Hm - von Austernvergiftungen hörte man ja zuweilen . Aber wo er Austern genoß - in seinem Hause - in der Gesellschaft - da kam doch nur das Kostbarste und Frischeste auf die Tafel . Sie hatte auch wohl bemerkt - die fast gierig verlangte Tasse Tee setzte er gleich vom Mund ab , mit einer mühsam verborgenen , unwillkürlichen Miene des Widerwillens . Wie jemand , dem übel ist . Was half das Denken und Grübeln ? Es hieß , sich in das Schwerste hineinzwingen , das es für einen temperamentvollen Tätigen gibt : in geduldiges Warten . Das gelang ihr nur für kleine Zeitspannen , die von Sorge und trüben Vorstellungen unterbrochen wurden . Dies Auf und Ab der zuversichtlichen und beunruhigten Stimmungen machte , daß sie sich selbst schließlich ganz unleidlich vorkam . Erst als am andern Morgen die Fürstin Siegstein zur Sitzung kam , fand Sophie mehr innere Haltung . Die ungemeine Menschenkenntnis und das gütige Wesen der greisen Durchlaucht machten die Stunden der Sitzung für Sophie zu reichem Gewinn . » Ob ich jemals zu der Abgeklärtheit und Harmonie komme , die alle an Eurer Durchlaucht bewundern ? « fragte sie klagend . » Um Gottes willen ! Nur ja nicht . Abgeklärtheit ist Alter . Gärung ist Jugend . Und Sie sind Künstlerin und müssen jung bleiben . Sie wissen wohl , ich meine nicht im Gebaren , sondern im Herzen . Denken Sie daran , wie jung unsere drei Giganten blieben ! Goethe , Bismarck , Wagner . Bis zum Tod noch , dicht neben senilen Zügen : göttliche Jugend . - Aber - liebste Hellbingsdorf - ein bißchen was davon spukt auch noch in mir herum ! Daß Sie nicht etwa einen steifleinenen Bonzen aus mir machen ! « » Ich hoff ' , Durchlaucht werden zufrieden sein , « sagte Sophie lächelnd . Als sie nach der Sitzung in ihre Wohnung hinunterlief , fand sie keinen Brief und keine Depesche . Das war beruhigend . Auch am Nachmittag nichts . Immer leichter wurde ihr ums Herz . Und sie stellte ihn sich vor , wie er , vielleicht ein wenig angegriffen , doch in gewohnter Beherrschung von Menschen und Dingen , sein übermäßig beladenes Arbeitsprogramm abwickelte . Sie fing an , sich der Vorfreude hinzugeben auf morgen ! Wie leicht ließen sich die Stunden ertragen bis dahin . Und am Mittwoch Nachmittag kamen und gingen , wie immer , eine Menge Menschen bei ihr aus und ein . Zwischen Teeanbieten und Plaudern und all der Unruhe solcher Empfangsstunden hörte sie doch Tröstliches : zwei Damen sprachen von dem großen Ballfest , das Frau Geheimrat Rositz gäbe - die Tochter sollte offiziell eingeführt werden . Es schien aus dem Gespräch hervorzugehen , daß die Einladungen gestern erst versandt worden seien . Jemand sagte : » Na endlich - die Tochter muß mindestens achtzehn Jahre alt sein . « - Und eine Dame fragte : » Rositz wird wohl nächstens Exzellenz ? « - » Ja , « hieß es , » sie kann es kaum noch erwarten , sie hat gelitten - Frau Rositz - das war ihr gräßlich - sie , eine geborene Freiin von Buschke . « - » Ach Gott , « sagte da die Gräfin Bretten mit einem impertinenten Lächeln , » so sehr kann die gute Lyda ja noch gar nicht an die sieben Zacken gewöhnt gewesen sein . Sie war ja schon beinahe erwachsen , als die Buschkes aufhörten , selber Kohlen zu schaufeln - ja , so Kohlenbergwerke - und dann mal ' ne großartige Stiftung - das ist heut der Weg ... « Sonst war es Sophie schrecklich , wenn des teuren Mannes Frau durchgehechelt wurde . Jetzt aber horchte sie mit ganzer Seele . - Wenn man aus dem Hause Rositz gestern Balleinladungen versandt hatte , mußte es ihm gut gehen ... Und Freude im Herzen schmückte sie sich für den Abend . Sie wählte ein Kleid , von dem er einmal flüchtig bemerkt hatte , es sei sehr schön und so vornehm einfach . Nichts putzte den weichen Stoff als eine alte Spitze . Sophie ging zu Fuß . Von ihrer stillen Nebenstraße war der Weg nicht weit bis zum Kurfürstendamm , wo die Daisters in einem palastartigen Haus ein Stockwerk bewohnten . Der Novemberabend war trocken und nicht kalt . Immer neu drang das Phänomen der Weltstadtstraße auf Sophie ein . Nur im Bewußtsein hatte man es : Abend und Winter . Eigentlich verschlang das stark flutende Leben auf diesen Bürgersteigen , Fahrdämmen und Mittelwegen alle Erscheinungen des Wechsels . Aus breiten Ladenfenstern brach Tageshelle ; sie zitterte bläulichweiß herab aus großen Bogenlampen , sie huschte blitzend vorüber , wie jagende große Sterne , an den Autos und Wagen . Sie tötete die Nacht , die hoch droben , nicht gefühlt und nicht beachtet , als schwarzer Himmel über der durchflimmerten Unruhe stand . Und Wärmeströme hauchten aus den Türen der Restaurants und der Läden . Zwischen dem Gewühl der aneinander vorbeidrängenden Menschen konnte sich keine Kälte , still um sich wirkend , ausbreiten . Der stetig gleiche Lärm der Straße , dieser Zusammenklang von hundert kleinen , harten , hellen und hundert starken , dunklen Tönen , wurde wie ein Strom - alles floß in ihm zu einem Geräusch durcheinander , das die Luft aufnahm , sich ganz damit anfüllend . Man fühlte sich einem Etwas dahingegeben , das stärker war als man selbst . Man verlor gleichsam sein Eigendasein und wurde zum Atom - ein Pünktchen wurde man , in einem Riesenbilde . Das tat den Nerven manchmal wohl . Das trug einen . Alles sprach : die Welt steht ja noch - geht weiter - schiebt auch dein Teilchen Leben auf dem Wege voran . Manchmal aber tat es weh , verschlang zu sehr , wollte nicht gestatten , daß man sich behaupte . Schrie einem so mitleidslos zu , daß man allein stehe unter den Millionen .