« » Vor dem Kastell und zu den Füßen seines Weibes Stemma , die ihm den Willkomm kredenzt hatte « , erinnerte Gnadenreich . Karl verfiel in ein Nachdenken . » Eben habe ich für die Seele meines Vaters gebetet « , sagte er . » Kindliche Bande reichen in das Grab . Mich dünkt , Wulfrin , du darfst bei der Richterin nicht ausbleiben . Du bist es deinem Vater schuldig « Wulfrin schwieg trotzig . Jetzt griff der Kaiser rechts nach dem Hifthorn , um die ganze Schule zusammenzurufen und ihr seine Befehle zu geben . Es mangelte . Er hatte es im Palaste vergessen oder absichtlich zurückgelassen , um der Messe als ein Friedfertiger beizuwohnen . » Deines , Trotzkopf ! « gebot er und Wulfrin hob sich sein Hifthorn über das Haupt . Karl betrachtete es eine Weile . » Es ist von einem Elk « , sagte er , hob es an den Mund und stieß darein . Da gab das Horn einen so gewaltigen und grauenhaften Ton , daß nicht nur die Höflinge aus allen Ecken und Enden des Kapitols hervorstürzten , sondern auch , was sich ringsum von römischem Volke gehäuft hatte , erstaunt und erschreckt die Köpfe reckte , als nahe ein plötzliches Gericht . Karl aber stand wie ein Cherub . Im Gedränge des Aufbruchs machte sich der Bischofsneffe noch einmal an den Höfling . » Auf Wiedersehen in Malmort : du gehorchst ? « » Nein « , antwortete Wulfrin . Zweites Kapitel Zweites Kapitel Innerhalb der dicken Mauern eines wie aus dem Felsen gewachsenen rätischen Kastells sprudelte ein Quell in klösterlicher Stille . Durch die Zacken bemooster Ahorne rauschte der Abendwind mächtig über den Hof weg und schon rückte das Spätrot hinauf an dem klotzigen Gemäuer . Am Brunnen aber stand ein junges Mädchen und ließ den heftigen Strahl in einen Becher springen , aus dessen von Alter geschwärztem Silber er schäumend empor und ihr über die bloßen Arme spritzte . » Berg und Wetter sind gut « , murmelte sie . » Mir brannten die Sohlen von früh an ihm entgegenzurennen . Kommt er heute noch ? oder erst morgen ? oder übermorgen zum allerspätesten ! Graciosus verschwor sich , der Bruder ziehe mit dem Kaiser – nein , er reite ihm weit voraus ! Und der Kaiser ist nahe , was flüchteten sonst die Lombarden Hals über Kopf ? Bum ! « machte sie und ahmte den dumpfen Schlag einer Laue nach , dem bald ein zweiter und noch der dritte folgte , denn im Gebirge , das in Gestalt einer breiten blanken Firn über die Firste blickte , hatte es heute in einem fort gerieselt und geschmolzen . » Die ihr auf weißen Stürzen in den Abgrund schlittet , seid ihm hold , bärtige Zwerge ! Verberget ihm nicht den Pfad , verschüttet ihm nicht die Hufen des Rosses ! Sprudle , Flut ! Spül aus den Hauch des Todes ! Lust und Leben trinke der Bruder ! « und sie streckte den schlanken Arm . Dann hob sie den gebadeten Becher in die Höhe der Augen und buchstabierte den Elbenspruch , welchen sie sich deutlicher in das Herz schrieb , als er mit erblindeten Lettern in das Silber gegraben stand . Der Spruch aber lautete folgendermaßen : » Gesegnet seiest du ! Leg ab das Schwert und ruh ! Genieße Heim und Rast Als Herr und nicht als Gast ! Den Wulfenbecher hier Dreimal kredenz ich dir ! Erfreue dich am Wein ! Willkomm ... « Hier schloß entweder der zaubertüchtige Spruch oder dann kam noch etwas gänzlich Unleserliches , wenn es nicht zufällige Male der Verwitterung waren . Eigentlich wußte sie ihn schon lange auswendig . Sie sagte ihn vorwärts , das ging , rückwärts , das ging auch . Dann sah darauf an – zum wievielten Male ! – ob er ihr mundgerecht sei und von der Schwester dem Bruder sich sagen lasse , denn Graciosus hatte es erraten : sie liebkoste den Wunsch , mit dem Wulfenbecher dazustehen und ihn Wulfrin zu kredenzen . Ob es die Mutter erlaube ? Diese machte sich mit dem Becher nichts zu schaffen , sie ließ ihn wo er langeher seinen Platz hatte . Der Spruch gefiel dem Mädchen und es malte sich die Ankunft . » Das Horn klingt ! Oder wäre es möglich , daß er mich still beschliche ? mit heimlichen Schritten ? Aber nein , er will ja nichts von mir wissen – wenn Graciosus nicht seinen Scherz mit mir getrieben hat . Das Horn dröhnt ! Ich ergreife den Becher , fliege der Mutter voran – oder noch lieber , sie ist verritten und ich bin Herrin im Hause – jetzt naht er ! jetzt kommt er ! « Ihr Herz pochte . Sie begann zu zittern und zu zagen . » Er ist da ! er ist hinter mir ! « Sie wendete sich zögernd erst , dann plötzlich gegen das Burgtor . In der niedern Wölbung desselben stand kein Junger Held , aber lauernd drückte sich dort ein armseliger Pickelhering . Das Mädchen brach in ein enttäuschtes Gelächter aus und trat beherzt der Fratze entgegen . Es war ein Lombarde , das erriet sie aus den ziegelroten Nesteln seiner schmutzig-gelben Strümpfe . In die schreiendsten Farben gekleidet , wie sie Armut und Zufall zusammenwürfeln , trug der Kleine einen langausgedrehten pechschwarzen Spitzbart , der mit den gezackten Brauen und dem verzerrten Gesichte eine possierliche Maske schuf . » Wer bist du und was willst du ? « fragte das Mädchen . » Nur nicht gerufen , kleine Herrin oder vielmehr große Herrin , denn , bei meiner katholischen Seele ! du hast die Mutter dreimal handbreit überwachsen . Wo ist sie ? « Er schaute sich ängstlich um . Sein Blick fiel auf etwas Graues . In der Mitte des Hofes und im Schatten der Ahorne stand ein breiter Steinsarg , auf dessen Platte ein gewappneter Mann neben einem