Herr Pastor , Sie werden doch nicht das einzige aus dem Hause tun , woran man noch seine Freude hat ? « Die Stimme der Alten schwankte , als sie dies sagte . – » Wenn das die Selige wüßte , sie hätt ' s nimmer gelitten ! « Mein Vater stand auf . » Höre , Kathrin « , begann er , » nun will ich dir einmal etwas sagen : das Mädel ist jetzt sechs Jahre alt und ist aufgewachsen wie eine Wilde . Sie kann nichts , sie weiß nichts und sie lernt nichts . Du bist eine gute Seele , aber du kannst kein junges Mädchen erziehen . Ich verstehe es auch nicht . Frau v. Bendeleben tut es leid , das Kind so verwildern zu sehen , sie hat mir angeboten , Gretchen mit ihren Töchtern zusammen zu erziehen , das ist ein Vorschlag , den ich mit größter Dankbarkeit annehmen muß um des Kindes willen . Du kannst es sehen , sooft du willst . Sie wird uns besuchen , recht oft , nicht wahr , Gretchen , recht oft ? Und du , Kathrin , wirst noch deine Freude an ihr haben , und nun laß das Schluchzen und störe mich nicht länger . « Kathrin hatte die Schürze vor das Gesicht genommen , und dahinter tönte es weinend hervor : » Das nimmt kein gutes Ende , das weiß ich , es wird ihr nie mehr hier gefallen . « Dann nahm sie mich bei der Hand und ging mit mir hinunter . Dort zog sie mich auf ihren Schoß und weinte , als ob ich sterben müßte . Abends wusch und kämmte sie mich unter strömenden Tränen und brachte mich dann , nachdem ich , vor Ungeduld zappelnd , meinem Vater Adieu gesagt , auf das Schloß . » Gretchen « , sagte sie unterwegs , » wenn sie auch alle schön mit dir tun da droben , vergiß nicht , daß du in unser kleines Pastorhaus gehörst , und daß du einmal dorthin zurückkehren mußt . Werde nur nicht hochmütig , Kind . Ach , Gott erbarm ' s , wenn ' s nur kein Unglück gibt ! « Damals dachte ich wohl kaum , daß sich etwas von der Alten düsteren Prophezeiungen bewahrheiten könne . Ich wurde liebevoll dort aufgenommen und wuchs mit den beiden Töchtern des Hauses , Ruth und Hanna , heran . Unsere Erziehung war eine sehr sorgfältige , und mein Vater , der nach wie vor sein einsiedlerisches Leben fortsetzte und nur dann und wann sich einmal nach meinem Fleiß und meinen Fortschritten erkundigte , wurde ordentlich stolz auf sein Töchterchen . Kathrin forschte immer ängstlich nach Hochmutsspuren in meinem Gesicht . Als ich aber unverändert zärtlich und freundlich zu ihr blieb und mir stundenlang , wenn ich zu Hause war , von ihr erzählen ließ , wie gut und lieb mein Mütterchen , ihr ganzer Stolz , gewesen war , und mit unvermindertem Interesse die schon oft gehörte Erzählung anhörte , beruhigte sie sich allmählich etwas , doch bekam ich immer irgendeine Ermahnung mit auf den Weg . Nun muß ich Sie aber , liebes Kind , mit den Personen und Verhältnissen auf Schloß Bendeleben etwas bekannt machen . Der Hausherr war ein großer , stattlicher Mann , der richtige Typus eines deutschen Landedelmannes , mit blondem Haar und Bart und blauen Augen , die ziemlich unbedeutend , aber voll Herzensgüte in die Welt blickten . Ein großer Geist war er eben nicht , und seine Frau überragte ihn in dieser Beziehung um ein bedeutendes . Nur eines hatten die Gatten gemein , sie sahen beide mit souveräner Herablassung auf alles , was nicht adlig war , hernieder . Sonst eine kühle , ruhige Natur , konnte der Baron außer sich geraten , wenn er zum Beispiel in der Zeitung las , daß ein altes , adliges Rittergut in die Hände eines Bürgerlichen übergegangen war . Die Heirat eines Adligen mit einem bürgerlichen Mädchen vermochte ihn zu langen Reden aufzureizen , die gewöhnlich damit schlossen : » Gott weiß , was aus der Welt noch werden soll , wenn dieser Standesunterschied aufhört . Es wird noch alles drüber und drunter gehen , ich mag es gar nicht erleben . « Frau v. Bendeleben war taktvoller und sprach ihre Ansichten nicht so unumwunden aus wie der Baron . Daß sie aber ebenso dachte , bewiesen verschiedene kleine Züge , die ich in unserem Zusammenleben zu beobachten Gelegenheit hatte . Freilich war ich dort so wohlgelitten , wurde beinahe als Tochter behandelt . Ich machte aber doch später die bitterste Erfahrung in dieser Beziehung , und der Standesunterschied wurde mir gerade zu einer Zeit in Erinnerung gebracht , wo ich unglücklich , recht unglücklich war und Schutz und Schonung sehr nötig hatte . Doch davon schweige ich noch . Im übrigen war Frau v. Bendeleben eine edle , gutdenkende Dame , und wenn sie mir einmal ein Unrecht zufügte , so geschah es infolge ihres angeborenen Stolzes und der großen Liebe zu ihren Kindern . Sie war eine vortreffliche Mutter , eine gute Hausfrau , und eine der schönsten Frauen , die ich je gesehen . Die älteste Tochter Ruth sah ihr ähnlich , nur übertraf sie wohl die Mutter noch . Ein blendend schönes Geschöpf war sie , von elfenhaft zierlicher Gestalt . Das ovale Gesichtchen mit den großen , dunkelbraunen Augen , die schmachtend und feurig zugleich unter den langen Wimpern hervorblickten , war von einer Fülle schwarzer Locken umrahmt . Die feine Nase , der kleine Mund , der so süß zu lächeln verstand , alles bewirkte , daß man sich kaum von dem Anblick dieses reizenden Geschöpfes losreißen konnte . Gewiß haben Sie , liebes Kind , schon einmal das Porträt der schönen Gräfin Potocka gesehen , das jetzt in allen Schaufenstern hängt – nun wohl , so sah sie aus , es bestand eine merkwürdige Ähnlichkeit mit diesem Bilde . Sie