Du wolltest nicht ? « wiederholte der Pflegevater . » Freilich , wann hättest du denn jemals etwas Vernünftiges gewollt ! Da führt uns die Reise mit diesem Freiherrn von Landes zusammen , eine höchst distinguierte Bekanntschaft ! Er ist Oberpräsident , Geheimrat , Exzellenz , und da die Tochter Künstlerin ist , so ist dir eine direkte Veranlassung zur Annäherung gegeben . Statt dessen hältst du dich in der absichtlichsten Weise fern und störst uns den ganzen freundschaftlichen Umgang . « » Verzeih , Papa « , sagte Siegbert bitter . » Es ist wohl vielmehr der Präsident , der sich fernhält . Er läßt uns den Freiherrn und die Exzellenz öfter fühlen als nötig ist , und was nun vollends diesen Conway betrifft , so streift seine Nichtachtung beinahe an Beleidigung . « Die letzten Worte wurden von den Pflegeeltern als eine Beleidigung ihrer selbst aufgefaßt . Es brach wieder ein Doppelstrom von Vorwürfen auf den jungen Mann ein , dem seine » lächerliche Empfindlichkeit « ebenso nachdrücklich vorgehalten wurde , wie seine Taktlosigkeit und sein Trotz . Siegbert hatte den letzteren längst aufgegeben und war wieder in sein müdes , mutloses Schweigen zurückgefallen . Endlich machte Fränzchen der Szene ein Ende . » Wir wollen gehen , Papa « , sagte sie übellaunig . » Ich dächte , wir wären nun lange genug Siegberts wegen in dem nassen Walde umhergelaufen . Man verdirbt sich die ganze Toilette dabei , und es ist tödlich langweilig hier in dieser Einsamkeit , wo man keinen Menschen steht . « Die Eltern fanden , daß Fränzchen wieder einmal recht habe , und die ganze Familie trat den Rückweg an . Siegbert folgte langsam den Voranschreitenden , am Rande des Waldes blieb er noch einmal stehen und blickte hinauf zu der Egidienwand . Der Adler kreiste jetzt wieder über den Felsen , frei und mächtig regte er seine Schwingen da oben im goldenen Sonnenlicht – in den Augen des jungen Mannes aber , die mit so qualvoll verzehrender Sehnsucht an jenem Fluge hingen , stand es deutlich geschrieben , was seine Lippen leise wiederholten : » Es ist etwas Hartes um die Gefangenschaft ! « Drittes Kapitel . Auf der Terrasse des großen Hotels , das den ganzen Luxus und die ganze Unruhe des Fremdenverkehrs in die stille Bergeseinsamkeit verpflanzt hatte , saßen Präsident von Landes und seine Tochter mit ihrem Gast , der verabredetermaßen gestern eingetroffen war . Es war ein alter Herr , der bereits in den Sechzigern stehen mochte , dessen ganze Erscheinung aber eine beinahe noch jugendliche Frische und Lebhaftigkeit zeigte . Das weiße Haar umgab eine hohe , schöne Stirn , ein scharf ausgeprägtes , charakteristisches Gesicht , und die großen , blauen Augen blickten noch klar und feurig , wie die eines Jünglings . Er war im lebhaften Gespräch mit den beiden andern begriffen , augenblicklich jedoch lag eine Wolke auf seiner Stirn , als er rasch und unmutig sagte : » Ich habe die Sache von Anfang an vorausgesehen . Er hat nicht hören wollen – nun mag er sein Schicksal tragen . Wir beide sind fertig miteinander ! « » Aber was hat Ihnen der junge Holm denn getan , Herr Professor , daß Sie so erbittert auf ihn sind ? « fragte Alexandrine von Landes . » Getan – nichts ! Das ist es ja eben , daß er gar nichts getan hat , wo es darauf ankam , etwas zu tun . Zwei Jahre lang habe ich ihn unter Händen gehabt und dachte , etwas aus ihm zu machen , aber gerade da , als er gelernt hatte , was in unserer Kunst überhaupt zu lernen ist , als es darauf ankam , in die Welt hinauszugehen , um mit eignen Augen zu sehen , mit eigner Kraft zu schaffen , fällt es diesem verwünschten Pflegevater ein , ihn nach Wiesenheim zurückzurufen , damit er dort sein Talent ausübe , zu Nutz und Frommen des Herrn Bürgermeisters und seiner werten Familie . Nach Wiesenheim ! diesem elenden Neste , das in irgendeinem gottverlassenen Winkel der Erde liegt , und auf keiner Landkarte zu finden ist , wohin nie ein vernünftiger Mensch gerät ! Da soll ein junger Künstler existieren , der mehr als jeder andere auf das Leben und seine Erscheinungen angewiesen ist , da soll er etwas zustande bringen ! Die Sache wäre einfach lächerlich , wenn sie nicht himmelschreiend wäre . Aber der gehorsame Sohn folgte natürlich dem Rufe . « » Dem jungen Manne blieb vermutlich keine Wahl « , meinte der Präsident . » Er ist doch wohl gänzlich von seinem Pflegevater abhängig , und wenn dieser seine Hand zurückzog – « » So war ich da ! « fiel der Professor ein . » Ich habe noch keinen meiner Schüler im Stich gelassen , und bei dem hätte ich es nun vollends gar nicht getan . Ich habe mir den Jungen damals vorgenommen und ihm Himmel und Hölle vorgestellt . Ich setzte ihm auseinander , daß er einen künstlerischen Selbstmord beginge , wenn er sich gerade jetzt , am Wendepunkt seines Lebens , den Wiesenheimern auslieferte , daß er überhaupt mit dem ganzen Philistertum brechen müsse , das ihn von frühester Jugend an am Gängelbande geführt . Ich stellte ihm die Mittel zur Verfügung zu einer Studienreise nach Italien , drang sie ihm förmlich auf , aber es war alles vergebens . Er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt , weil man ihn als armen Knaben aufgenommen und erzogen , hätte er die Verpflichtung , sich und seine ganze Zukunft ruinieren zu lassen . Ich verlor schließlich die Geduld und stellte ihm ein Entweder – Oder ! Ich sagte ihm rund heraus , daß es zwischen uns beiden aus wäre , wenn er keine Vernunft annähme . Er ging dennoch – und ist denn auch richtig mit seinem ganzen Talent zugrunde gegangen ! « » Hatte er denn wirklich Talent ? « fragte Herr