Stall . Er war leer , da das Vieh draußen auf der Hallig weidete ; nur die weiße Katze saß jetzt hier auf der Krippe , und einige Hühner liefen gackelnd durch das Mauerloch aus und ein ; an den Wänden sah ich hie und da ein Seehundsfell zum Trocknen angenagelt . Zu Ende des Stalles , im rechten Winkel daran stoßend , noch stiller und noch mehr in Dämmerung , lag die Scheune ; und dort in ihrer Mitte stand das neue Boot , noch duftend von dem Harz des Waldes , von keiner Welle noch berührt . Wie selbstverständlich , stieg ich ein ; ich setzte mich auf die Ruderbank und dachte an den Vetter , weshalb er denn vorhin sein Geigenspiel vor uns verleugnet habe . Es war völlig einsam hier . Die kleinen , überdies mit Spinngewebe überzogenen Fenster lagen so hoch , daß sie keinen Ausblick zuließen . Vom Hause her vernahm ich keinen Laut ; aber draußen um die Mauern , obgleich gegen Mittag der Wind sich fast gänzlich gelegt hatte , ertönte eine Art von Luftmusik , die mich die großen Register ahnen ließ , mit denen hier um Allerheiligen der Sturm sein Weltmeerkonzert in Szene zu setzen pflegt . Nach einer Weile mischten sich leichte Schritte , die durch den Stall daherkamen , in dieses Tönen der Luft , und als ich aufblickte , stand Susanne in der Tür , ihr Hütchen am Bande hin und her schwenkend . » Weshalb sind Sie denn fortgelaufen ? « rief sie , indem sie trotzig den Kopf zurückwarf . » Mama sitzt drinnen vor einer Seekarte , und Onkel hat ein großes Teleskop am offenen Fenster aufgestellt . Ich mag aber nicht durch Teleskope sehen . « » So gehen Sie bei mir an Bord ! « erwiderte ich , auf meiner Ruderbank zur Seite rückend , » es ist ein neues sicheres Fahrzeug . « » In dieses Boot soll ich steigen ? Weshalb ? Es ist so düster hier . « » Hören Sie nur , wie die zarten Geister musizieren ! « Sie horchte einen Augenblick , dann kam sie näher und hatte schon ihr Füßchen auf den Rand des Bootes gesetzt . » Nun , was zögern Sie , Susanne ? Haben Sie kein Vertrauen zu meiner Steuerkunst ? « Sie sah mich an ; es war etwas von dem blauen Strahl eines Edelsteins in diesem Blicke , und es überfiel mich , ob mir nicht doch von diesen Augen Leids geschehen könne . Ich mag sie dabei wohl seltsam angestarrt haben ; denn , als wandle eine Furcht sie an , zog sie langsam ihren Fuß zurück . » Wir wollen lieber an den Strand hinab ! « sagte sie leise . » Ich möchte noch die Nester der Silbermöwen sehen ! « So verließ ich denn mein gutes Fahrzeug , und wir traten aus dem Hause , wo die Tageshelle fast blendend in unsere Augen strömte . – Ohne von den alten Herrschaften etwas wahrzunehmen , gingen wir die Werfte hinab und über die Hallig nach dem Strande zu . Ein Stengel duftenden Seewermuts , eine violette Strandnelke wurde im Vorbeigehen mitgenommen , sonst war hier nichts , das unsere Aufmerksamkeit hätte erregen können . An manchem der oft tiefen Gerinne , womit , wie mit einem Gewebe , die ganze Hallig überzogen war , mußten wir auf und ab wandern , bevor wir eine Stelle zum Hinüberspringen fanden . Aber Susanne hatte die Mädchenturnschule durchgemacht , und an ihren Schultern waren die unsichtbaren Flügel der Jugend ; ich hörte deutlich ihr melodisches Rauschen , wenn der kleine Fuß zum Sprunge ansetzte und wenn sie dann so rasch hinüberflog . Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht , als wir den Strand erreichten . Das Meer , das bei der eingetretenen Flut nur etwa einen Büchsenschuß von dem grünen Lande entfernt war , lag jetzt wie fließendes Silber vor den schräg fallenden Strahlen der Nachmittagssonne ; bis weit hinaus um den Strand der Insel hörte man das Getöse der Brandung . In der Luft war noch immer , wie am Vormittage , das Steigen und Sinken der großen Silbermöwen , nur daß jetzt , da kein Licht von oben durchschien , das schneeige Weiß ihrer Flügel sich noch mehr gegen den blauen Himmel abhob . Auch kleinere schwarze Vögel mit storchartigem Schnabel sahen wir , die wie mit hellem Kriegsschrei durch das Gewimmel der großen Möwen hin-und herschossen . Und jetzt ließ Susanne einen Ruf des Entzückens hören ; in einem Tangbüschel , umgeben von einem rötlichen Kranze zermalmter Schaltiere , lagen zwei der großen graugrünen Eier ; sechs Schritte weiter wieder zwei ; und dort , etwas seitwärts , schimmerten gar drei von den kleineren Eiern des schwarzen Austerfischers . Die meisten lagen auf dem bloßen Sande ; denn , wie der Vetter sagte , » diese Kreaturen machen wenig Umstände mit ihrer Häuslichkeit « . Die Vögel gackerten und schrien ; Susanne aber , unbekümmert und mit vor Neugier leuchtenden Augen , schritt immer weiter hinaus , von Nest zu Nest . Ich hatte mich gegen das Meer hin auf den Rand des Ufers gesetzt . Eine Weile blickte ich Susannen nach ; wohin dann meine Gedanken gingen , hätte ich wohl selber kaum zu sagen gewußt , meine Augen aber buchstabierten immer wieder an dem Spiegel unseres unweit auf dem Wasser schaukelnden Schiffes den mir längst bekannten Namen » Die Wohlfahrt « , dessen goldene Buchstaben in der Sonne zu mir herüberglänzten . Das Anrauschen des Meeres , das sanfte Wehen des Windes – es ist seltsam , wie das uns träumen macht . Als ich aufstand , war von Susanne nichts zu sehen . Ich ging eine Strecke an dem Ufer hin , während über mir die Möwen gleich ungeheueren Schneeflocken in der Luft tanzten . Ich rief , ich sang – keine Antwort . Endlich dort , weitab in einer Bodensenkung sah ich sie