sie anführten , hatte seinen Wunsch , sie kennen zu lernen , nur noch erhöht . Es mußten doch fabelhafte Wesen voll geheimer Macht sein , daß sie es vermochten , sich , ein Häuflein nur , im Riesenreich China zu halten , wo ihnen offenbar niemand wohlgesonnen war . Und nicht nur sich zu halten , sondern gelegentlich sogar als Schützer Chinas aufzutreten - als Schützer freilich , die nachher reichen Lohn für ihre Hilfe einzutreiben wußten . Aber Tschun fand , daß man ihnen dies letztere doch eigentlich nicht verargen könne , denn wo wäre der Mensch , so dumm , Dienste umsonst zu leisten ? - Eher sollte man fragen : was taten denn indessen die chinesischen Soldaten , die an der hohen Stadtmauer das Bogenschießen üben , und die anderen , die doch so große Flinten haben , daß immer zwei Mann an einer schleppen mußten ? Und die Kriegsdschunken , denen am Bug riesige Augen aufgemalt sind , damit sie die Räuber an den Küsten erspähen können ? Was taten die vielen , vielen Mandarine , die so gelehrt waren und die höchsten Examen in der klassischen Weisheit bestanden hatten ? Was taten der großmächtige Himmelssohn und die sagenhafte Kaiserin , die hinter den purpurnen Mauern der verbotenen Stadt unter goldenen Dächern wohnten ? Waren sie etwa alle alt und schwach im Vergleich zu diesen neuen starken Menschen ? Ja , wie er mißmutig also nachsann , war Tschun zum erstenmal , und ohne es selbst zu wissen , dem Geist der Nörgelei an der eigenen Regierung wohl bedenklich nahe gekommen . Und , wie so oft in diesen Fällen , hatte das Scheitern eines kleinen persönlichen Wunsches den ersten Anlaß zu solcher Gedankenrichtung gegeben . Doch kurz ehe Tschun in das Haus seines neuen Lehrmeisters , des alten Vetters Yang hung übersiedelte , kam der Onkel Kuang yin eines Morgens zu Tschuns Mutter und bat , sie möge doch erlauben , daß Tschun gleich mit ihm komme , in der Gesandtschaft , wo er diene , sei abends ein großes Fest , und dazu brauche die Frau seines Herrn einen Jungen von Tschuns Alter und Größe . » Was kann denn die fremde Taitai mit meinem Kinde wollen ? « fragte die Mutter sehr mißtrauisch . » Es ist heute etwas ganz Besonderes , « antwortete Kuang yin wichtig , » eine Vorstellung ähnlich wie ein Theater , nur daß die Menschen sich dabei gar nicht bewegen dürfen , sondern regungslos dastehen und nicht sprechen , sie nennen das lebende Bilder . « » Da ist sicher eine Hexerei dabei , « unterbrach ihn die Mutter , » und nachher kann Tschun sich womöglich gar nicht mehr rühren . « » Aber nein doch ! « entgegnete Kuang yin überlegen . » Ich habe seit Tagen schon die Proben dazu gesehen , da ist nichts von Hexerei dabei , sie können nachher alle schwatzen und springen wie zuvor . « » Aber wenn schon alles ausprobiert ist , warum brauchen sie nun plötzlich noch mein Kind ? « » Es ist für ein Bild , wo die Taitai selbst steht , « antwortete Kuang yin , » da sollte der kleine Sohn eines der anderen fremden Gesandten dabei sein , aber er ist krank geworden . Die Taitai hat befohlen , ich solle mit größter Eile einen chinesischen Jungen als Ersatz schaffen , und ich habe es versprochen . Ihr wollt doch nicht , daß ich vor ihr mein Gesicht verliere , indem Ihr mich hindert , mein Versprechen zu halten ? « » Ich hab ' aber doch so Angst , daß es für Tschun schlimme Folgen haben könnte , « sagte die Mutter noch immer eigensinnig und voll bösester Ahnungen , und als schwersten Einwand setzte sie hinzu : » Was glaubt Ihr wohl , daß die guten Nonnen im Petang zu solchen Dingen sagen würden ? « » Nun , da kann ich Euch beruhigen , « fiel Kuang yin rasch ein , » gerade die Nonnen haben ja das Kleid der Taitai für das Fest gestickt . « Er fühlte , daß er nun gewonnen hatte , und nachdem Tee getrunken und geraucht worden war , wobei Kuang yin die anbefohlene » größte Eile « ganz vergessen zu haben schien , gab Tschuns Mutter wirklich ihre Einwilligung . » Ich bin nur ein wertloses Bündel , « sagte sie zu Kuang yin , » Ihr dagegen seid der Bruder von Tschuns seligem Vater und müßt wissen , ob dies seinem Geist genehm ist . « Als sich dann Kuang yin empfahl und Tschun zum Abschied sich vor der Mutter niederwarf und den Boden mit der Stirn berührte , stellte sie noch die Bedingung , daß er am nächsten Tage ganz bestimmt heimkehren müsse . So trabte denn nun Tschun neben dem Onkel durch die Straßen , mit klopfendem Herzen und kaum an sein Glück zu glauben wagend , daß er nun wirklich all das sehen solle , was ihn so lang schon geheimnisvoll anlockte . Unterwegs frug er den Onkel , ob er vor der Taitai Kowtow zu machen habe . Doch Kuang yin antwortete : » Es genügt völlig , wenn Du bei der ersten Begrüßung Dich verneigst und den Boden scheinbar mit der Hand berührst . Höflichkeit wie wir kennen ja all diese Fremden gar nicht - das wirst Du bald merken - warum also an sie verschwenden , was sie doch nicht verstehen . Ein paar von ihnen wissen ein bißchen mehr , das sind ihre Gelehrten , die übersetzen für sie und schreiben ihnen ihre chinesischen Briefe . « Die Gesandtschaft war von einer hohen Mauer umgeben , und nachdem der Pförtner auf Kuang yins Pochen die kleinere der Eingangstüren geöffnet hatte , fand Tschun , daß es drinnen eigentlich recht chinesisch aussähe . Sie schritten durch eine große offene Eingangshalle , deren geschweiftes , mit Himmelshunden besetztes Dach auf bemaltem Gebälk und hohen roten Säulen