Selbst die Bergleute verriethen einiges Interesse , die , wie es hieß , junge und schöne Frau ihres künftigen Herrn kennen zu lernen . Mehr als einer zog den Ledergurt fester und drückte den Hut tiefer in die Stirn . Ulrich allein stand völlig unberührt da , ebenso starr , ebenso verächtlich wie vorhin , und warf auch nicht einmal einen Blick nach jener Seite . Aber der mit so vieler Mühe und Sorgfalt vorbereitete Empfang sollte ganz anders ausfallen , als man erwartet und gehofft hatte . Ein Schreckensruf des Schichtmeisters , der jetzt außerhalb der Ehrenpforte stand , lenkte Aller Blicke dorthin , und was sie jetzt sahen , war allerdings entsetzlich genug . [ 21 ] Die Höhe herab , über die der Weg vom Dorfe hierher führte , kam oder flog vielmehr ein Wagen , dessen Pferde augenscheinlich im Durchgehen begriffen waren . Vermuthlich durch die Böllerschüsse scheu gemacht , stürmten sie in rasendem Laufe dahin , so daß der Wagen , auf dem unebenen Wege hin- und hergeschleudert , in größter Gefahr schwebte , entweder den jähen Abhang rechts hinabzustürzen , oder an den mächtigen Bäumen links zu zerschellen . Der Kutscher schien alle Geistesgegenwart verloren zu haben , er hatte die Zügel fahren lassen , und klammerte sich in Todesangst an seinen Sitz an , und vom Hügel drüben , wo man der Bäume wegen das Unglück , das man angerichtet , nicht wahrnehmen konnte , krachte noch immer Schuß auf Schuß , und spornte die entsetzten Thiere zu immer wilderem Jagen an . Das schreckliche Ende dieser rasenden Fahrt lag nur zu deutlich vor Augen ; bei der Brücke unten kam unausbleiblich die Katastrophe . Die am Hause Versammelten thaten , was eine größere Versammlung bei solcher Gelegenheit meist zu thun pflegt . Man schrie laut auf vor Schrecken , man lief rathlos und hülflos durcheinander , die so nothwendige Hülfe wirklich zu bringen , fiel Niemandem ein . Selbst von den Grubenarbeitern hatte im Moment , auf den doch hier Alles ankam , keiner den Muth oder die Geistesgegenwart , rasch einzuschreiten . Keiner außer Einem , der allein seine Besonnenheit nicht verlor . Die Gefahr in ihrer ganzen Größe mit einem Blicke überschauen , den Vater und die Cameraden zur Seite schleudern und hinausstürzen , war für Ulrich das Werk einer Minute . In drei Sprüngen hatte er die Brücke erreicht , ein Angstschrei Martha ’ s hallte ihm nach – zu spät , er hatte sich den Pferden bereits entgegen geworfen und fiel ihnen in die Zügel . Hochauf bäumten sich die erschreckten Thiere , aber anstatt inne zu halten , setzten sie zu neuem Laufe an und wollten ihn mit sich fortreißen . Jeder Andere wäre von ihnen geschleift und zertreten worden , aber Ulrich ’ s Riesenkraft gelang es , sie zu bändigen . Ein furchtbarer Ruck am Zügel , den er nicht losgelassen , zwang das eine der Rosse zum Sturze , es fiel und riß im Fallen auch das andere mit sich nieder – der Wagen stand . Der junge Bergmann war an den Schlag getreten , in der sicheren Voraussetzung , die Insassen , zum Mindesten die Dame , in Ohnmacht zu finden . Seiner Auffassung nach war dies der gewöhnliche Zustand der Vornehmen , wenn ihnen irgend eine Gefahr nahe trat , aber nichts von alledem hier , wo , wenn irgendwo im Leben , doch wirklich einmal die Berechtigung zur Ohnmacht vorhanden war . Die junge Frau stand aufrecht im Wagen , sich mit beiden Händen krampfhaft an der Rücklehne festhaltend , ihre starren , weit geöffneten Augen waren noch auf den Abhang gerichtet , in dessen Tiefe die Fahrt wahrscheinlich in der nächsten Minute ein schreckliches Ende gefunden hätte , aber kein Laut , kein Angstschrei war über ihre festgeschlossenen Lippen gekommen . Bereit , wenn es zum Aeußersten kam , einen Sprung zu wagen , der ihr hier freilich unausbleiblichen Tod gebracht hätte , hatte sie dem Tode stumm und fest in ’ s Antlitz gesehen , und ihr Gesicht zeigte , daß sie es mit vollem Bewußtsein gethan . Ulrich hatte sie rasch umfaßt und herausgehoben , denn die am Boden sich wild aufbäumenden und schlagenden Thiere brachten den Wagen immer noch in einige Gefahr . Es waren nur wenige Secunden , während er sie über die Brücke trug , aber während dieser Secunden hefteten sich die dunkeln Augen fest auf den Mann , der sich mit solcher Todesverachtung fast unter die Hufe ihrer Pferde geworfen , und sein Blick streifte das schöne blasse Antlitz , das der Gefahr so muthig Stand gehalten – vielleicht war es dem jungen Bergmann gar zu ungewohnt , auf einmal ein weiches schillerndes Seidengewand im Arme , und sich von dem weißen luftigen Schleier umweht zu fühlen , der über seiner Schulter flatterte , ein Ausdruck der Verwirrung glitt über seine Züge , und hastig , beinahe ungestüm , setzte er die Dame drüben nieder . Eugenie zitterte noch leise , als ihre Lippen sich zu einem tiefen freien Athemzuge öffneten , das war aber auch das einzige Zeichen der überstandenen Angst . „ Ich – ich danke Ihnen ! Sehen Sie nach Herrn Berkow ! “ Ulrich , der bereits im Begriff stand , dies zu thun , hielt befremdet inne . „ Sehen Sie nach Herrn Berkow “ , sagte die junge Frau , in einem Momente , wo jede angstvoll den Namen ihres Mannes gerufen hätte , und sie sagte es sehr kühl , sehr ruhig ; eine Ahnung von dem , was die Herren an der Terrasse vorhin so ausführlich besprochen , dämmerte in dem jungen Bergmanne auf , er wandte sich um und ging nach „ Herrn Berkow “ zu sehen . Dieser bedurfte indessen seines Beistandes nicht mehr ; er war bereits allein ausgestiegen und herübergekommen . Arthur Berkow hatte auch bei dieser Katastrophe seine passiv gleichgültige Natur nicht verleugnet . Als die Gefahr so unvermuthet hereinbrach und