“ Ein unwilliger Seufzer seiner Frau unterbrach ihn . „ Ich weiß wohl — es ist eine lästige und widerwärtige Pflicht , — aber es wird ja , so Gott will , nicht lange dauern . Hartwig ist übernächtig , — er kann noch ein Jahr leben , er kann aber auch , wenn ein zweiter Schlaganfall kommt , in der nächsten Stunde weg sein , — dann magst Du meinethalben die Last ab ­ schütteln und Ernestine in ein Institut stecken . Der Anstand aber , meine Liebe , muß immer und vor Allem aufrecht erhalten werden , — Du weißt , daß der Anstand jederzeit die Richtschnur meines Handelns war . Wie ich es nicht liebe , einen schmutzigen Rock zu tragen , auf einem unreinen Tischtuch zu speisen , so ist mir auch jeder Fleck an meinem Namen unerträglich . “ Er hatte sich während dieser Rede an den Tisch ge ­ setzt und die duftende Bowle in einen Becher von Eis ­ glas gegossen . Wahrend er sie mit fein zugespitzten Lippen bedächtig prüfend einschlürfte , warf sich die Gattin neben ihm so ungestüm in das Sofa , daß die Sprung ­ federn knackten und der arglose Gemahl auf der andern Seite wie auf einer Waage in die Höhe geschnellt ward , das Gleichgewicht verlor und sein Getränk auf das reinste aller Hemden goß . — Er schnalzte leise mißbilligend mit der Zungenspitze und wischte sich sorgfältig ab . „ Nun muß ich mich ganz umkleiden “ , sagte er im Tone schärfsten Vorwurfs . „ Das bedeutet nichts Gutes , daß Du Dich gerade bei diesem Gespräch vollgeschüttet hast “ , meinte verblüfft die abergläubische Frau . „ Es bedeutet , daß Du nie lernen wirst , Dich wie eine Dame zu benehmen ! “ war die ruhige Antwort . „ So ! “ rief die Getadelte lachend . „ Ich muß mir wohl aristokratischere Manieren angewöhnen , damit ich Deinem Bruder mehr Ehre mache , der sich in dem Schnaps , den er brennt , den Schlag an den Hals getrunken hat ? Ein schöner Adliger , — das muß ich gestehen ! “ „ Gerade weil er seinem Stande Unehre macht , will ich meinem Stande desto mehr Ehre machen und darin sollst Du mich unterstützen , statt darüber zu lachen . Und wenn wir sein Erbe antreten , dann will ich zeigen , daß man nicht in freiherrlicher Wiege geboren zu sein braucht , um ein Aristokrat zu sein , — und der weggejagte Mar ­ burger Professor wird in der Elite der wissenschaftlichen Welt , wie in der Gesellschaft eine Rolle spielen , um die ihn ein Fürst beneiden kann . — Mit Geld geht ja Alles und wo Geld und Verstand beisammen sind , da fängt man die Menschen wie Fliegen an der Leimstange . “ „ Ach , das wird herrlich ! “ rief die von dieser Aus ­ sicht hocherregte Frau , goß sich ein großes Glas Bowle voll und stürzte es in raschen Zügen hinunter . „ Es ist allerdings ein so unerhörtes Glück , daß man so nüchtern sein muß , wie ich — um den Verstand nicht darüber zu verlieren ! “ sagte der Mann und schaute mit seinen weißblauen Augen fast träumerisch vor sich hin . „ Dann halten wir Wagen und Pferde und ich fahre mit Bedienten vor den Läden an ! Und Gretchen be ­ kommt eine französische Bonne und wird immer weiß und himmelblau gekleidet . Wir ziehen in die Residenz und Du , Leuthold , brauchst nichts mehr zu arbeiten , kannst Dich den ganzen lieben langen Tag amüsieren ! “ bemerkte die Gattin und warf stolz den Kopf zurück , als dächte sie sich in die Seele eines ihrer künftigen Kutschen ­ pferde hinein . „ Glaubst Du , ich würde dann zum Tagedieb ? “ fragte er sie mit einem stechenden Blick : „ Nein , gewiß nicht ! Wenn ich die zehn Gebote zu machen gehabt hätte , ich hätte statt des siebenten Gebotes gesetzt : , Du sollst dem lieben Gott den Tag nicht stehlen ! ‘ denn kein Dieb erscheint mir so verächtlich wie der Tagedieb ! “ Die Frau lachte und zeigte zwei Reihen der schönsten Beißwerkzeuge , deren Stärke sie gleich darauf durch das Aufknacken von Haselnüssen erprobte . — „ Glaubst Du “ , fuhr Leuthold fort , „ ich würde mich mit dem Ruhm , ein reicher Mann zu sein , begnügen ? Nein , mich dürstet nach anderen Ehren . Sobald ich die Mittel in Händen habe , nehme ich meine alte Wissenschaft wieder auf und dann will ich etwas leisten , was mir die armen Teufel , die täglich ein paar Stunden Kolleg lesen müssen , nicht nachmachen werden ! Und ein chemisches und physiologisches Laboratorium will ich mir errichten , wie es manche Universität nicht aufzuweisen hat . — Ach — wenn ich einmal all des verhaßten Zwangs , all der elenden Handlangergeschäfte in der rauchenden , stinkenden Fabrik entledigt bin , — dann will ich mich baden in der freien frischen Strömung der Wissenschaft und mir einen Namen machen , der sich den ersten unserer Zeit zur Seite stellt . “ „ Das ist das ganze Glück , das Du Dir ausmalst ? “ fragte geringschätzig die Frau . „ Es gibt kein größeres Glück , als eine Rolle in der Welt zu spielen durch eigenes Verdienst , — und hat mich meine Armut bisher daran verhindert , so soll mir nun bald mein Reichtum dazu verhelfen , indem er mich unabhängig macht . Wer unabhängig ist , kann seine Talente zur vollen , freien Entwicklung bringen , während oft die höchste Begabung sich vor der Zeit erschöpft an der harten Notwendigkeit des Broterwerbs . — Es ist ein köstlich Ding , arbeiten dürfen , was man will ! Ebenso köstlich , — als es eine Verdammnis ist , arbeiten müssen , was man nicht will !