mit scharfem Blicke . Melanie ist schön ! sagte das gepeinigte Mädchen . Ich sah sie hier zu Pferde ... wie eine Königin ... o so schön ! Louis freute sich der Bemerkung , daß Helenen ' s Abreise in der Zeitung bestätigt war . Er hatte davon gehört , es nicht glauben mögen , nun schien es doch gewiß , daß Egon wenigstens von dieser Seite frei war . Die Zeitungen brachten Ackermann jetzt auf den Wildungen ' schen Prozeß , der ihn gleichfalls zu interessiren schien . Lebhafte Freude empfand er über die Mittheilung , daß Louis diese beiden Brüder Wildungen kannte . Er fragte nach der Mutter der Brüder und hörte voll Bedauern , daß sie krank sei und Dankmar nach Angerode auch deshalb gereist war , um sie aus der Pfarrwohnung , die kalt und ungesund sein sollte , in eine behaglichere überzusiedeln . Als Louis das Tempelhaus von Angerode erwähnte , sagte Ackermann fast vor sich hin mit eignem aber auffallendem Ausdruck : Das Tempelhaus von Angerode ! Kennen Sie es ? fragte Oleander . O wohl kenn ' ich es aus meiner Jugend , bestätigte Ackermann ; bin ich doch selbst ein Thüringer und nicht weit von der güldenen Aue geboren ! Wohl kenn ' ich das stolze Gebäude von rothen aus dem Harz gebrochenen Sandsteinen ! Die Fenster , immer zu zwei und zwei , dicht beisammen , verbunden durch einen Pfeiler , den ein Thier oder ein Engel oder ein Heiliger ziert . Die Fronte ist in Form eines Giebels gebaut , der immer spitzer und spitzer zugeht . Hinter dem Tempelhause die St.-Johanniskirche. Zur Seite ein altes Convikt - Dort fand Dankmar Wildungen die Papiere , die die Ansprüche seiner Familie verbürgen , ergänzte Louis . Ich kenne diese Ansprüche , sagte Ackermann . Die Familie Wildungen ist eine der ältesten in Thüringen . Sie stammt von einem Grafengeschlechte , deren Ahnen ihr Grab bei den Sarazenen fanden . Hugo von Wildungen war ein Mann von ernster Strenge , nicht verweichlicht durch den weltlichen Sinn , der die Auflösung der Johanniter in Thüringen , die weithin Besitzungen hatten , zu einem leichten Spiele der Reformation machte . Ich kenne die Familientradition der Wildungen . Den Jüngsten sah ich nie . Den Ältesten hab ' ich oft als kleinen Buben auf meinen Knieen geschaukelt . Ist er Maler geworden , der kleine blonde Siegbert ? Louis wurde nicht müde , von den Brüdern zu berichten und bat zuletzt , ob er ihnen von Herrn Ackermann nicht eine ausführlichere Kunde bringen dürfe ? Der Name Ackermann wird im Gedächtniß dieser Kinder nicht leben , sagte Selma ' s Vater . Sagen Sie ihnen nichts von mir , wär ' es auch nur , um zu verhindern , an die Vergangenheit zu denken . Der Rückblick auf ihre Jugend kann diesen Jünglingen nicht in die schöne violette Färbung getaucht sein , in welcher die thüringischen Berge am Horizonte sich malen . Ach , sie hatten einen Vater , den alles Misgeschick verfolgte , eine Mutter , die erst über die Brücke der Kinderliebe ganz zum Herzen des Gatten sich neigte . Um so glücklicher , wenn sie einer märchenhaften Zukunft zusteuern und sich mit entschloßner Hand ihr eignes Lebensloos zu ziehen wagen aus einer hochgestellten Urne ! Sagen Sie ihnen nichts von mir ! Bewegt stand Ackermann auf . Das kleine für die ländlichen Entbehrungen sehr gewählt gewesene Mahl war vorüber . Man wandte sich in das offenstehende Zimmer Ackermann ' s , wo die Zurüstungen mit Tassen und Kannen schon in aller Stille von den Mägdehänden hergerichtet waren . Ackermann bot seinen Gästen Cigarren , ohne jetzt selbst zu rauchen . Selma , sagte er , zeige Herrn Armand , wie wir am Missouri und an der kleinen deutschen Ulla unsre Feste feiern , damals als die Mutter lebte und jetzt , wo wir von ihrem Andenken zehren ... Selma setzte sich an den Flügel und präludirte einige Takte , während der Tisch abgedeckt wurde und die kleine Hedwig , die schon lesen konnte , fragte , welche Noten sie ihr suchen sollte . Beethoven ! bat Oleander . Fallen Ihnen da die besten Reime ein ? fragte Ackermann . Gedanken , nicht Reime , sagte Oleander . Und dann mit den Gedanken auch die Reime . Und mit dem Beethoven , rief Selma vom andern Zimmer herein , wirkt bei Herrn Oleander auch die Digestion auf die Phantasie . Wie ? die Verdauung ? sagte Ackermann . Schämen Sie sich ! Sind Sie da noch ein wahrer Dichter ? O , bemerkte Oleander erröthend , leider hab ' ich neulich Selma gestehen müssen , daß ich die prosaische Bemerkung gemacht habe , wie ich unmittelbar nach Tisch die größte Elastizität des Geistes habe und Bilder , Anschauungen , Gedanken plötzlich finde , die ich sogar in nächtlicher Stille vergebens suchte . Fräulein Selma hat darüber einen Spottvers gemacht . Sagen Sie ihn ! Statt aller Antwort schlug aber Selma mit gewaltiger Kraft die ersten Accorde der Sonate pathétique an und schnitt damit die weiteren Erörterungen ab . Ackermann lehnte sich ein wenig in die Sophaecke , Oleander , seinen Kaffee trinkend , folgte dem fertigen und gewandten Spiele des jungen Mädchens , das der Musik zu bedürfen schien , um sich von namenlosen Empfindungen , die sie beschlichen hatten , zu befreien . Während noch Selma in dem Adagio begriffen war und mit großer Reinheit die ersten Läufe , perlenden Thautropfen gleich , wie aus ihren Fingern gleiten ließ , überdachte Louis Armand die Situation , in der er sich befand . Er konnte sich nicht verschweigen , daß in diesem kleinen einsamen Kreise ein Element waltete , das ihm neu und fremdartig war . Die sinnige kleine Welt des höheren Bürgerlebens , verbunden mit den freien und großartigen Anschauungen eines fremden Welttheils , verbreitete hier eine Atmosphäre , die um so wohlthuender auf ihn wirkte , als er überall im Gespräche