mein lieber Sohn ? « Leubelfing antwortete erst schüchtern und befangen , dann aber mit jeder Silbe freudiger und entschlossener : » Solchergestalt , mein gnädiger Herr : Ich wünsche mir alle Strahlen meines Lebens in ein Flammenbündel und in den Raum einer Stunde vereinigt , daß statt einer blöden Dämmerung ein kurzes , aber blendend helles Licht von Glück entstünde , um dann zu löschen wie ein zuckender Blitz . « Sie hielt inne . Dem Könige schien dieser Stil und dieser » zuckende Blitz « nicht zu gefallen , obgleich es die Lieblingsmetapher des Jahrhunderts war . Er kräuselte spottend die feinen Lippen . Aber das noch ungesprochene rügende Wort unterbrechend , leidenschaftlich hingerissen , rief der Page aus : » Ja , so möcht ich ! Courte et bonne ! « Dann besann er sich plötzlich und fügte demütig bei : » Lieber Herr ! Möglicherweise mißversteh ich den Spruch . Er ist vieldeutig , wie die meisten hier im Buche . Eines aber weiß ich und das ist die lautere Wahrheit : wenn dich , mein liebster Herr , die Kugel , welche dich heute streifte « – er verschluckte das Wort – » Courte et bonne ! hätte es geheißen , denn du bist ein Jüngling zugleich und ein Mann – und dein Leben ist ein gutes ! « Der König schloß die Augen und verfiel dann , tagesmüde wie er war , in den Schlummer , den er erst heuchelte , um die Schmeichelei des Pagen nicht gehört zu haben oder wenigstens nicht zu beantworten . So spielte der Löwe mit dem Hündchen und auch das Hündchen mit dem Löwen . Und als ob ein neckisches oder verderbliches Schicksal es darauf absehe , dem verliebten Kinde seinen vergötterten Helden aufs innigste zu verbinden , ihm denselben in immer neuer Gestalt und in seinen tiefsten Empfindungen zeigend , ließ es den Pagen mit seinem Herrn auch den herbsten Schmerz teilen , welchen es gibt , den väterlichen . Der König bediente sich Leubelfings , dem er das unbedingteste Vertrauen bewies , um die regelmäßig aus Stockholm anlangenden Briefe der Hofmeisterin seines Prinzeßchens sich vorlesen und dann auch beantworten zu lassen . Diese Dame schrieb einen kritzlichen , schmalen Buchstaben und einen breiten gründlichen Stil , so daß Gustav ihre umständlichen Schreiben meist gleich dem Pagen zuschob , dessen rasche Augen und bewegliche Lippen die Zeilen einer Briefseite nicht weniger behende hinuntersprangen als seine jungen Füße die ungezählten Stufen einer Wendeltreppe . Eines Tages bemerkte Leubelfing in der Ecke des Briefumschlages das große S , womit man damals wichtige oder sekrete Schreiben zu bezeichnen pflegte , damit sie der Empfänger persönlich öffne und lese . Die Pageneigenschaften : Neugierde und Keckheit überwogen . Leubelfing brach das Siegel und eine wunderliche Geschichte kam zum Vorschein . Die Hofmeisterin des Prinzeßchens hatte – gemäß dem vom Könige selbst verfaßten und frühe Erlernung der Sprachen vorschreibenden Studienplane – an der Zeit gefunden , der Christel einen Lehrer des Italienischen zu bestellen . Die mit Umsicht vorgenommene Wahl schien geglückt . Der noch junge Mann , ein Schwede von guter Abkunft , welcher sich auf langen Reisen weit in der Welt umgesehen hatte , vereinigte alle Vorzüge der Erscheinung und des Geistes , einen edelschlanken Körperbau , einnehmende Gesichtszüge , eine feingewölbte Stirn , ein gefälliges Betragen , eine befestigte Sittlichkeit , gleich weit entfernt von finsterer Strenge und lächerlicher Pedanterie , adeliges Ehrgefühl , christliche Demut . Und die Hauptsache : ein echtes Luthertum , welches , wie er selbst bekannte , erst in der modernen Babylon angesichts der römischen Greuel aus einer erlernten Sache ihm zu einer selbständigen und unerschütterlichen Überzeugung geworden sei . Die kühle und verständige Hofmeisterin wiederholte in jedem ihrer Briefe , dieser Jüngling habe es ihr angetan . Auch die junge Prinzeß lernte frisch drauflos mit ihrem aufgeweckten Kopf und unter einem solchen Lehrer . Da ertappte die Hofmeisterin eines Tages die gelehrige und phantasiereiche Christel , wie sie , in einem Winkel geduckt , sich im stillen damit vergnügte , die Kugeln eines Rosenkranzes von wohlduftendem Zedernholz herunterzubeten , an denen sie von Zeit zu Zeit mit schnupperndem Näschen roch . » Ein reißender Wolf im Schafskleide ! « schrieb die brave Hofmeisterin mit fünf Ausrufungszeichen . » Ich schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und wurde zur weißen Bildsäule . « Auch Gustav Adolf erbleichte , im Tiefsten erschüttert , und seine großen blauen Augen starrten in die Zukunft . Er kannte die Gesellschaft Jesu . Der Jesuit war ins Gefängnis gewandert , und ihm stand , nach dem drakonischen schwedischen Gesetze , eine Halsstrafe bevor , wenn der König nicht Gnade vor Recht ergehen ließ . Dieser aber befahl dem Pagen umgehend an die Hofmeisterin zu schreiben : Mit dem Mädchen seien nicht viel Worte zu machen , die Sache als eine Kinderei zu behandeln ; den Jesuiten schaffe man ohne Geschrei und Aufsehen über die Grenze , » denn « – so diktierte er Leubelfing – » ich will keinen Märtyrer machen . Der verblendete Jüngling mit seinem gefälschten Gewissen ließe sich schlankweg köpfen , um in die Purpurwolke der Blutzeugen aufgenommen zu werden und gen Himmel zu fahren mitsamt seiner geheimen bösen Lust , das bildsame Gehirn meines Kindes mißhandelt zu haben . « Aber mehrere Tage lang ließ ihn » das Unglück und das Verbrechen « – so nannte er das Attentat auf die Seele seines Kindes – nicht mehr los und er erging sich in Gegenwart seines Lieblings , weit über Mitternacht , bis zum Erlöschen seiner Ampel , rastlos auf und nieder schreitend , freilich eher im Selbst- als im Zwiegespräche , über die Lüge , die Sophistik und die Verlarvungen der frommen Väter , während sich der im Halbdunkel sitzende Page entsetzt und zerknirscht an die klopfende junge Brust schlug und die leisen beschämenden Worte sich zurief : » Auch du bist eine Lügnerin , eine Sophistin , eine Verlarvte ! « Seit jenen