möglich . Jetzt im Sommer ist es überhaupt erträglicher , man hat den großen Speisesaal mit der deprimierenden langen Tafel verlassen und nimmt die Mahlzeiten auf der Terrasse an einzelnen Tischen . Henry , Doktor Lukas , der Knabe Gottfried und ich haben einen Tisch am oberen Ende , wo man alles übersehen kann und doch etwas für sich ist . Die Witwe wollte sich anschließen , aber es war zum Glück kein Platz mehr . So gastiert sie nur bei uns , und damit sie nicht allzu störend wird , erziehen wir sie zu unserer Anschauungsweise . Kurz , wir haben hier mitten in dieser fremden Welt eine Art eigenes Milieu gegründet . Du kannst Dir denken , daß Henry und ich uns viel zu erzählen haben und endlos von alten Zeiten reden . Wir rechneten aus , wie lange wir uns jetzt schon kennen . Es sind ungefähr acht Jahre , und die Bekanntschaft begann mit einer sehr schönen , sehr langen und sehr kostspieligen Reise , von der wir ohne einen Heller zurückkehrten . Er gab dann seine bisherige wissenschaftliche Tätigkeit auf und verlegte sich auf Unternehmungen . Der erste Anlaß dazu war ein Exfreund , dem er ein beträchtliches Kapital ins Geschäft gesteckt hatte und der es nicht wieder herausrücken wollte . Der Exfreund wurde verklagt , gepfändet , jedoch umsonst . Er hatte vorgesorgt und alles rechtzeitig seiner Tante zediert . Aber er hatte irgendeine vielversprechende Erfindung gemacht , das Patent auf diese Erfindung konnte er wohl nicht gut der Tante zedieren , und Henry ließ es beschlagnahmen . Damals lernten wir , seine näheren Bekannten , ihn bewundern ; er hatte uns vorher wohl allerlei Pläne entwickelt , aber wir verstanden wenig von solchen Dingen und hielten sie deshalb für phantastisch . Ich sehe ihn noch , wie er dann eines Tages plötzlich auf den Tisch schlug und sagte : » Jetzt hab ' ich ' s. « Acht Tage später hatte er auf die Erfindung des Exfreundes eine GmbH gegründet , hatte ein elegantes Büro mit zahllosen Plänen , Grundrissen und Gipsmodellen und telefonierte den ganzen Tag . Wenn ich mich recht erinnere , handelte es sich um einen feuersicheren Kinemasaal , brach aber doch einmal Feuer aus , so würde wenigstens keine Panik entstehen , weil er in einer halben Minute geräumt werden konnte . Wie die Geschichte ausging , bringe ich nicht mehr zusammen , und es tut auch nichts zur Sache . Jedenfalls begann er damit seine Laufbahn als Gründer . Übrigens hat Henry ebenso wie ich einen rätselhaften Unstern in finanziellen Dingen gehabt , er konnte wohl auch nicht die richtige persönliche Beziehung zum Geld finden . Mich hat es dann schließlich ernst genommen , ihn foppte es auf unqualifizierbare Weise . Böse Zungen behaupten heute noch , es sei bei all seinen Unternehmungen nie etwas herausgekommen , aber das kennt man ja und soll kein Gewicht darauf legen . Einerlei , er blieb unbeugsam , fragte man ihn , wie steht es denn mit der oder jener Geschichte ? , so hieß es : schlecht , gerade im entscheidenden Moment kam etwas dazwischen , aber ich habe jetzt eine neue Sache an der Hand , und wenn die nicht einschlägt , soll mich der Teufel holen . Manchmal verschwand er auch für eine Weile , und man hatte Angst , er sei verkracht , aber er war nur rasch in Südamerika oder sonstwo gewesen , um irgendein Unternehmen in die Wege zu leiten . Dann tauchte er wieder auf und mit ihm ein neues Büro , ein imponierendes Türschild , das wieder eine neue GmbH verkündete , Modelle , Telefongespräche und Aktionäre . Du siehst , Maria , er ist auch diesmal wiedergekommen und hat sich drunten in unserem Städtchen ein Büro eingerichtet , wo er täglich ein paar Stunden mit seinen Aktionären telefoniert . Wir schwelgen in alten Erinnerungen : ... wie ich einmal Geld hatte ... wie du einmal Geld hattest ... oder : als es mir damals ernstlich an den Hals ging ... Unsere Schicksale hatten immer eine gewisse Ähnlichkeit miteinander , so mußte es wohl auch kommen , daß wir uns hier im Sanatorium mit unseren beiderseitigen Geldkomplexen wiederfanden und doch beide nach altem Brauch auf eine günstige Lösung warten ... ich auf meine Erbschaft , er auf einen großen Coup , der seiner Meinung nach dieses Mal nicht fehlschlagen kann . Beklag Dich , bitte , nicht wieder über meine Briefe , Maria . Aber ich interessiere mich momentan so grenzenlos für meine eigene Existenz , daß nichts anderes übrigbleibt . Auch darin verhext einen die ewige Geldfrage , möchtest Du ' s nur nie an Dir selbst erfahren . Alle schönen Eigenschaften des Herzens , alles Eingehen auf andere geht dabei zum Henker ... 5 Ich fürchte , wir haben den armen Privatdozenten angesteckt . Anfangs pflegte er nur friedlich von wirtschaftlichen Fragen zu sprechen , während er sich jetzt auf das lebhafteste für Gründungen und Spekulationen , kurz für alle direkten und indirekten Geldfragen interessiert . An unserem Tisch ist von nichts anderem mehr die Rede , die Neurosen und Psychosen haben alle Anziehungskraft verloren . Selbst Gottfried denkt nicht mehr über seine Weltanschauung nach , sondern hört andächtig zu . Ich glaube , der Verkehr mit uns wird ihn noch völlig heilen . Heut saß ich längere Zeit mit Doktor Lukas allein . Wir gaben uns alle Mühe , zur Abwechslung einmal ein anderes Thema anzuschlagen ... die Hitze ... die Persönlichkeit des Professors ... wie schön es sein müßte , jetzt für ein paar Wochen an die Nordsee zu fahren ... und wurden dabei aber immer einsilbiger und langweiliger . Dann kam die Witwe einen Augenblick heran und stimmte ihr gewohntes Klagelied an . Tag und Nacht habe ihr verstorbener Mann gearbeitet , bis er ein kleines Vermögen auf der Bank liegen hatte , und all das sauer verdiente Geld sei nun in der Konkursmasse - mein Gott ,