konnte ihn jetzt erst recht von seinem völlig zugewandten Antlitz betrachten . Oleander war sehr groß und mager . Den Kopf trug er etwas übergebeugt . Seine Züge waren starkknochig , verriethen aber Geist . Das Haar hing schlicht und wol zu wenig gepflegt herab . Das Auge verrieth eine stille ernste Ruhe , stand aber oft wie nach innen gekehrt und schien einen abwesenden , träumenden Sinn zu verrathen . Es war geröthet wie von starkem Blutandrang oder von Nachtlektüre . Sein ganzes Wesen hatte etwas , das Louis sehr an seinen geliebten Siegbert erinnerte . Doch fehlte Oleandern dessen aufmerksamer , theilnehmender , Jedem liebevoll zugewandter Sinn . Oleander schien mehr ein Egoist des Gemüthes , eine jener unschuldigen Naturen zu sein , die wie der Vogel auf den Zweigen unbekümmert um Andre ihr Dasein hinleben . Er gestand sich , er hätte ihn wol einmal mögen predigen hören . In manchen französischen Werken erinnerte er sich , junge lebensunerfahrene Geistliche so geschildert gesehen zu haben , wie er hier wirklich einen protestantischen fand . Von den katholischen mußte er sich sagen , daß die Dichter , besonders Lamartine , diese Gattung Dorf-Vikare zu sehr verschönerten und die idyllische Natur der Schweiz oder Südfrankreichs , in denen sie leben und wirken sollten , auf ihr eigenes Wesen übertrugen . Louis Armand erinnerte sich , bei allen katholischen Geistlichen einen Trieb zur Weltlichkeit und Geselligkeit gefunden zu haben , der diesem träumerischen Oleander gänzlich zu fehlen schien . So hatte er die Einladung , die ihm höchst dringend gestern Abend und heute früh die Gemahlin des Herrn von Zeisel an Herrn Ackermann und Fräulein Selma für morgen aufgetragen , ganz vergessen . Erst als Louis zufällig von der erneuten Nachfrage nach den Büchern der Verwaltung auf Herrn von Zeisel kam und seine Freude ausdrückte , daß doch , wie die Einladung auf morgen beweise , zwischen dem neuen Generalpächter und dem alten Verwalter keine Spannung obwalte und Ackermann und Selma gefragt hatten , welche Einladung ? erst da besann sich Oleander auf den ihm gegebenen dringenden Auftrag . Und Das konnten Sie vergessen , Freund ? lachte Ackermann ; eine so überraschende Einladung ! Die erste , seit wir Nachbarn und freilich auch die unwillkommenen Gegner der Frau Justizdirektorin sind ? Was sagst du dazu , Selma ? Ich überlege schon meine Toilette , antwortete Selma mit der größten Offenherzigkeit . Einer so strengen Richterin der Mode , wie Frau von Zeisel , wag ' ich mich noch nicht auszusetzen . Es ist gewiß , wir finden dort , zu Ehren des Herrn Louis Armand , Alles zusammen , was sich nur an Honoratioren auf drei Meilen in der Runde auftreiben läßt . Es ist gut , daß du sagst zu Ehren des Herrn Louis Armand , sonst würd ' ich nicht hingehen ! bemerkte der Vater . Um ' s Himmelswillen , fiel Oleander ein . Thun Sie mir Das nicht an ! Wie dank ' ich Ihnen , Herr Armand , daß Sie mich an diesen Auftrag erinnert haben . Sie kennen Frau von Zeisel nicht . Ich versichere Sie , daß sie seit Ihrer Ankunft nicht schläft und über die Vorbereitungen zu dem morgenden Diner Alles , Alles vergißt , höchstens ihren Stammbaum nicht . Oleander thaute , wie Louis sah , allmälig auf . Ich habe mir in mein Taschentuch , sagte er , vor ihren Augen drei Knoten machen müssen , das Tuch in meinen Hut gelegt und nun will der Zufall , daß ich wegen des Regens die Mütze nehme und obenein ein neues Taschentuch . Wenn ich Das nun vergessen hätte ! Sie hätte mich nächsten Sonntag in meiner Predigt irre gemacht durch die rollenden Augen , die sie Einem zuwerfen kann ! Dank ! Dank Ihnen ! Man mußte lachen . Ackermann gab sich darein , zu kommen . Nach Tische , sagte Selma , können wir ja einmal das Schloß besuchen . Noch niemals waren wir in den Zimmern und immer versprichst Du es , Vater . Jetzt wäre die beste Gelegenheit ! Ackermann antwortete darauf nicht . Es schien ihm nicht lieb zu sein , an dies Versprechen erinnert zu werden . Um von dem Gegenstande abzukommen , gab er Louis Veranlassung , wieder von sich selbst , von seiner Heimat , seiner Jugend zu sprechen . Auch nach seiner Schwester fragte Ackermann jetzt und erzählte , was er von Egon ' s Beziehung zu ihr wußte , mit absichtlich hervorgehobenem Nachdruck . Louis erschrak über diese Fragen und auffallend war ihm , daß sich Ackermann mit der Erwähnung seiner Schwester nicht beruhigte , sondern auch von Helene d ' Azimont und zuletzt von Melanie sprach und wie absichtlich er hervorhob , daß Egon ' s Charakter den Frauen gegenüber leichtsinnig wäre und von einem sittlichen Standpunkte aus keine Rechtfertigung finden könnte . Die Wirkung dieser für Louis peinlichen Erörterungen auf Selma fiel ihm auf . Das Blut stieg dem holden Mädchen in die Wangen . Sie wurde unruhig . Sie plauderte mit dem Kinde , ohne daß sie darum aufhörte , dem Gespräche der Männer zuzuhorchen . Oleandern , den die Mittheilungen interessirten , zog sie sogleich von ihnen ab und verwickelte ihn in ein andres Gespräch . Erst als Ackermann merkte , daß seine , wie es schien , absichtliche Erörterung dieser Herzenschronik des jungen Fürsten von Selma nicht mehr beachtet wurde , brach er ab und ging auf gleichgültige Dinge über . Seid Ihr fertig , rief jetzt Selma , fertig mit diesen Verleumdungen ? Freilich der Tod Ihrer guten Louison ist keine Verleumdung . Sie wissen wohl , wo sie ruht und woran sie starb , die Gute ! Aber Helene und Melanie ! Das Alles mag in Wahrheit viel anders aussehen , als die Justizdirektorin es Dir neulich aufgeheftet hat ! In der Zeitung steht , Helene d ' Azimont ist abgereist und Melanie - Nun , Selma ? fragte Ackermann lächelnd , aber