Ackermann , mich gebunden zu fühlen . Früher war die Ungebundenheit meine Religion . Ich bin noch rüstig , ich fühle die Kraft in mir , mit Vielen in der großen Welt einen Wettlauf zu beginnen . Ich würde mich aber verachten , wenn ich ihn anträte . Religion ist das als eine Lebensnothwendigkeit tiefempfundene Gefühl der Abhängigkeit . Freilich die meisten Religiösen machen aus der tiefempfundenen Thatsache ein tiefempfundenes Bedürfniß dieser Thatsache . Das kann ich nicht ! Diese Religiosität , die an sich schon das Bedürfniß der Schranke hat , das Bedürfniß der Gebundenheit , ist Schwärmerei und mit Schwärmerei ist Gefahr verbunden . Diese Art von Religiösen spricht von Läuterungen und läutert sich meist nur durch Das , was ihnen größres Wohlgefallen verursacht . Ich kannte eine Frau , die sich für die Sünden ihrer Jugend dadurch läutern wollte , daß sie die Feder ergriff und schrieb . Lieber Himmel , die Zeit der Blüte war vorüber . Sie hatte gut sich läutern durch etwas , was ihr einen neuen Lebensreiz bot . Ich kannte Andre , die sich läuterten , indem sie aus unsrer Kirche in die Ihrige übertraten . Die Wollust des Geistes spielt mit der der Sinne geheimnißvoll zusammen . Eine Läuterung kann ich nur da finden , wo man sich in etwas , seiner Natur und Neigung Widersprechendes , aber objectiv als gut und vollkommen Anerkanntes hineinlebt und in der Pflichterfüllung eine süße Freude genießt . Bei diesen Worten öffnete sich die Thür . Selma und Oleander traten ein . Dieser , um für heute Abschied zu nehmen , Jene , um zu fragen , ob es nun für morgen bestimmt dabei bliebe , daß sie im Plessener Amtshause zu Tische wären ? Warum nicht ? sagte Ackermann . Gewiß , gewiß ! Sagen Sie der Justizdirectorin zu , daß wir kommen . Damit begleitete er die Scheidenden an den Wagen , der ihm gehörte . Die kleine Hedwig mußte auf Selma ' s Verlangen Grüße an die Mutter und Geschwister bestellen . Louis bat Selma , sie möchte sich der rauhen Luft nicht aussetzen und in das Haus zurücktreten . Sie war erhitzt . Ihre Farben glühten wie vom Pinsel des Malers aufgesetzt . Louis nahm noch einmal den vollen Eindruck ihrer Anmuth hin , dankend für die freundliche Aufnahme , versicherte , daß er Egon auf ihren Wunsch die Lection lesen würde für seine Urtheile über Amerika und fuhr dann mit dem wieder schweigsam gewordenen Oleander , begleitet auch noch von einem zuthunlichen Nachnicken der etwas dreisten Magd aus dem Heidekruge , über den Hof auf die Straße hinaus , die sie heute früh gekommen waren . Sechstes Capitel Waldeinsamkeit im Winter Regnerische Herbsttage enden oft mit einem Abend , wo sich der Himmel aufklärt und ein rother Streifen am westlichen Horizont die scharfe , gereinigte Luft verkündet , die nun bald den ganzen Winter bringen wird . Ein solcher rother Streifen lag weit über die Ebene hin , die sich vom Ullagrunde immer mehr niedersenkte und nur noch bei Plessen und Hohenberg einmal in die Höhe stieg . Louis konnte dem Drange nicht Einhalt thun , sich über diesen Empfang und diese beiden Wesen , Vater und Tochter , mit voller Theilnahme auszusprechen . Er sagte , wenn Selma in dem Geiste ihres Vaters reife , müßte sie ein weibliches Ideal werden . Es war nicht ganz der Widerschein des Abendhimmels , daß Oleander ' s Wange bei diesen Worten dunkel erglühte . Da Sie Dichter sind , sagte Louis , haben Sie in Ihrer Schülerin eine Muse , die Sie zu manchem Verse begeistern wird . Darf ich Sie nicht bitten , mir einmal einige Mittheilungen Ihres Talentes zu machen ? Besuchen Sie mich in einer Abendstunde , sagte Oleander . Am Tage hab ' ich oft in der Frühe die Plessener Schule zu besuchen , an zwei Wochentagen ist Religionsunterricht , dann fahr ' ich auf den Ullagrund , finde Abends heimgekehrt noch manche amtliche Pflicht , Samstags bereit ' ich mich auf meine Predigt vor , so kann ich nur des späten Abends mich mit dem Niederschreiben der Verse beschäftigen , die mir freilich schon den ganzen Tag wie mouches volantes vor den Augen tanzen . Suchen oder finden Sie Ihre Ideen ? fragte Louis , dem es lehrreich war , in die Werkstatt einer Kunst zu blicken , die er mehr als Naturalist und nur des Tendenzzweckes wegen trieb . Man hatte ihm auch schon den Unsinn beweisen wollen , daß die Tendenz mit der Poesie unvereinbar wäre oder die Schwingen des Talentes nicht in reine Sphären tragen könne . Ich suche die Ausführung , antwortete Oleander , aber ich finde die Veranlassung . Beim Ausführen muß der Verstand helfen . Das Finden ist zufällige Anregung . Ich möchte diesen Zustand mit dem Blick in den Nachthimmel vergleichen , wo plötzlich von den Sternen uns ein Lichtglanz abzufallen scheint . Die besten Gedichte müssen solche Sternschnuppen sein . Aber im August und November , sagte Louis nicht ohne Feinheit , fallen die Sternschnuppen mit einer gewissen Regelmäßigkeit . Dann muß es Gedichte geben , man mag wollen oder nicht . Ist nicht die Liebe eine solche ewige August- und Novembernacht des Dichters ? Oleander , der eine tiefe Neigung für Selma gefaßt zu haben schien , schwieg fast verlegen . Nach einer Weile wiederholte er seine frühere Aufforderung : Wenn Sie noch eine Weile bei uns bleiben , kommen Sie einmal des Abends auf mein Stübchen . Ich will Ihnen dann etwas von meinen Versen lesen . Das Beste wird wol vorläufig daran sein , daß ich sie alle sehr zierlich in ein Buch eintrage , das ich früher für gelehrte Zwecke bestimmte . Da steht immer eine lateinische Phrase auf dem Anfang des Blattes und hinterher folgen meine deutschen Reimereien . Das erinnert mich , sagte Louis , an jenen jungen Mönch , den die Brüder seines Klosters zum Vorsteher der Bücherei gemacht hatten .