Frau hat freilich den Fehler begangen , streng zurückgezogen zu leben , was auf dem Dorfe , wo die wenigen Bewohner nur auf sich angewiesen sind , stets unangenehm auffällt und böses Blut macht . Wer indes das stille , sinnige Gemüt des armen Weibes kennt , das im Umgang mit einem vortrefflichen Mann höhere Genüsse kennengelernt hat , als da Spinnstuben- und Kirmsenlustbarkeiten sind , der wird sie entschuldigen ... Das können Sie mir glauben , sie würde eher samt ihren Kindern verhungern , als daß ihre Hände fremdes Gut anrührten . « » Und ihre Tochter ? « fragte Joseph hastig , indem er den Schullehrer durchdringend ansah . » Ihre Tochter ? « wiederholte dieser unwillig erstaunt . » Nun , die sieht doch wahrhaftig nicht aus , als ob sie gestohlen ... « » Nein , nein « , unterbrach ihn Joseph , » das meine ich nicht ... Bastel beschuldigte sie « – er brach ab , während ein tiefes Rot in seine gebräunten Wangen stieg . » Ja , ich weiß , was der nichtswürdige Bube heute von ihr gesagt hat « , erwiderte der Lehrer zornig , » aber auch nur er , der selbst keinen Schuß Pulver wert ist , konnte eine solche niederträchtige Verleumdung aussprechen ... Das Mädchen ist rein wie die Sonne am Himmel , und wer ' s nicht glauben will , der mag ihr nur in das Gesicht sehen ... ich würde nicht den Mut haben , in ihrer Nähe auch nur ein unlauteres Wort fallenzulassen ... Die Schulmeisterin hat allerdings sehr unüberlegt gehandelt , als sie ein Kostkind in ihr Haus nahm , dessen Herkunft sie zu verschweigen gelobt hatte . Sie mußte Rücksicht auf ihre erwachsene Tochter nehmen ... Das arme Mädchen ! Die Beschuldigung hat sie wie ein Blitz getroffen ... Sie ist überhaupt zu beklagen , weil sie viel zu fein erzogen ist für ihre Verhältnisse . Ihr Vater hat sich viel mit ihr beschäftigt , denn sie ist gescheit und gelehrig in allem – er hat sie zart behandelt wie seine Blumen ; es war ein Fehler , denn er mußte den Boden berücksichtigen , auf welchen diese Blume angewiesen ist . Sie wird dadurch mehr zu leiden haben als wenn er sie in glücklicher Unwissenheit gelassen hätte . « » Und meinen Sie , es gäb ' nicht noch Leute , die ein solches Mädchen zu schätzen wüßten ? « rief Joseph erregt . Ohne eine Antwort abzuwarten , sprang er empor und ging einigemal hastig auf und ab . Mittlerweile war es Abend geworden . Das Dorf lag bereits im tiefen Schatten . Desto heller glänzte seine uralte kleine Kirche , die , friedlich umschattet von einem Lindenkreise , den Gipfel der Anhöhe krönte , auf welcher das Haus der Schulmeisterin lag . Ein weiches Abendlüftchen flüsterte in den Gipfeln , und die letzten Strahlen der Sonne stahlen sich golden durch die grüne Dämmerung der Lindenzweige – sie glitzerten in den spitzen Kirchenfenstern , dem unangetasteten Wohnsitz friedlicher Schwalben , und überhauchten die Schar graubemooster Leichensteine auf dem kleinen Friedhof so rosig und lebenswarm , als seien sie Vorboten des gewaltigen Auferstehungsrufes . Während des Gespräches mit dem Schullehrer hatten Josephs dunkle Augen unablässig das Häuschen der Schulmeisterin gesucht , das sich mit seinem eng begrenzten , aber blumengeschmückten Gärtchen traut an die niedere , halbzerbröckelte Kirchhofsmauer schmiegte . Aber seit die unglückliche Frau mit ihren Kindern unter seiner Tür verschwunden war , lag es im tiefsten Schweigen . Kein Lebenszeichen war weder hinter den Fenstern noch im Garten zu bemerken , und der Schullehrer meinte auf Josephs ungeduldige Bemerkungen hin , das sei wohl kein Wunder , denn da drinnen flössen ja jetzt die Tränen des Wiedersehens und – des Jammers . Endlich öffnete sich eine Seitentür des Hauses , nach dem Garten zu , und Marie trat heraus , auf dem Arm ein rotbackiges Kind haltend , das indes , mit Händen und Füßen zappelnd , auf den Boden begehrte . Marie , die sich offenbar unbeobachtet glaubte , da man vom Tanzplatz aus , des vorstehenden Hauses wegen , den Garten nicht sehen konnte , sprang an das Ende des schmalen Weges , kniete nieder und streckte ihre Hände dem Kind entgegen , das in seinem hochroten Röckchen , wie eine kleine frische Hagebutte , nun wankend und trippelnden Schrittes , die Ärmchen vorgestreckt , seinen Lauf versuchte , bis es jauchzend und lallend in ihre Arme taumelte . Sie wiederholte dies Spiel so oft , bis ihre Wange glühte und sie trotz des sehr vernehmlichen Protestierens des kleinen Schreihalses innehalten mußte . Joseph , halb durch einen Baumstamm verdeckt , konnte ungestört das Mädchen beobachten , und der Schulmeister konnte bemerken , daß dies auch so eifrig und fleißig wie nur möglich geschah . Wunderlieblich war sie in der Tat , das konnte der strengste Kritiker nicht leugnen . Auf Joseph hatte diese Gestalt , als sie , den neugierigen Menschenhaufen durchbrechend , sich vor ihre gekränkte Mutter stellte und deren Verteidigung mit blitzenden Augen und vollklingender Stimme übernahm , den mächtigsten Eindruck gemacht . Das überaus geräuschlose Walten seiner Mutter im Hause , ihre sanfte , leise Stimme sowie das unbedingte Fügen in den Willen seines verstorbenen Vaters , und nach dessen Tode in den seinen , hatten ihn nicht ahnen lassen , daß dem Frauencharakter auch eine gewisse Selbständigkeit und Kraft innewohnen könne , die , weit entfernt von Unweiblichkeit , in Momenten der Aufregung imstande sei , jeglicher Anfechtung und Unbill wehrhaft entgegenzutreten ... Das linkische , unbeholfene Wesen der Bauerntöchter , ihr albernes Lachen auf jede Anrede , waren auch nicht geeignet gewesen , ihm das Weib von dieser Seite zu zeigen – deshalb war ihm Marie eine nie gesehene Erscheinung ... Und nun , wie ganz anders , und doch ebenso anziehend , zeigte sie sich ihm in diesem Augenblick wieder ! Zwar lag noch immer ein gewisser Ernst auf ihrer klaren