Bärbchen wurde nur dieser Tee getrunken , und wenn die alte Dorte gute Laune hatte , dann steckte sie auch noch einen Zimmetstengel hinein … Ja , und da drüben neben dem altertümlichen Uhrgehäuse hingen richtig der Kalender und die altersbraune Elle , und hinter der Glasscheibe des wandhohen Holzkastens schwang der Perpendikel sein breites Sonnengesicht in sehr moderirtem Tempo ; er ließ sich Zeit , der alte bequeme Herr , er konnte es ja haben in dem stillen , einförmigen Hause und hätte seinen gravitätischen Gang wohl auch nicht geändert , schon aus alter Freundschaft für Tante Bärbchens Spinnrad , das , ein verblichenes rosa Seidenband um die Flachslocken geschlungen , dort auf der Estrade am mittelsten Fenster stand . Es summte und schnurrte Jahr aus , Jahr ein , Sommer und Winter , und der Perpendikel meinte mit Recht , sein Tiktak und das Gesumme gäben eine schönere Harmonie , als ein Zwiegespräch zwischen ihm und Seinesgleichen . [ 433 ] „ Tante , kennst Du die Geschichte von Adam und Eva ? “ fragte Lilli plötzlich . Ihr Blick hing unverwandt an dem südlichen Eckfenster , durch welches der Turm des Nachbarhauses hereinsah . Die Hofrätin saß auf der Estrade und spann . Mit einer raschen Wendung des Kopfes sah sie auf das junge Mädchen hinab , während ein verhaltenes Lachen um ihre Mundwinkel zuckte . „ Närrchen Du ! “ sagte sie kopfschüttelnd , tauchte den Finger in das Netzbecken und spann weiter . „ Die Aepfel haben ihnen nur so gut geschmeckt , weil sie verboten waren , “ fuhr Lilli mit unzerstörbarem Ernst fort . „ Tante Bärbchen , ich habe eben meine Augen wieder ertappt , wie sie nach dem Turmfenster hinübersahen und gar zu gern herausgebracht hätten , was das Glasgemälde vorstellt . Es ist schlecht von ihnen , sehr schlecht , denn Du hast es verboten ; aber man muß ihnen auch ein wenig zu Hülfe kommen , hast Du nicht irgend einen alten , dicken Teppich , den man vor das Fenster nageln könnte , oder – “ „ Ei , das fehlte noch , daß ich mir Licht und Luft absperrte , um Derer da drüben willen ! “ unterbrach sie Tante Bärbchen halb lachend , halb ärgerlich . „ Kind , “ fuhr sie fort , und das Summen des Spinnrades schwieg , „ Du nimmst wieder einmal eine sehr ernste Sache von der spaßigen Seite ; aber ich kann Dir versichern , daß sie ganz und gar nicht spaßhaft ist … Ich habe unter den Impertinenzen der Huberts jetzt noch mehr zu leiden , als dazumal , wo mir der unverschämte Junge meinen ganzen Kinderfrieden zerstörte . “ „ Wie , ist der wieder da und guckt über den Zaun ? “ „ Lilli , sei kein solcher Kindskopf ! “ sagte die Hofrätin mit einem Anflug von Ungeduld in der Stimme . „ Der wäre jetzt seine wohlgezählten sechszig Jahre alt und da klettert man nicht mehr an den Zäunen herum . Der ist todt und seine Frau auch , und ich hätte mir in meinem ganzen Leben nicht träumen lassen , daß da drüben noch einmal Einer herumhantieren würde mit dem Hubert ’ schen Starrkopf und Hochmuth . Aber da kam er doch eines Tages dahergebraust , wie das böse Wetter , der Letzte der schlimmen Familie … Da drüben blieb kein Stein auf dem andern und kein Grashälmchen durfte mehr wachsen , wie es wollte . Nun meinetwegen , das ging mich weiter nichts an und um ungelegte Eier hab ’ ich mich mein Lebtag nicht gekümmert . Daß ich aber meine gehörige Portion Aerger von der neuen Nachbarschaft haben würde , das sagte ich mir alle Tage , und da kam ’ s auch richtig … Kommt da auf einmal ein Commissionär zu mir und fragt im Auftrag des jungen Herrn da drüben , ob ich ihm nicht Haus und Garten käuflich überlassen wolle . Da hab ’ ich aber geantwortet , wie mir um ’ s Herz war , und der Herr Commissionär war schneller draußen vor der Tür , als er hereingekommen ist . “ „ Tantchen , ich fürchte , Du bist nicht sehr höflich gewesen . “ „ Ei , da soll ich wohl auch noch meine Worte auf die Goldwage legen , wenn man mir mein väterliches Erbe feil machen will ? … Der junge Herr denkt vermuthlich , weil er den Krieg in Schleswig-Holstein mitgemacht hat , da darf er nun auch Annexionsgelüste haben … Er hat übrigens meine Aufrichtigkeit sehr übel vermerkt , denn von dem Augenblick an sucht er mich zu chicaniren … Dazumal , als der Zaun angelegt worden ist , da hat es Anstoß gegeben wegen der Teilung , die Linie ist gerade durch den Pavillon gelaufen . Aber mein Großvater und der alte Hubert Dorn sind darin übereingekommen , daß er stehen bleiben solle , und weil er zur größeren Hälfte in meines Großvaters Garten gestanden und auch an der Seite die Tür gehabt hat , so ist er uns verblieben . Jetzt meint nun auf einmal der hochgeborne Herr , seine verwöhnten Augen würden durch die Rückwand des alten , einfachen Häuschens beleidigt , und will durchaus die Hälfte entfernt wissen , die auf seinem Territorium steht . “ „ Wie , an dem lieben , alten Pavillon will er sich vergreifen ? “ rief Lilli erregt und sprang auf . Sie hatte bis dahin , ruhig im Sessel . liegend , einen ihrer kleinen Saffianschuhe auf der Fußspitze balanciren lassen . Für den alten Familienhaß mit seinen ziemlich verblichenen Traditionen hatte sie nie ein rechtes Verständniß gehabt . Alle die Reibungen zwischen den späteren Generationen , deren Tante Bärbchen oft so entrüstet gedachte , waren ihr immer sehr abgeschmackt und kleinlich vorgekommen , deshalb hatte sie auch den vermeintlichen neuen Kummer und Aerger der Hofrätin anfänglich humoristisch behandelt . Jetzt aber erhielt sie einen schlagenden Beweis von der Böswilligkeit der