hinauf . Kein Wölkchen zeigte sich daran , er war unendlich heiter und die Sonne schien warm . Es gab noch fast keinen Schatten im Garten , die goldenen Strahlen konnten überall durch die Baumzweige auf die Erde niedertanzen . Und das Singen und Jubeln der Vögel hörte nicht auf . Schade , daß sie morgen nach der Stadt zurück mußte , gerade nun es hier so reizend wurde — täglich schöner ! Seit gestern hatte sich alles schon wieder verändert . Busch und Strauch trugen nicht mehr das Grau des Winters — wie durchsichtige bunte Schleier lag es über dem Gezweig . Trat man näher und beugte sich herzu , so sah man , daß die Farbenschleier aus tausend und abertausend kleinen Knöspchen zusammengesetzt waren . Nein , aber wie süß ! Agathe ging von einem zum andern . Dunkelrot schimmerte es an den knorrigen Zweigen der Apfelbäume , die sich über den Weg streckten , grünweiß hoch oben an dem großen Birnbaum , und schneeig glänzte es schon von den losen Zweigen der sauren Kirschen . Bei den Kastanien streckten sich aus braunglänzenden klebrigen Kapseln wollige grüne Händchen neugierig heraus , und die Herlitze war ganz in helles Gelb getaucht . Der Flieder — die Hainbuche — jedes besaß seine eigene Form , seine besondere Farbe . Und das entfaltete sich hier still und fröhlich in Sonnenschein und Regen zu dem , was es werden sollte und wollte . Die Pflanzen hatten es doch viel , viel besser als die Menschen , dachte Agathe seufzend . Niemand schalt sie — niemand war mit ihnen unzufrieden und gab ihnen gute Ratschläge . Die alten Stämme sahen dem Wachsen ihrer braunen , roten und grünen Knospenkinderchen ganz unbewegt und ruhig zu . Ob es ihnen wohl weh that , wenn die Schnecken , die Raupen und die Insekten eine Menge von ihnen zerfraßen ? Agathe streichelte leise die borkige Rinde des alten Apfelbaumes . Sollten die Vögel vielleicht das ausschelten übernommen haben ? Das war eine komische Vorstellung , Agathe kicherte ganz für sich allein darüber . Ach bewahre — die Vögel hatten um diese Zeit schon furchtbar viel mit ihrem großen Liebesglück zu thun . Ob es wohl auch Vögel gab , die eine unglückliche Liebe hatten ? Na ja — die Nachtigall natürlich ! Übrigens — ganz genau konnten das die Dichter auch nicht wissen . Ach — wäre sie doch lieber ein Vögelchen geworden oder eine Blume ! Auf einem ganz schmalen Pfade ging Agathe endlich zum Mühlteich hinab . Er lag am Ende des Gartens , der sich vom Hause her in sanfter Senkung bis zu ihm streckte . Weil die Pastorsjungen beständig ins Wasser gefallen waren , hatte man den Weg zuwachsen lassen . Agathe mußte die Gebüsche auseinanderbiegen , um hindurch zu schlüpfen . Sie wollte Abschied von dem Bänkchen nehmen , das unten , heimlich und traulich versteckt , am Rande des Weihers stand . Im vergangenen Herbst hatte sie viel dort gesessen und gelesen oder geträumt , auch in diesem Frühling schon , in warmen Mittagsstunden . Am linken Ufer des stillen Sees , der weiter hinaus zu einem sumpfigen Rohrfeld verlief , lag die Mühle mit ihrem überhängenden Strohdach und dem großen Rade . In der Bucht am Pfarrgarten zeigten sich auf dem Wasser kleine Nymphäen-Blätter . Im Herbst war es hier ganz bedeckt gewesen von den grünen Tellern , und darüber flirrten die Libellen . Die schleimigen Stiele der Pflanzen drängten sich sogar durch die grauen Planken des zerfallenen Bootes , welches dort im Wasser faulte . Anfangs hegte Agathe romantische Träume über den alten Kahn : daß er draußen in Sturm und Wellen gedient — daß er das Meer gesehen habe und an Felsenklippen gescheitert sei . Die kleinen Pastorsjungen hatten sie aber mit dieser Geschichte ausgelacht . Das Boot wäre immer schon auf dem Mühlteiche gewesen , doch bei den vielen Wasserpflanzen und den Rohrstengeln könne man ja gar nicht fahren ; da sei es durch ' s Stilleliegen allmählich ein so elendes , nutzloses Wrack geworden . Nun konnte Agathe das Boot nicht mehr leiden . Es stimmte sie traurig . Ihre junge Mädchenphantasie wurde bewegt von unbestimmten Wünschen nach Größe und Erhabenheit . Sie dachte gern an die Ferne — die Weite — die grenzenlose Freiheit , während sie an dem kleinen Teich auf dem winzigen Bänkchen saß und sich ganz ruhig verhalten mußte , damit sie nicht umschlug und damit die Bank nicht zerbrach , denn sie war auch schon recht morsch . Plötzlich fiel Agathe die Beichte wieder ein , die sie hatte niederschreiben und ihrem Seelsorger übergeben müssen . Ihre Halbheit und Unaufrichtigkeit . . . und nun wurde es ihr zur Gewißheit , die Schuld des Unfriedens , der diesen heiligen Tag störte , lag in ihr selber . Schamvoll bekümmert starrte sie in das Wasser , das auf der Oberfläche so klar und mit fröhlichen , kleinen goldnen Sonnenblitzen geschmückt erschien und tief unten angefüllt war mit den faulenden Überresten der Vegetation vergangener Jahre . Die Freundschaft zwischen Agathe Heidling und Eugenie Wutrow bestand schon sehr lange — seitdem sie eines Morgens mit weißen Schürzchen und neuen Tafeln und Fibelbüchern zum ersten Mal in die Schule gebracht wurden und ihre Plätze nebeneinander angewiesen bekamen . Da hatten sie die Bonbons aus ihren Zuckerdüten getauscht , und nun waren sie Freundinnen . Ihre beiden Mamas schickten sie in diese kleine vornehme Privatschule , denn in der staatlichen höheren Töchterschule kamen doch immerhin Kinder von allerlei Leuten zusammen , und sie konnten leicht ein häßliches Wort oder gewöhnliche Manieren mit nach Haus bringen . Entweder holte Agathe die kleine Wutrow zum Schulweg ab , oder Eugenie klingelte um dreiviertel auf acht Uhr bei Heidlings , wozu sie sich auf die Zehen stellen mußte , bis Mama Heidling ein Strickchen an den gelben Messingring des Glockenzuges band . Auch in ihren Freistunden steckten die Mädelchen beständig zusammen . Am liebsten war Agathe bei Eugenie