[ 022 ] sie nicht schleunigst umwende und sich beeile , den Stiefel auszuziehen . Von dem Sonnenuntergang , von dem Heimweg auf dunklen Waldpfaden sprach Aenne freilich kein Wort , nur in ihren leuchtenden Augen stand sie , die Geschichte ihrer jungen Liebe , aber diese Schrift konnte keines von den dreien lesen . Sie sprudelte über vor lauter innerer Glückseligkeit ; es war ja auch zu wundervoll , daß sie ihn heute früh schon gesehen hatte ! Und nun heute abend - wie wollte sie das Lied singen , das Lied von der Abendsonne ! Sie wußte , wie alles kommen würde : in irgend einem Fenstereckchen des großen Saales würden sie sitzen , nachdem er ein wenig kaltes Fleisch und Salat und ein paar Gläser Champagner vom Büfett geholt , so allein , so einsam zu zweien , wie drüben im Walde , der Heinz Kerkow und sie , der Heinz Kerkow , der wilde prächtige lustige Heinz , den sie liebgewonnen , so über alles lieb ! Aenne May fiel es vorläufig gar nicht ein , weiter zu denken ; sie war sich gestern ihrer Liebe bewußt geworden , und die war aufgeblüht wie eine Rose mit hundert Blättern . Wie es weiter kommen würde , das kümmerte sie nicht , sie sog das Glück der Gegenwart in vollen Zügen ein . Beim Ankleiden zur Soiree auf dem Schloß trieb sie tausend Possen . Natürlich ging dieser feierliche Akt wieder in der Eßstube vor sich , Mama frisierte ihr schönes Töchterlein vor dem Spiegel , der über der Kommode hing ; von der Petroleumlampe war die Glocke genommen , damit sie heller leuchte , und Tante Emilie , die als Landfremde nicht hoffähig war , half wie eine perfekte Kammerjunger . Ueberall lagen Sachen umher , das unsterbliche schwarze Seidendamastkleid der Rätin baumelte am Thürpfosten und der etwas verflüchtigte Geruch des Mittags war noch mit dem Duft von Kölnischem Wasser und Mandelseife versetzt . „ Nee - reizend ! “ erklärte Tante , als Aenne fertig dastand . „ Wenn du ' mal eine Excellenz bekommst , trautstes Herzchen , werde ich mich nicht wundern . “ „ Was soll ich mit einer Excellenz , Tante , “ antwortete das Mädchen und knöpfte die gewaschenen Handschuhe zu , „ ich will keinen Alten . “ Die Rätin lächelte . Sie war auch wirklich reizend , die Aenne , und wenn sie ebenso vernünftig wäre wie hübsch , könnte sie bald versorgt sein ! Der Oberförster nebenan bemühte sich auffällig um sie , ein guter stattlicher Mann . Aber Aenne that ja , als sei sie in diesem Punkte taub und blind . „ Höre , Engelsköpfchen , wird heute getanzt ? “ erkundigte sich Tante Emilie . „ Hoffentlich , Tante ! “ „ Na , da wird wohl der Kerkow Matador sein ? “ „ Er wird ja vermutlich Sorge tragen , daß ich nicht ganz sitzen bleibe . “ „ Wenn er ' s nur könnte , er tanzte den ganzen Abend mit dir , wie Hans mit Grete , “ nickte die Tante . „ Ich denke , der Kerkow wird genug zu thun haben mit den fünf Asselbach ’ schen Komtessen , der Toni Ribbeneck und den andern vom hohen Adel ; bezweifle , daß er sich viel um Aenne kümmern kann , “ meinte die Mutter und bohrte eine Granatnadel in das Blondenhäubchen auf ihrem Scheitel . Aenne warf ihrer Mutter einen mitleidig drolligen Blick zu . „ Meinst du , Mama.O weh ! - Da setze dich nur nicht in den Tanzsaal , ich fürchte , ich werde furchtbar schimmeln . Dabei aber strahlte ihr Gesichtchen von Siegesgewißheit . Die ahnten ja samt und sonders nichts von alle dem Herrlichen , was sie wußte ! „ Ich bleibe heute nacht auf , ich muß doch erst hören , wie ihr euch amüsiert habt , “ erklärte Tante Emilie beim Abschied , „ ich stell ' mir Thee in die Röhre und leg ' Patience . “ Und so that die alte Dame , zuweilen auch trat sie ans Fenster und schaute zum Schlosse empor , in dem die langen Fensterreihen des Mittelstockes rötlich in den Oktoberabend hinausleuchteten . Die alte seelensgute Frau , die das Kind ihres Bruders abgöttisch liebte , malte sich aus , wie Aenne an den Flügel treten und singen würde , wie sie , zur Herzogin beschieden , der hohen Frau die Hand küßte und wie sie dann mit dem Kerkow im Walzer dahin flog . Sie hatte es gemerkt , längst gemerkt , daß sich die beiden mächtig anzogen , und deshalb hatte sie Mitleid gespürt und die jungen Leute gestern allein gelassen , mitten im Walde , natürlich in der Meinung , daß sie als Brautleute nach Hause kommen würden . Das war nun nicht geschehen , die Jugend war eben anders heute , gar nicht mehr so ideal , so stürmisch . Von dem Kerkow hatte sie anderes erwartet . Hätte jemand ihr gesagt . Tante Emilie , die Jugend ist noch ebenso , ebenso stürmisch , so heiß , so begeistert , nur die Welt , die Verhältnisse sind anders geworden , sie hätte es nicht geglaubt . - Aber diesen Jemand gab es nicht . Tante Emilie hatte eben in den denkbar zurückgezogensten Verhältnissen gelebt und war drauf und dran , sich in der naivsten Weise der Welt bei Aenne und Kerkow den Kuppelpelz zu verdienen . Sie legte sich alle möglichen Patiencen - wird er sich heute abend erklären ? Keine ging auf . Sie fieberte vor Ungeduld , Aenne wiederzusehen , sie würde es ihr auf den ersten Blick an merken , ob das große Ereignis eingetreten sei , wie sie es gestern abend gemerkt , daß sich das junge Paar um einen großen Schritt näher gekommen sein müsse , denn die Aenne war ins Zimmer getreten , so eigen , so rosig , so , als sei noch