war schon gedeckt . Aber Frau Someiner hatte da noch immer was zu richten , während sie von ihrem Buben schwatzte . Der Amtmann nickte zu allem . Doch er sah dabei sehr aufmerksam auf das Schachbrett , das in dem kleinen Erker auf einem spreizfüßigen Tischchen vor ihm stand . Die untere Hälfte des Herrn Ruppert Someiner trug noch die Amtstracht , schwarze Strumpfhosen und rote Schuhe , während die Herzgegend des Gestrengen in eine braune , pelzverbrämte Hausschaube gewickelt war . Graue Haarsträhnen hingen schütter über die Wangen herunter . Herr Someiner , den der Bader mit dem besten seiner Messer zu rasieren pflegte , hatte kein böses , nur ein müdes Gesicht , das ein bißchen gelb war von stetem Ärger . Das Schuldenwesen des Stiftes , dessen Wirtschaft er zu führen hatte , machte ihm schwere Sorgen . Und bei dem vielen Handel und Wandel mit gefährlichen und unbotmäßigen Menschen hatte Herr Someiner zwei kalte , ungläubige Augen bekommen . Neben der flinken , frohen Stimme der Amtmännin war in der Stube noch der langsame , schwere Schlag eines Uhrpendels . Bei jedem Schlag sagte das Pendel in dem hohen Kasten : » Bau ! « Dann tat es für eine Sekunde lang einen seufzenden Atemzug . Und sagte von neuem : » Bau ! « Ein Ungeheuer von grünem Kachelofen wuchs mit abgesessenen Bänken aus der Wand heraus . Decke und Wände der Stube waren braun getäfelt , nur oben herum lief ein weißer Streifen der Mauer . Fast so groß wie der Ofen war der Anrichtkasten . Überall funkelte Zinn und Kupfer , überall leuchteten weiße Tüchelchen mit mühsamen Stickereien . Und über dem weißgedeckten Tische brannten auf schwebendem Eisenreif vier Wachskerzen mit dem gleichen herben Wacholderduft , wie er in Lamperts Schlafkammer war . Der junge Doktor des kanonischen und gemeinen Rechtes betrat die Stube in der schwarzen Tracht seiner akademischen Würde . Das lange Braunhaar war sorgfältig gescheitelt , und in dem kräftigen , etwas erhitzten Jünglingsgesicht mit dem dunklen Bärtchen auf der Oberlippe und dem sprossenden Kinnflaum glänzten die gleichen Augen , wie Frau Someiner sie hatte . Ein zärtlicher Blick des jungen Mannes überflog die Stube . Vor drei Tagen war Lampert von der Prager Schule heimgekommen . Und noch immer hatte das elterliche Haus etwas Neues für ihn , jeder Blick entdeckte eine liebe Kostbarkeit . Stolz betrachtete die Mutter den Sohn , während der Vater sagte : » Komm her ein lützel ! Der hochwürdigste Herr Dekan hat mir eine Schachaufgab gestellt . Weiß zieht an und soll matt setzen nach drei Zügen . Aber ich komm nicht drauf . « Lampert musterte die Stellung der Figuren . Dann griff er zu . » So , Vater ! Und so ! Und so ! « » Richtig ! Er hat ' s ! « Herr Someiner lachte . » Bub ! Wenn du im Amt so flink und sicher zugreifen lernst , dann tut der Hof mit dir als neuem Aktuario einen guten Fang . Und du kannst ihm die Schulden schupfen helfen . « Glückliche Freude glänzte in den Augen der Amtmännin . Eine alte Magd brachte das Nachtmahl , und es kam eine gemütliche Tafelstunde . Lampert erzählte von seinem Ritt zum Hallturm und zu der bayrischen Feste Plaien . Das Abenteuer auf dem Hängmoos überspringend , erzählte er von seinem Waldritt über den Bergsattel zum Taubensee . Dabei legte ihm die Mutter reichlich vor . Und einmal fragte sie : » Schmeckt es , Bub ? « » Ja , Mutter ! Allweil ist Mutters Tisch die beste Herberg . Und ich hab einen gesegneten Hunger heimgebracht . Seit dem mageren Frühmahl , zu dem mich der Hallturner eingeladen , hab ich nur am Abend auf dem Hängmoos ein Schöppel Milch getrunken . « » Milch ? « Vater Someiner zog verwundert die Augenbrauen in die Höhe . » Ist der Ochsenwirt auf dem Hängmoos solch ein Schlemmer , daß er sich Milch auftragen laßt , bis von der Ramsau her . « Lampert lachte . » Aber Vater ! In der Käserhütt auf dem Hängmoos brauchen sie doch nur zu melken . « » Auf dem Hängmoos steht kein Käser . « » Ich bin doch an der Hütt vorbeigeritten . « » Da mußt du dich verschaut haben . Oder wo du gewesen bist , das war nicht das Hängmoos . « » Wo der Sumpf ist , den die Jäger meiden ? Hinter dem Taubensee droben ? Ist dort das Hängmoos ? « » Ja . « » Dort bin ich gewesen . Und die Hütt ist dagestanden . Und die siebzehn Küh , die sie auf dem Hängmoos melken können , hab ich selber gesehen . « Der Amtmann runzelte die Stirn . Dann schüttelte er den Kopf . » Du magst viel gelernt haben auf der hohen Schul zu Prag . Aber mir scheint , du hast dabei vergessen , wie sich die Kuh vom Ochsen unterscheidet . « Lampert wollte erwidern . Doch die Mutter zwinkerte ihm heimlich zu ; sie erinnerte sich der heftigen Meinungskämpfe , die es in früheren Ferienzeiten zwischen Vater und Sohn gegeben hatte , kannte die strenge Rechtskrämerei ihres Mannes und sorgte sich , daß ein unbehaglicher Wortwechsel entstehen könnte . Doch Lampert schwieg nicht nur , weil es die Mutter wollte . Er wußte , daß es zwischen dem Stift und den Almholden immer Reibereien um die Deutung der Rechtsbriefe gab . Und wenn nun irgend was auf dem Hängmoos droben nicht in Ordnung war , so wollte er nicht zur Ursache werden , daß man der hilfreichen Jula einen stacheligen Pfahl vor die Hüttentüre setzen könnte . Drum schwieg er . Und es blieb eine wunderliche Sorge in ihm zurück . Mutter Someiner schwatzte eifrig von allem , was ihr gerade einfiel , war glücklich , weil sie die dunkle Gefahr des Augenblicks überbrückt sah , und wollte sich was erzählen lassen