er war . Und als er nun in Jason Philipps Gesicht schaute , glaubte er die Unruhe des schlechten Gewissens darin wahrzunehmen . Der Mann handelte nicht aus einer Überzeugung , so schien es ihm , der Mann war von vornherein entschlossen , nicht zu wollen . Und ferner schien es ihm , daß nicht bloß der eine Mann und sein zufällig begründeter Zorn , sondern daß eine ganze Welt gegen ihn in Waffen stand und zu seiner Verfolgung verschworen war . Er hatte keine Lust mehr , das Ende von Jason Philipps oratorischer Leistung abzuwarten und verließ die Stube . Jason Philipp erblaßte . » Täuschen wir uns nicht , Marianne , du hast eine Schlange an deinem Busen genährt , « sagte er . Daniel stand vor dem Wolframs-Brunnen auf dem Platz und ließ sich vom Purpur der untergehenden Sonne bestrahlen . Ringsum glühten die Steine sowie die gekreuzten Balken in den Häusermauern , und die Mägde , die mit Wassereimern kamen , blickten verwundert in die Lichtfülle des Himmels . In dieser Stunde wurde ihm die Heimat teuer . Als Jason Philipp den Platz betrat , an dessen Ecke die Postkutsche harrte , war er bestrebt , von Daniel nicht gesehen zu werden , und machte hinter ihm einen Bogen . Aber Daniel drehte sich um und heftete seine Augen fest auf den eilig schreitenden und verbissen zur Seite schauenden Mann . So begibt es sich immer wieder . Und daran , daß der Flüchtling sich wendet und dem Verfolger Schrecken einjagt , ist auch nicht viel Wunderbares . 9 Daniel sah , daß seines Bleibens bei der Mutter nicht war . Er konnte der Mutter nicht auf der Tasche liegen . Sie war arm und vom Gutdünken eines tyrannischen Verwandten abhängig . Den ungestümen Drang niederhaltend , zwang er sich zu kühlem Bedacht und setzte sich einen Plan . Es war notwendig zu arbeiten und so viel zu verdienen , daß er über Jahr und Tag zu Andreas Döderlein gehen und ihn an sein großmütiges Anerbieten mahnen konnte . Er studierte Zeitungsinserate und schrieb Briefe . Eine Druckerei in Mannheim suchte eine Hilfskraft für Korrespondenzen . Da er sich mit dem niedrigen Lohn einverstanden erklärte , forderte man ihn auf , zu kommen . Marianne gab ihm das Reisegeld . Drei Monate hielt er es dort aus , dann wurde ihm der Plage zu viel . Dann schuftete er sieben Monate lang bei einem Baumeister in Stuttgart , dann vier Monate bei der Kurverwaltung in Baden-Baden , dann sechs Wochen in einer Zigarettenfabrik bei Kaiserslautern . Er lebte wie ein Hund . Aus Furcht vor Geldausgaben mied er jeglichen Verkehr . Er war grenzenlos einsam . Vor Darben und Hungern wurde er mager wie ein Strick . Die Wangen fielen ihm ein , und die Glieder schlotterten in den Gelenken . Er nähte und flickte seine Kleider selbst , und um die Stiefel zu schonen , nagelte er Hufeisen an die Absätze und breite Stifte in die Sohlen . Das Ziel hielt ihn aufrecht ; Andreas Döderlein winkte in der Ferne . Jeden Abend zählte er die Summe , die er erspart hatte . Und als er endlich , nach sechzehn Monaten der Entbehrungen , zweihundert Mark im Vermögen hatte , glaubte er den großen Schritt wagen zu dürfen . Nach seinen Berechnungen und dem Maßstab , den ihm sein bisheriges Leben geliefert hatte , meinte er von dem Gelde fünf Monate zehren zu können , und im Verlauf dieser Zeit konnten sich ja neue Quellen erschließen . Er hatte viele Menschen kennen gelernt und viele Verhältnisse erfahren , aber in Wirklichkeit hatte er nichts kennen gelernt und nichts erfahren , denn er hatte in der Welt gestanden wie eine Laterne mit verdecktem Licht . Da er , um zur Erwerbsarbeit tauglich zu bleiben , mit ungeheurer Energie seinem Geist die angeborene Betätigung mit dem Hinweis auf die Zukunft verwehrt hatte , befand sich nun sein Inneres in der Glut eines Hochofens . Auf der Wanderschaft nährte er sich von trockenem Brot und Käse , wie er es gewohnt war . Aus den Büchern und Notenheften , die er besaß , hatte er ein Paket gemacht und es an das Nürnberger Bahnamt geschickt . Es waren Vorfrühlingstage , und wenn das Wetter schön war , schlief er im Freien , wenn es regnete , kroch er in einen Schuppen . Sein Bündel benutzte er als Kopfkissen , der verschlissene Mantel schützte ihn vor dem Nachtfrost . Nicht selten fand er freundliche Aufnahme und eine Mahlzeit bei Bauersleuten ; bisweilen auch schloß sich ihm ein walzender Handwerksbursche an , aber seine Schweigsamkeit verscheuchte den Weggenossen bald . Einmal kam er in der Nähe von Kitzingen zu einem vergitterten Park . Unter einem Ahornbaum saß ein junges Mädchen in weißem Gewand und las in einem Buch . Eine Stimme rief : » Sylvia ! « worauf sich das Mädchen erhob und mit unvergeßlicher Anmut der Tiefe des Gartens zuschritt . Sylvia , dachte Daniel , es klingt wie aus einer besseren Welt . Ihm graute vor dem Los , draußen stehen zu müssen vor dem Gitter , das den Augen alles gab und den Händen alles versagte . 10 Sein erster Gang war zu Andreas Döderlein . Es wurde ihm mitgeteilt , der Herr Professor sei verreist . Zwei Wochen später stand er wieder in dem alten Haus auf der Füll . Nun hieß es , der Herr Professor sei heute nicht zu sprechen . Sehr entmutigt , doch um seiner Sache nichts schuldig zu bleiben , kam er nach drei Tagen zum drittenmal und wurde empfangen . Er trat in ein überheiztes Zimmer , in welchem der Professor in einem Lehnstuhl saß , sein Töchterchen , ein Kind von etwa acht Jahren auf den Knien und eine stattliche Puppe im rechten Arm hielt . Die weißen Ofenkacheln waren mit bildlichen Darstellungen aus der Nibelungensage geschmückt , auf Tisch und Stühlen lagen Notenhefte , die Fenster hatten Butzenscheiben