tiefer als Neuhaus , und in den letzten Jahrzehnten hatte ein unglücklicher Zufall es wiederholt gefügt , daß gerade über dem Paulinental wolkenbruchartige Gewitter niedergegangen waren . Binnen wenigen Minuten hatten die stürzenden Wassermassen und der überschäumende Fluß die niedriger gelegenen Gründe überflutet , die Ernteaussichten waren vernichtet und der Grund und Boden auf Jahre hinaus verwüstet und verdorben gewesen . Damit hatte bei allem Fleiß das verhängnisvolle » Rückwärts « begonnen . Und diese Schicksalsschläge waren just in das Leben eines Mannes gefallen , der alle Tugenden seines alten Geschlechts , die Tüchtigkeit des Landwirtes , den Soldatenmut , die Treue und Hingebung für das angestammte Herrscherhaus , und wie sie sonst heißen mögen , diese Tugenden , in sich vereinigte . Der Oberst von Gerold war ein echter Sohn seines Stammes gewesen . Nur auf einem Wege , einem unheimlichen , den alle seine Vorfahren streng gemieden , war er abseits gegangen – die Leidenschaft des Spieles hatte eine furchtbare Gewalt über ihn gehabt . Er hatte ganze Nächte hindurch gespielt und Unsummen geopfert , und wie die Gewitterniederstürze am Grund und Boden gewühlt und seinen Besitz schwer geschädigt hatten , so war jenes Laster verheerend in den alten Familienschrein eingedrungen , der seit Jahrhunderten die klingenden Schätze , die Wertpapiere und Dokumente in sich schloß . Dieses unheilvolle Leben hatte einen jähen Abschluß gefunden durch die Pistolenkugel eines Kameraden , den der Oberst infolge eines Wortwechsels am Spieltisch gefordert hatte . Wie eine ausgeblasene Flamme war es urplötzlich verlöscht und der Welt entrückt worden – » just noch zur rechten Zeit « , hatten die Leute gemeint , aber sie hatten geirrt , es war schon nicht viel mehr zu verlieren gewesen . Die umflorten Augen der schönen Hofdame streiften das von Studium und Stubenluft blaß angehauchte Gesicht des neben ihr sitzenden Bruders , über welches sich allmählich , gleichsam mit jedem Umrollen der Räder , ein Glanz von stiller Freudigkeit verbreitete . Ja dieser , » der Träumer und Sterngucker « , wie er sich selbst anklagend nannte , der von seinem Aufenthalt in Spanien nach jener furchtbaren Katastrophe schleunigst Heimberufene , hatte retten sollen , was noch zu retten möglich war . Er hatte es nicht gekonnt , um so weniger , als das junge Weib an seiner Seite , die zarte Andalusierin , ihre schönen Augen beharrlich mit stillem Entsetzen von dem Beruf einer deutschen Hausfrau abgewendet hatte . Er hatte schließlich nur noch ihr , der Dahinsiechenden , gelebt und die letzten Geldmittel erschöpft , um ihr gegenüber die Täuschung des Überflusses im Hause aufrecht zu erhalten , bis der » Engel der Erlösung sie von ihrem Schmerzenspfühl hinweggenommen « . Dann hatte er gefaßt das Trümmerwerk des ehemaligen Wohlstandes über sich zusammenbrechen lassen . Klaudine sah , wie in diesem Augenblick ein tiefes , erleichterndes Aufatmen seine Brust hob . Sie folgte der Richtung seines Blickes – ach ja , dort hob sich das grauschwarze Zinnenviereck des Turmes über die Waldwipfel ! Dort lag das Eulenhaus , das schützende Dach , das sie beherbergen sollte ! Wie hatte man bei Hofe gelächelt , wenn Klaudine alle ihre Ersparnisse hingab , um das alte Gemäuer , das Vermächtnis ihrer Großmutter , in Bau und Besserung zu erhalten ! Nun kam der Segen . Sie konnte heimgehen von dem heißen Boden des Hofes in die Kühle und Stille unter grünen Bäumen – und da war sie zu Hause ! » Zu Hause ! « wie das doch erlösend und beruhigend klang nach all dem Zwiespalt , den Aufregungen der letzten Monate ! Und der neben ihr saß , er brauchte nicht in eine Mietwohnung zu ziehen , er blieb auf Geroldschem Grund und Boden , wenn auch nur in einem Waldwinkel , dem äußersten Zipfelchen des ehemaligen großen Besitztums . Da hatte einst das Kloster Walpurgiszella gestanden , hart an der Scheide , welche die beiden Geroldshöfe trennte . Das Kloster wurde von einer frommen Ahnenmutter des alten Geschlechts erbaut , aber im Bauernkrieg zum Teil wieder zerstört . Später hatten die Gerolds den von ihnen an die Stifterin geschenkten Baugrund wieder zurückerworben , und der kleinere Teil , das Grundstück mit den Überresten der Baulichkeiten , war denen von Neuhaus zugefallen . Sie hatten den Trümmern nie Beachtung geschenkt , was stürzen wollte , das ließen sie stürzen , und Zeitenlauf und Wetter hatten nagen und abbröckeln dürfen , so viel sie wollten . Nur ein Seitenbau , das ehemalige sogenannte Sprechhaus der Nonnen , vom Feuer ziemlich verschont geblieben , war notdürftig im Stand erhalten worden – man hatte einen Waldhüter hineingesetzt . Im ganzen aber war der entlegene wüste Besitz den Eigentümern mehr eine Last gewesen , und sie hatten sich deshalb nicht lange besonnen , dasselbe später einem Altensteiner , dem Großvater des letzten Gerold-Altenstein , gegen ein ihnen bequemer gelegenes Stück Ackerland zu überlassen . » Eine lächerlich romantische Grille ! « hatten sie im stillen gemeint , als ihnen der Altensteiner mitteilte , daß seine Frau sich das malerische Fleckchen Erde wünsche . Und er hatte es dem geliebten Weibe als alleiniges Eigentum verbrieft und besiegelt geschenkt – so war das Eulenhaus an Klaudines Großmama gekommen . Nun kam auch schon das hoch in die Lüfte ragende , freistehende südliche Portal der einstigen Klosterkirche in Sicht . Das mächtige Fensterrund droben in dem schwarz angerauchten Gemäuer füllte eine durchbrochene Steinrosette . Ja , die Großmama hatte einst ihre ganze Sparbüchse geleert , um ihr geliebtes » malerisches Fleckchen Erde « vor weiterem Verfall zu schützen , und das ehemalige Sprachhaus war mit der Zeit ein ganz wohnliches Asyl , der Witwensitz der alten Frau geworden . Da hatte sie gelebt , seit ihr Mann die Augen für immer geschlossen , und die schönsten Blumen gezogen auf dem ehemals wüsten , vermoosten Grunde neben der Kirche , dem Gräberfeld der Nonnen , dem Walpurgiskirchhof , wie ihn das Volk nannte . Der alte Heinemann , der langjährige Gärtner des