nicht abweisen , bis er mir das Märchen von der Frau Holle oder die Sage vom Freischützen erzählte , an der ich mich nie ersättigen konnte . Einmal freilich , als die Geschichte eben im besten Zuge war , stand er plötzlich auf und sagte : » Aber , Anna , glaubst du denn all das dumme Zeug ? – Wart nur ein wenig « , fuhr er fort , indem er seine Schiebelampe anzündete ; » du sollst etwas hören , was noch viel wunderbarer ist . « Dann haschte er eine Fliege , und nachdem er sie getötet , legte er sie vor uns auf den Tisch . » Betrachte sie einmal genau ! « sagte er . » Siehst du an ihrem Körperchen die silbernen Pünktchen auf dem schwarzen Sammetgrunde ; die zwei schönen Federchen an ihrem Kopf ? « Und während ich seiner Anweisung folgte , begann er mir den kunstreichen Bau dieses verachteten Tierchens zu erklären . Aber ich langweilte mich ; die Wunder der Natur hatten keinen Reiz für mich nach den phantastischen Wundern der Märchenwelt . – – – – Indessen war ich unmerklich herangewachsen ; und wenn ich , was selten genug geschah , einmal vor meinem Spiegel stand , so schaute mir eine schmächtige Gestalt mit einem gelben scharfgeschnittenen Gesicht entgegen . Zwar bemerkte ich die auffallende Bläue meiner Augen ; im übrigen aber hatte dies zigeunerhafte Wesen mit dem schwarzen Haar keineswegs meinen Beifall . Mein Aussehen kümmerte mich indessen wenig . Ich war über die Bibliothek meines Vaters geraten , in der sich eine Anzahl schönwissenschaftlicher Bücher aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts befand . Ich begann zu lesen , und bald befiel mich eine wahre Lesewut ; ich kauerte mit meinen Büchern in den heimlichsten Winkeln des Hauses oder des Gartens und hatte manche Rüge meines Vaters zu erdulden , wenn ich den Ruf zum Mittagessen überhörte . Eines Nachmittags war ich draußen , mein Lesefutter in der Tasche , in eine der oberen Fensterhöhlen des Laubschlosses hineingeklettert und hatte es mir auf dem flachgeschorenen Gezweig bequem zu machen gewußt . Ich saß im Schatten , die grüne Blätterwölbung über mir , und hatte mich bald in ein Bändchen von Musäus ' Volksmärchen vertieft , während unten in der Mitte des Rondells die heiße Junisonne kochte . Plötzlich kam die Stimme des Oheims in meine Märchenwelt hinein . Als ich hinabblickte , sah ich ihn zwischen den Zwergbäumchen stehen und , die Augen mit der Hand beschattend , zu mir hinaufreden . » So « , rief er , » es wird sich wohl niemand darum kümmern , wenn du hier das Genick brichst ? « » Ich breche ja nicht das Genick , Onkel « , rief ich hinunter ; » es sind lauter alte , vernünftige Bäume ! « Aber er ließ sich nicht beruhigen ; er holte eine Gartenleiter , stieg zu mir hinauf und überzeugte sich selbst von der Sicherheit meines luftigen Sitzes . » Nun « , sagte er , nachdem er noch einen kurzen Blick in mein Buch geworfen hatte , » du bist ja doch nicht zu hüten ; spinne nur weiter , du wilde Katz ! « – – Um dieselbe Zeit war es , daß eine seltsame Schwärmerei von mir Besitz nahm . Im Rittersaal auf dem Bilde oberhalb der Tür befand sich seitab von den reichgekleideten Kindern noch die Gestalt eines etwa zwölfjährigen Knaben in einem schmucklosen braunen Wams . Es mochte der Sohn eines Gutsangehörigen sein , der mit den Kindern der Schloßherrschaft zu spielen pflegte ; auf der Hand trug er , vielleicht zum Zeichen seiner geringen Herkunft , einen Sperling . Die blauen Augen blickten trotzig genug unter dem schlicht gescheitelten Haar heraus ; aber um den fest geschlossenen Mund lag ein Zug des Leidens . Früher hatte ich diese unscheinbare Gestalt kaum bemerkt ; jetzt wurde es plötzlich anders . Ich begann der möglichen Geschichte dieses Knaben nachzusinnen ; ich studierte in bezug auf ihn die Gesichter seiner vornehmen Spielgenossen . Was war aus ihm geworden , war er zum Manne erwachsen , und hatte er später die Kränkungen gerächt , die vielleicht jenen Schmerz um seine Lippen und jenen Trotz auf seine Stirn gelegt hatten ? – Die Augen sahen mich an , als ob sie reden wollten ; aber der Mund blieb stumm . Ein schwermütiges , mir selber holdes Mitgefühl bewegte mein Herz ; ich vergaß es , daß diese jugendliche Gestalt nichts sei als die wesenlose Spur eines vor Jahrhunderten vorübergegangenen Menschenlebens . Sooft ich in den Saal trat , war mir , als fühle ich die Augen des Bildes auf meinen Lidern , bis ich emporsah und den Blick erwiderte ; und abends vor dem Einschlafen war es nun nicht sowohl das Antlitz des lieben Gottes als viel öfter noch das blasse Knabenantlitz , das sich über das meine neigte . Einmal , da der Oheim über Feld war , trat ich aus seinem Zimmer , wo ich die Fütterung des Käuzchens besorgt hatte . Während ich durch den Saal ging , wandte ich den Kopf zurück und sah das Bild oberhalb der Tür von der Nachmittagssonne beleuchtet , die durch die nahe liegenden hohen Fenster schien . Das Gesicht des Knaben trat dadurch in einer Lebendigkeit hervor , wie ich es bisher noch nicht gesehen , und mich erfaßte plötzlich eine unwiderstehliche Sehnsucht , es in nächster Nähe zu betrachten . Ich horchte , ob alles still sei . Dann schleppte ich mit Mühe einige an den Wänden stehende Tische vor des Oheims Tür und türmte sie aufeinander , bis ich die Höhe des Bildes erreicht hatte . Während ich mitunter einen scheuen Blick über die schweigende Gesellschaft an den Wänden gleiten ließ , mit der ich mich in dem großen Raume eingeschlossen hatte , kletterte ich mit Lebensgefahr hinauf . Als ich oben stand , wallte mein Blut so heftig , daß ich das laute Klopfen meines