Sturm die vor dem Blicke des jungen Wanderers gaukelnden Bilder seiner Knabenzeit . Waser war wieder um fünf Jahre älter und schritt rüstig auf dem einsamen Saumpfade des Julier abwärts . Und auf rauhe Weise wurde er in die Gegenwart zurückgeholt . Ein aus der Talöffnung des Engadins aufbrausender Windstoß riß ihm den Hut vom Kopfe , den er mit einem verzweifelten Seitensprunge gerade noch erhaschte , ehe der zweite die leichte Beute dem in der Tiefe strudelnden Wildbache zuwarf . Drittes Kapitel Drittes Kapitel Waser drückte seinen Filz tiefer in die Stirn , schnallte sein Ränzchen fester , und sprang , am jetzt steil werdenden Abhange die weiten Windungen des Saumpfades kürzend , eilig abwärts . Erst überschritt er die Wurzeln blitzgeschwärzter , seltsam verdrehter Arvbäume und die harten Rinnen ausgetrockneter Wildbäche , dann trat er weichen Rasen und plötzlich lag das sammetgrüne Engadin geöffnet ihm zu Füßen mit seinen am blitzenden Inn wie ein Geschmeide aufgereihten Bergseen . Aber es war ein letzter Sonnenstrahl zwischen Wolken , der es erhellte und talabwärts in lichter Ferne über dem See und den Weiden von St. Moritz regenbogenfarbig spielte . Dem Niedersteigenden gegenüber ragte eine kahle dunkle Pyramide empor und daneben talaufwärts ein ebenso hoher mit grünschimmernden Gletschern behangener Grat . Hinter dem Joche , das sie verband , braute sich das Gewitter und drängte seine leise donnernden Wolken durch die Lücke , in der noch zuweilen grell ein entfernteres Schneehaupt auftauchte . Zur Rechten des Wanderers maskierten die Berge der andern Talwand jene steile Felstreppe , die fast plötzlich durch ein tiefeingeschnittenes Tal aus der leichten Bergluft in die Hitze Italiens hinunterführte . Dort hinter der Maloja quollen , vom Südwinde heraufgejagt , die schwülen Dünste wie ein Nebelrauch hervor über die feuchten Wiesen von Baselgia Maria , dessen weiße Türme hinter einem Regenschleier kaum noch sichtbar waren . Jetzt erreichte der Saumpfad das erste Engadinerdorf , eine Gasse fester Häuser , die mit ihren Strebepfeilern und vergitterten Fensterluken kleinen Festungen glichen . Aber der junge Zürcher klopfte an keine der schweren Holztüren , sondern beschloß trotz der Dämmerstunde auf der Talstraße längs der Seen rüstig südwärts zu schreiten . Sein Vorsatz war , im Hospiz der Maloja zu nächtigen , um in der Frühe des nächsten Tages über den Murettopaß nach dem Veltlin aufzubrechen ; denn – Herr Pompejus hatte es erraten – es verlangte ihn , und jetzt mehr als je , seinen Schulfreund Jenatsch zu umarmen . Zwischen diesen hohen Bergen war es früh Abend und kühl geworden und der Weg dehnte sich endlos neben den am Gestade plätschernden Wellen . Ein feiner frostiger Nebelregen verhüllte die Gegend und durchdrang nach und nach die Kleider des in gleichmäßigem Schritte vorwärts Eilenden . Eine Schläfrigkeit , wie er sie während der Hitze des Tages nicht gefühlt , fiel auf seine Sinne und Gedanken wie eine leichte Erstarrung . Einmal an einer Stelle , wo der Inn mit raschen Wellen in engem Bette an ihm vorüber schoß und auf dem andern Ufer der stumpfe Turm eines schwerfälligen Kirchleins erschien , glaubte er Pferdegetrappel zu vernehmen . Über die Holzbrücke zu seiner Linken flog ein Reiter , der , nach der Maloja schwenkend , vor ihm herjagte und im Abenddunkel verschwand . War diese in einen Mantel gehüllte Gestalt nicht Herr Pompejus gewesen ? Nein , es war ein einzelner scheuer Nachtfahrer , und der Freiherr geleitete und beschützte ja sein Töchterlein , für das er gewiß die sichere Gastfreundschaft seiner Sippe in einem der vornehmen Engadinerdörfer angesprochen hatte . Endlich , endlich war der letzte See umschritten , trat der letzte Felsvorsprung zurück . Durch den Nebel schimmernder Feuerschein und Hundegebell verkündeten die Nähe eines Hauses , das nur die Paßherberge sein konnte . Waser gewahrte , der dunklen Steinmasse zuschreitend , mit Befriedigung , daß die Pforte der Hofmauer geöffnet war , und sah den Wirt , einen hagern knochigen Italiener , die tobenden Hunde an die Kette legen , wozu ihm der Stalljunge mit einer Pechfackel leuchtete . Das versprach einen gastlichen Empfang . Jetzt ergriff der Wirt die Fackel und hielt sie dem anlangenden Wanderer vors Gesicht . » Was verlangt der Herr ? Womit kann ich dienen ? « fragte er in unangenehmer Überraschung einen leisen Fluch , die Äußerung seines ersten Gefühls , unterdrückend . » Welche Frage ! « antwortete Waser in fröhlichem Tone , » Platz an der Feuerstelle , um mich zu trocknen , Abendbrot und Nachtlager . « » Tut mir leid , Herr – unmöglich ! « versetzte der Wirt mit einer sein Bedauern und zugleich seine Unerschütterlichkeit höchst lebhaft ausdrückenden Gebärde , » das Haus ist besetzt . « » Was , besetzt ? Ihr schient ja noch Gäste zu erwarten ? Ein Obdach , wie immer beschaffen , könnt Ihr einem Reisenden in dieser Ode und in solcher frostigen Regennacht nicht unchristlich verweigern ! « Der Italiener reckte die Hand aus , gegen Süden weisend , wo der Nebel dünner war und jenseits der Wetterscheide der Maloja über zerrissenen Bergzacken die Mondscheibe durchschimmerte . » Von dorther kommt es besser « , sagte er und holte aus dem Hause einen vollen Becher Wein . » Stärkt Euch damit ! Ihr kehrt am klügsten nach Baselgia zurück . Ich wünsche Euch eine gesegnete Nacht . « Der Trank leuchtete beim Fackelscheine im Glase wie feuriger Rubin . Begierig langte Waser nach dem roten Gefunkel und erquickte sich ohne weitere Gegenvorstellung . Der Wirt drängte ihn höflich und ohne Bezahlung zu verlangen durch die Hofpforte und schob den Riegel . Der junge Zürcher gab das Spiel noch nicht verloren . Statt einen langweiligen Rückzug auf dem eben durcheilten Wege anzutreten , stieg er , seine Lage bedenkend , den wenige Schritte entfernten Vorsprung hinan , der wie eine Warte hinausragt über das hier mit steilem Abfalle beginnende Bregagliatal , jetzt ein brodelnder Nebelkessel , aus dem mondbeglänzt die Spitzen der zuhöchst am Rande stehenden Tannen auftauchten . Waser spreitete