zur Madame Septchaines und lassen mich noch mal drei Jahre lang dort erziehen . Sie haben es mir fest und heilig versprochen , daß sie noch viel gräßlichere Pläne mit mir im Sinne haben , wenn ich dich noch ein einziges Mal sehen würde . O Gott , o Gott , was soll ich tun ? Sage es mir doch nur , was ich tun und was ich lassen soll ! « In diesem Moment rief man vom Hause her : » Ernesta ! Ernesta , wo steckst du ? « Und auf der einen Seite fuhr die junge Dame , auf der anderen der junge Mann von dem Gitterwerk zurück . » Hier , Mama ! « flötete die Geliebte , echt weiblich merkwürdig geschickt gleich den unbefangensten Ton findend . » Ich erdrossele den Onkel Püterich ! « ächzte Hilarion , den leichten Strohhut vom Kopfe stoßend , als er sich verzweiflungsvoll und ratlos in den jugendlich lockigen Haarwuchs griff . Ganz mechanisch brannte er wohl eine Zigarre aus dem Besteck , auf dem vorhin die Hand der Geliebten ruhte , an , aber sie ging ihm wieder aus . Sie schien so wenig Luft zu haben wie er selber , und noch nie war ihm ein lauer Sommerabend so schwül vorgekommen , und ein Glück war ' s nur , daß ihm des alten Barons guter alter Freund Magerstedt nicht auf seinem Wege begegnete . Eine Szene auf öffentlicher Promenade hat ihre Unannehmlichkeiten für alle Beteiligten außer den Zuschauern , und auch die werden nicht selten nachher als Zeugen vom Gericht vorgeladen . \ \ Drittes Kapitel . Wo steckst du , Ernesta ? « Tief , tief im Jammer der Welt und zwar mit ihrem Verlobten , wie sie meinte ; und wir wenden uns jetzt zu dem Onkel Püterich und erfahren , worin er eigentlich steckte . Ohne Zweifel in seiner Haut ; aber wenn man die dreist eine alte nennen durfte , so war man leider nicht in demselbigen Maße berechtigt , sie als eine gute zu bezeichnen . Ihn eine alte gute Haut zu nennen , wäre das Non plus ultra phantastisch übertreibenden Wohlwollens gewesen . Es fiel dieses der Menschheit aber auch gar nicht ein ; ebensowenig , wie sie ihm aufs Wort glaubte , daß er nur deshalb so eilig seine Nichte mit seinem Freunde verheiraten wolle , weil er das brennendste Bedürfnis fühle , zwei Menschen so schnell als möglich so glücklich als möglich zu machen . Und doch war dem so ! Und der erste der beiden war er selber ( daß er dann noch einmal kam und also im Grunde auch der zweite war , rechnen wir nicht ) ; der andere war freilich sein Freund , der Herr von Magerstedt ! Den Letzteren hätte übrigens vielleicht auch die Welt , und wenn nur am Hochzeitstage , einen glücklichen alten Sünder genannt . – – Ziemlich in der Mitte der Stadt lag ein von den Zeiten angeschmauchtes und benagtes , ein in seiner Würde verwitterndes Patrizierhaus , in welchem Jahrhunderte durch die Püteriche als angesehene Besitzer geschaltet und gewaltet hatten , und in welchem der Onkel Püterich auch heute noch wohnte als der letzte Träger des Familiennamens , wenn auch nicht mehr als freier Eigentümer der anstaunenswerten Gebäudezusammenhäufung , genannt der Püterichshof . Der Onkel wohnte zur Miete drin und sein Freund , der Herr von Magerstedt , auch . Jetzige Besitzerin des » Komplexes « war die große , weit über die Meere berühmte Firma Aldenberger und Kompanie , die nur ein solches oder ähnliches Haus für ihr umfangreiches Speditionsgeschäft gebrauchen konnte , jedoch ihre überzähligen Räumlichkeiten gern an allerlei zahlungsfähiges Volk vermietete und den Onkel , den Freund und sonderbarerweise auch unseren Freund Hilarion dazu rechnete . Der letztere freilich wohnte im Hintergebäude – wie schon bemerkt , mit der Aussicht über den Hof auf die Hinterfenster des Barons , wobei aber als Glücksfall für ihn zu notieren ist , daß die große Firma Altenberger & Co. nichts von dem Genuß ahnte , den ihm diese Aussicht gewährte . Daß sie ihn andernfalls nicht gesteigert hätte , ist nicht anzunehmen . Das Haus oder die Villa der Eltern der jungen heimtückisch Verlobten lag im Grünen an der äußersten Grenze des elegantesten Teiles der Stadt . Das Gitter , das darum ging , kennen wir bereits ; aber auch die Nachtigallen sangen um die Villa her ; von fernen Wiesen kam sogar dann und wann ein Heugeruch : der junge nichtswürdige Verlobte nahm von dem Gartengitter stets einen Hauch der Idylle mit nach Hause , und das alles – tut selten viel zur Sache und in vorliegendem Falle gar nichts ; wir verfügen uns eben in die Wohnung des Onkels Püterich im weiland Püterichshofe . Heu wird da zwar auch gemacht , aber wahrlich nicht bloß , um es zu riechen ! Es war am Nachmittag , und die Sonne lag auf den Fenstern , doch der alte Baron hatte die Gardinen niedergelassen . Aus den Gassen tönte das mannigfaltige Geräusch des geschäftigen Menschengetriebes in das weite , bis zu halber Mannshöhe mit altersschwarzem Eichenholz getäfelte Zimmer , welchem dann eine alte schwarzblaue Ledertapete auch weiter keine Heiterkeit verlieh , was dagegen nach Kräften eine wunderliche Bildergalerie farbiger Kupferstiche des 18. Jahrhunderts ( gerade nicht von der dezentesten Art ) tat . Der sonstige Hausrat stammte wohl aus dem 19. Säkulo , jedoch sehr aus dem Anfang desselben . Er hatte etwas » Griechisches « an sich , so wie das französische Direktorium und noch mehr das französische Kaisertum sich eben dieses » Klassische « dachte . Etwas Griechisches hatten die beiden würdigen Herren , die da mit einem Schachbrett zwischen sich und ihre Schnupftabaksdosen neben sich an dem Tischchen mit den drei geschweiften Bocksbeinen und Löwentatzen saßen , nicht an sich ; aber Klassiker in ihrer Art waren sie . Sokrates , Plato , Aristoteles und Perikles hätten ihnen darin kaum einen Bauer , geschweige denn