Sonne lag brütend auf der engen Ecke , und Alles , was lebte , hatte sich hinter die kühlen Mauern geflüchtet . „ Ja , ich glaub ’ s auch , “ entgegnete der Alte , „ heute kommt sie nicht mehr , sie hat sich zu sehr erschreckt ; möchte nur wissen , warum . Sie geht freilich allen Menschen aus dem Wege , aber das thut sie gewöhnlich still , ohne daß es die Andern groß merken … Ich weiß nicht , was heute in sie gefahren ist , Sie sehen doch wahrhaftig nicht so aus , daß man sich fürchten müßte , Herr Werner ! “ Der Blick des Alten glitt bei diesen Worten wohlgefällig über die auffallend schöne , imposante Gestalt des jungen Mannes ; der aber zog seine Brieftasche hervor und zeigte Jacob die gefundene Bleistiftzeichnung . „ Ach , das ist Lenchen ihre sel ’ ge Mutter ! “ sagte dieser , „ das Bildchen hat die Kleine selbst aus dem Gedächtniß gemacht . “ „ Wie , “ rief Werner erstaunt , „ das junge Mädchen ? “ „ Ja wohl , die malt , wie irgend Einer . , Setze Dich hierher , Jacob , ’ sagt sie manchmal , wenn wir hier oben zusammensitzen . , Siehst Du , da kommt ein heller Sonnenstrahl , der fällt gerade auf Deinen Kopf , so muß ich Dich zeichnen ’ … und da dauert ’ s keine Viertelstunde , da steh ’ ich alter Kerl da auf dem Papier , daß die Leute hell auflachen , so ähnlich ist ’ s. … Da wohnte lange Jahre ein alter Maler im Kloster . Er soll seine Sache recht gut verstanden haben , allein er war aus der Mode gekommen , die vornehmen Leute sagten , er lege nicht den rechten Verstand in die Gesichter … du lieber Gott , da mag auch manchmal guter Rath theuer gewesen sein , denn Etwas malen , was nicht da ist , dazu gehört wohl ebensoviel Kunst , als wenn man Glocken läuten will , die keinen Klöppel haben . … Nun , der alte Mann hat gemerkt , daß in dem Lenchen was steckt ; er hat sie hergenommen und hat ihr gezeigt , wie man die Bilder macht , und bald hat sie ihm geholfen an den Carmen und Pathenbriefen , welche die gemeinen Leute gern schön gemalt haben . Der Alte ist nun vor ein paar Jahren gestorben und Lenchen hat seine Kundschaft gekriegt , sie verdient manchen Groschen damit . “ Der alte Jacob hatte , während er noch mit Werner sprach , einige Luken zugemacht , schüttelte sich den Staub von Rock und Mütze , der hier oben massenhaft bei jedem Schritt aufwirbelte , und verließ darauf , nachdem er noch liebkosend mit der Hand über die große , prächtige Glocke gestrichen hatte , mit dem jungen Manne den Thurm . Sie schritten durch mehrere Straßen , bis sie vor einem großen , etwas düster aussehenden Gebäude – Werner ’ s Hause – stehen blieben . Hier sagte der junge Mann : „ Um in die Schwemme zu reiten , bist Du nun zu alt , lieber Jacob ; die Aepfel vom Baume kann ich mir jetzt auch selbst holen , denn ich habe ein Paar tüchtige Arme , wie Du siehst . Aber eine männliche Aufsicht in meinem Haus und Garten und ein treues , ehrliches Gesicht , welches mir jeden Augenblick meine fröhliche Kinderzeit zurückruft , das kann ich brauchen . Wenn Du also willst , guter Alter , so kannst Du sammt Deiner Frau jeden Tag in die hübsche Hofwohnung meines Hauses einziehen . Es ist mir eine Freude , für Deine alten Tage zu sorgen . Deshalb aber bleibt es Dir doch unverwehrt , den Glocken und Deinem scheuen Liebling aus dem Thurme jeden Sonntag Deinen Besuch zu machen . “ Jacob sah ihn an , als träume er . Zitternd faßte er die Hand Werner ’ s , brachte aber in all seiner Glückseligkeit nichts weiter heraus , als : „ Ach , Herr , ob ich will ! … Mit tausend Freuden , ja ! Aber lassen Sie mich jetzt geschwind heim . … Was wird nur meine Alte dazu sagen , die springt deckenhoch vor Freude , wenn ’ s noch geht mit ihren alten Beinen ! “ Und damit rannte er spornstreichs die Straße hinab . Werner faßte den blanken Messingknopf an der Hausthür und läutete . Alsbald erschien droben im schrägen Spiegel am Fenster ein altes Damengesicht mit hochmüthigen , harten Zügen , von einer sehr gesteiften , schneeweißen Haube umgeben ; es verschwand ebenso schnell wieder und sogleich öffnete sich der Thorflügel mit jener Schwerfälligkeit und Vornehmheit , wie sich massive Thorflügel in alten und reichen Häusern zu öffnen pflegen . Der junge Werner war das einzige Kind sehr vermögender , angesehener Eltern , die er jedoch schon im fünfzehnten Jahre verlor . Ein alter Onkel , geistlichen Standes und in einer entfernten Stadt wohnend , wurde sein Vormund und nahm ihn zu sich . Hier erhielt er eine vortreffliche Erziehung . Er besuchte das dortige Gymnasium , bezog später die Universität und ging dann nach Italien , dem Ziel seiner heißesten Jugendwünsche . Er hatte ein ausgezeichnetes Malertalent und lebte dort , völlig unabhängig durch sein Vermögen , nur der Kunst . Nach sechsjährigem Aufenthalt im Süden erfaßte ihn jedoch mit einem Male das Heimweh und er kehrte nach Deutschland zurück , um wenigstens auf einige Zeit wieder an dem Orte zu leben , wo er ein glückliches , vorzüglich von der Mutter zärtlich geliebtes Kind gewesen war . Eine alte , verwittwete Tante hatte während seiner langen Abwesenheit sein Vaterhaus bewohnt und im Stand erhalten , und so fand er bei seiner Zurückkunft wenigstens eine bequeme Häuslichkeit , wenn auch kein treuer Mutterarm ihn mehr empfing und jener Diebesstrahl des mütterlichen Auges erloschen war , der seine Kindheit verklärt hatte .