Fluß , das sie von dem sonderbaren Zufall unterrichtete , der Helene mit ihrem Jugendfreund wieder zusammenführte , aber die Professorin antwortete nicht , und schon nach einem Weilchen erhob sie sich , um zu gehen . Helene begleitete sie auf den Korridor . » Lene , ich bitte dich , « begann dort die Freundin , indem sie energisch in ihre Paletotärmel fuhr , » nun frag mich nur nichts und erkläre mir nichts mehr und rede überhaupt nichts , – ich bin ganz benommen , ich könnte dir nicht antworten , nur eines muß ich fragen : Warum heiratet ihr euch nicht ? « » Wer ? « rief Lene erblaßt . » Nun , ihr ! Du und der Wendenfels . Es wäre doch das einzig Richtige . « » Aber – aber – « Helene rang nach Luft . Es war ihr , als habe jemand plötzlich die bescheidene blasse Sonne abgesperrt , die über ihrem Leben aufgegangen war , seitdem sie mit Wendenfels verkehrte . » Aber warum denn ? « stotterte sie endlich hervor . Doch die alte Freundin blieb hierauf die Antwort schuldig , weiter nichts sagte sie als : » Na , lebe wohl , Lene , beherzige das ! « Dann war sie gegangen . Da stand die arme Helene und drängte nur mit Macht die Tränen zurück . Wie alt muß man denn werden , bis man tun und lassen kann , was man will , ohne albernen Verdächtigungen ausgesetzt zu sein ? Und was denn nun ? Jetzt , wo ihre Unbefangenheit dahin war , schien ihr die Situation selber unmöglich . Mit einem einzigen Wort hatte diese Sophie sie in Wirren und Sorgen gestürzt , die zu lösen ihr unmöglich dünkten . Ganz verstört trat sie in die Küche und sagte dem Mädchen , es möge 25 sie entschuldigen bei den Herrschaften drinnen , sie habe plötzlich Kopfweh bekommen und müsse sich niederlegen . Dann war sie allein in ihrer Schlafstube . Sie stand vor dem Spiegel und sah ihre weißen Haare an . Merkwürdig , hatte sie sich verjüngt , oder war es der Zorn ? Sie hatte rote Wangen und blitzende Augen . Das vergrämte schlaffe Gesicht , das ihr sonst entgegenblickte , war verschwunden . Und ihr ehrliches Herz gestand es ihr zugleich ganz freimütig : Ich liebe ihn noch immer , und wenn der Verstand da oben unter den gebleichten Haaren auch darüber lächelt ! Ich bin die alte geblieben , ich bin noch jung . – Und der Verstand antwortet darauf : Was nun ? Dein Herz hat eben die Rechnung ohne den Wirt gemacht . Das Kind hast du geholt , hast ihm eine Heimat geboten , und der Mann sonnt sich in den Strahlen deiner Güte , und die Menschen machen Glossen über dich und verunglimpfen dein Leben . Ja , Lene , was tust du nun ? Hättest du nach mir gefragt ! – O , sie wußte weder aus noch ein ! Du müßtest verreisen ! sagte der Verstand wieder . Bitte das Kind , während der Zeit zu seinem Vater zu gehen . Kündige heimlich die Wohnung und bleibe lange fort , lange – komm gar nicht wieder , – sieh zu , wo du wieder ein Heim findest , ein ganz einsames , freudloses . Die Welt ist unduldsam und niemand verschont sie , nicht jung , nicht alt . – Sie saß fassungslos in dem tiefen Sessel an ihrem Bett und hörte , wie man den Rollstuhl der Kranken in das Schlafzimmer fuhr , wie die Pflegerin diese zu Bett brachte und 26 beruhigend zu ihr sprach . Das arme Kind schien sich über ihr Kranksein zu beunruhigen , denn sie hörte , wie man ihm sagte , die Tante würde morgen wieder ganz wohl sein . Die Korridortüre war längst ins Schloß gefallen , Wendenfels nach drüben gegangen . Er würde nie wieder sitzen in ihrem traulichen Zimmer , – nie . Das ertrüge sie nicht , daß man solches von ihr dächte – nein . – Schnell mußte sie nun einen Entschluß fassen , – schnell . – Aber welchen ? – Am andern Morgen schrieb sie ihm ein paar Zeilen , sie müsse zu einer Verwandten reisen , die zufolge einer dringlichen Besprechung ihre Gegenwart wünsche . Ob Else so lange zu dem Vater übersiedeln könne mit der Pflegerin ? Sie , Lene , sei überzeugt , daß das junge Mädchen jetzt so aufgetaut gegen ihn sei , daß es nicht mehr frieren werde bei ihm . Er möge nur verzeihen , daß sie ihm nicht einmal Adieu sagen könne , aber sie habe so entsetzliche Eile fortzukommen . Den Brief in der Tasche , wanderte sie den ganzen Tag umher zwischen dem halbgefüllten Koffer in ihrer Schlafstube und dem Fahrstuhl des Kindes , das blasser noch als gewöhnlich dasaß und mit großen vorwurfsvollen Augen das sonderbare Gehabe ihrer Tante betrachtete . Und diese schämte sich ihrer Lügen und ihrer Feigheit und meinte doch , nicht anders handeln zu können , als wie sie tat . Die Dunkelheit kam früher als sonst , es war kaum vier Uhr . Mit bangem Herzen stand Helene in ihrem Erkerzimmer . Sie hatte den Brief noch immer nicht hinübergeschickt . Nun mußte es bald geschehen . Die Koffer waren gepackt , um acht Uhr ging der Zug . Jetzt konnte sie auch dem Pflegetöchterchen Mitteilung machen , denn heute war Wendenfels im Klub und kam nicht vor neun Uhr zurück . Else mochte mit der Pflegerin heute noch hier schlafen , morgen früh würde der Vater ja bestimmen , was geschehen solle . Sie erinnerte sich , noch einige nötige Berechnungen am Schreibtisch erledigen zu müssen , da trat jemand in das Zimmer . In der Meinung , es sei das Mädchen , sagte Helene , die 29 noch am Fenster stand : » Bitte , zünden Sie die Lampe an und stellen Sie sie auf