gehört . “ Die Zurechtweisung wurde sehr ruhig , aber zugleich so bestimmt gegeben , daß Lucie gar nicht einmal Miene machte , die letzten , höchst beleidigenden Worte übel zu nehmen . Halb verwundert , halb eingeschüchtert sah sie den Bruder von der Seite an , ob es ihm wohl mit der Strenge Ernst sei , aber der Blick in sein Gesicht mochte ihr nicht viel Tröstliches zeigen . Die weitere Opposition unterblieb , wenn es auch in dem Antlitz der jungen Dame deutlich geschrieben stand , daß die aufgedrungene Erzieherin gerade kein beneidenswerthes Loos haben werde , und daß der Zögling sich bereits vornahm , ihr das Leben nach Kräften schwer zu machen . Bernhard zog die Zügel plötzlich an sich , in der Biegung der Straße ward jetzt ein zweiter Wagen sichtbar , und es schien bei dem schmalen , dicht am Abhang entlang führenden Wege allerdings nicht rathsam , in dem bisherigen Tempo daran vorüberzufahren . Es war eine herrschaftliche Equipage , wohl aus der Residenz mit hergebracht ; denn für eine Fahrt in den einsamen Bergen schienen diese prachtvollen Seidenpolster , dieser wappengeschmückte Schlag und die reiche grüne und goldene Livree der Dienerschaft kaum passend . Zwei schon ältere Damen in reichster und elegantester Stadttoilette saßen darin , aber obgleich die Wagen langsam und ganz nahe aneinander vorüberfuhren , wurde doch weder ein Gruß , noch ein Zeichen des Erkennens zwischen ihren Insassen gewechselt . Die Damen sahen vornehm zur Seite und Bernhard schien seine ganze Aufmerksamkeit den Pferden zuzuwenden ; in weniger denn einer Minute war man aneinander vorbeipassirt und setzte gleichzeitig wieder zu schneller Fahrt ein . „ Bernhard , wer waren die Damen ? “ Lucie legte mit kindlicher Neugierde beide Hände auf den Arm des Bruders . „ Gräfin Rhaneck und ihre Gesellschafterin ! “ antwortete er kurz . „ Du kennst sie also ? “ „ Es sind meine nächsten Gutsnachbarn . Ich sitze in Dobra gerade eingekeilt zwischen Aristokratie und Clerus , rechts liegt Schloß Rhaneck , links das Stift mit ihren beiderseitigen Ländereien . Kaum einen Schritt kann ich aus meinem Gebiete hinausthun , ohne mit den Insassen des einen oder des anderen in Berührung zu kommen – eine beneidenswerthe Nachbarschaft ! “ „ Aber wenn Dir die Lage der Güter nicht gefiel , weshalb kauftest Du sie denn eigentlich ? “ fragte Lucie naiv . „ Weil sie für einen Spottpreis zu haben waren , und weil ich bei den dortigen Verhältnissen Erfahrungen verwerthen und Erfolge erreichen kann , die in unserm Norden mit dem zehnfachen Kostenaufwande nicht durchzuführen wären . Doch davon verstehst Du nichts ! “ brach er plötzlich kurz ab und wies mit der Hand nach links . „ Sieh Dir lieber den Waldweg dort an , er führt gleichfalls nach Dobra . “ Die junge Dame fuhr wie elektrisirt in die Höhe . „ O , wie schattig und kühl ! Laß uns ein wenig aussteigen und zu Fuße gehen , wir haben lange genug im engen Wagen gesessen ! “ „ In der Mittagsgluth ? Was fällt Dir ein , Kind ! “ „ O , ich bin so lange nicht im Walde gewesen ! Jahrelang habe ich nichts zu sehen bekommen , als nur den Stadtpark und unseren ummauerten Pensionsgarten . Bitte , bitte , Bernhard , laß mich in den Wald , nur auf eine einzige Viertelstunde ! “ Es lag eine so unverkennbare Sehnsucht in der schmeichelnden Bitte , daß der Bruder unwillkürlich nachgiebiger gestimmt ward . „ Nun , meinetwegen ! Eine Viertelstunde lang will ich Dir den Willen thun , Joseph mag bis zur Waldecke vorausfahren und uns dort erwarten . “ Er gab die Zügel dem hinter ihnen sitzenden Kutscher , stieg ab und wandte sich dann um , ihr die Hand zum Aussteigen zu bieten , aber das junge Mädchen wartete gar nicht darauf ; ohne den Wagentritt auch nur zu berühren , sprang sie mit gleichen Füßen auf den Boden nieder und flog ihm voran , dem Walde zu . [ 21 ] Es war allerdings ein schattiger und lieblicher Fußweg , den Beide jetzt einschlugen , aber für Lucie schien er nur da zu sein , um ihn in allen möglichen und unmöglichen Windungen zu umkreisen . Wie ein junges Reh , das der Gefangenschaft entflohen und der Waldesfreiheit zurückgegeben ist , so sprang sie dahin , das ging immer mitten durch Gebüsch und Haidekraut , ohne nach Weg und Steg zu fragen . Jetzt lief sie einem Schmetterlinge nach , um in der nächsten Secunde drüben auf der entgegengesetzten Seite ein Eichhörnchen aufzujagen , oder eine Blume zu pflücken . Bald hier , bald dort sah Bernhard den blauen Schleier ihres Hutes zwischen den Bäumen aufflattern , und dann wehte er wieder dicht neben ihm , wenn sie athemlos an seiner Seite kam , beide Hände voll Blumen ; dabei plauderte der kleine Mund unaufhörlich und floß über von Fragen und Neckereien , sie war zu glückselig . „ Nun aber ist ’ s genug ! “ sagte Bernhard endlich und zog ihre Arme in den seinigen . „ Jetzt bleibst Du an meiner Seite , dort drüben ist bereits der Ausgang des Waldes , wo der Wagen uns erwartet . “ „ Schon ? O laß mich nur noch einen Blick in die Schlucht dort thun , nur einen einzigen ! Ich muß durchaus wissen , wo der kleine Bach herkommt , der dort drüben plätschert ; in zwei Minuten bin ich wieder zurück . “ Und fort war sie , Bernhard sah den blauen Schleier bereits wieder drüben an der Felswand flattern und in der nächsten Minute dahinter verschwinden . „ Nun Gott sei Dank , eine geschraubte Modedame wenigstens hat die Pension nicht aus ihr gemacht ! Das ist noch ganz das Kind , das ich vor vier Jahren dorthin brachte , “ sagte er , mit dem Ausdruck tiefster Befriedigung ihr nachblickend , und blieb geduldiger , als