daß der Chorherr jene sich auf sich selbst stützende Kraft des reichen Klosterlebens alten Styls repräsentirte ... Ein lebhaftes Unabhängigkeitsgefühl trat immer mehr zu Tage ... Und beim Wein löste sich die Zurückhaltung des unterrichtet und höchst scharf urtheilenden Mannes vollends ... Der Chorherr war ein Bürgerssohn aus dem Salzburgischen , hatte große Reisen gemacht , gelehrte Werke herausgegeben und stand seit der Aufhebung seines Prämonstratenserstifts nur noch im losen Zusammenhang mit dem Klerus ... Immer heiterer und heiterer wurde er ... Das ganze gleichsam zurückgetretene Liebesgefühl und Liebesbedürfniß des katholischen Priesters , das sich bei würdigen Naturen in einem nicht zu misdeutenden Bedürfniß nach männlicher Freundschaft und namentlich zu Jünglingen ausspricht - wodurch gutgeartete höhere katholische Priesternaturen eine seltene Befähigung zur Erziehung gewinnen - kam auch bei dem bisher so trockenen alten Herrn ganz zum Vorschein ... Er konnte die Hand des jungen Mannes wie ein Verliebter drücken ... Beim Dessert sprach der Chorherr schon wie ein Vater mit seinem Sohn ... Es war ihm nichts fremd von dem , was die Welt bewegte ... Nun kam das alles heraus ... Er las , was nur dem Gebildeten zu kennen geziemt ... Und sein Gelesenhaben und Wissen war , nun blitzte auch das auf , wie eine geheime Waffe gegen seinen eigenen Beruf , eine geheime Rüstung für die künftige Zeit ... Wie Benno die Donaureise beschrieb und freimüthig auf die Zeiten zu sprechen kam , wo , wie der Jesuitengeneral einst zu Terschka geklagt hatte , sieben Achtel der österreichischen Lande protestantisch waren , - wie er dann vollends den Bauernaufstand des Stephan Fadinger erwähnte und bei Gelegenheit der Wohnung Schnuphase ' s die Weigerung des frühern lutherischen Hauswirths des heiligen Stanislaus , das Allerheiligste in sein Haus kommen zu lassen - da sagte der Chorherr unerschrocken : Wir werden noch einmal wieder zurückkommen müssen auf das sechzehnte Jahrhundert , mein Lieber ! Wir werden noch einmal da anfangen , wo der gute Luther stehen geblieben ist , ehe die Habsucht der sächsischen und hessischen Fürsten den seltenen Mann in Beschlag nahm und die Ausartungen seiner Reform ihn erschreckten ! Freilich ist ein Volk , das in einer Wallfahrt ein Gemüthsbedürfniß befriedigt , ein Volk , das sich zu einer Bruderschaft vom » Todesschweiß des Erlösers « zahlreich einschreiben lassen kann , nicht sofort durch Kant und Hegel für die Aufklärung zu gewinnen . Das Kreuz des Erlösers wird die Reform immer mittragen müssen ! ... Benno hörte die Ansichten Bonaventura ' s ... Nach Tisch wandelten beide jetzt schon Vertrautgewordenen in dem bereits entlaubten herrlichen Park von Schönbrunn ... Der Chorherr legte seinen Arm in den Arm seines jungen Freundes ... Mit dem Blick auf die Außenwelt , mit dem herbstlichen Laub , das vor ihnen der Wind dahinfegte , kehrte die Hypochondrie des Greises zurück ... Das herrliche sonnige Wetter hatte die Käfige der Menagerie geöffnet ... Benno folgte dem Zuge der andern Spaziergänger , folgte dem Lachen über die Kunststücke der Affen , dem