im Vorbeigehen leutselig auf die Schulter tippte : ja , Lily , wie kommen Sie denn hierher ? - Doktor R ... ist schon fort ! Das Gesicht , mit dem sie sich da umdrehte , werde ich nie vergessen . Es ist auch ein Kreuz , daß sie ganz genau weiß , um wen es sich handelt , und jetzt natürlich glaubt , jene Person sei mit Ihnen hiergewesen . Was tun ? Soll ich ihr einen Besuch machen und Ihre Schuldlosigkeit dartun ? Ich fürchte , es würde nur das Gegenteil erreicht und Frau N ... möchte unsere Beziehungen falsch einschätzen . Armer Freund , da habe ich Ihnen einen rechten Henkersdienst erwiesen , und ich trachte doch immer nur danach , Sie glücklich zu machen . Soll ich Ihnen als Balsam für diese Wunde von einer Frau erzählen , die manchmal noch viel zerstreuter war , als - nun , als ich bei der Begegnung mit Frau N ... ? Sie behauptete und behauptet immer noch , es sei eine Art Neurose . Ihr Gedächtnis in bezug auf Persönlichkeiten und Begebnisse sei zeitweilig überbürdet worden und habe dadurch gelitten . Sie geriet denn auch manchmal in eine Art somnambulen Zustand , verwechselte alles und alle - Situationen , Personalien , Erlebnisse , Namen , Gesichter - und schuf sich und anderen manches Herzeleid . Eben diese Dame reiste viel herum und , wie es nun einmal zum Reisen gehört , mit verschiedenen Begleitern und unter verschiedenen Namen . Dabei geschah es des öfteren , daß sie den gegenwärtigen Zustand mit irgendeinem früheren verwechselte , zum Beispiel von Bukarest nach Konstantinopel telegraphierte : Komme mir bis Salzburg entgegen - und einen Namen darunter , den der Betreffende noch nie gehört hatte . Oder wenn sie mit Sir John auf dem Starnberger See eine Segelpartie machte , sagte sie plötzlich aus tiefem Sinnen heraus : » Du - Hans , wie das Mykalegebirge heute klar ist - wir sollten doch morgen einmal nach Smyrna hinüberfahren . « ( Worauf Sir John antwortete : Very well , aber ich wollte lieber morgen früh in Norwegen Supper essen . ) Zu ihrem Leidwesen besaßen nicht alle ihre Freunde so viel liebenswürdige Anpassungsfähigkeit . So hatte sie einmal eine ungewöhnlich dauerhafte und in jeder Beziehung erfreuliche Liaison , auf die sie sehr viel Wert legte . Es wurde sogar ernstlich erwogen , ob man sich nicht heiraten solle . Der Mann war wohlhabend , sympathisch und viel auf Reisen - und sie befand sich gerade in einer jener inneren Krisen , wo man sich nach Ruhe und nach einer Basis sehnt . Aber ein unglücklicher Zufall , wie sie es nannte , gab der Sache eine andere Wendung . Der Betreffende war einige Monate verreist gewesen , und als sie zum erstenmal wieder einen Abend mit ihm verbrachte , ging sie , nicht ohne innere Bewegung , durch sämtliche Räume seiner Wohnung und feierte Wiedersehen mit allen vertrauten Gegenständen . Dabei blieb sie plötzlich in der offenen Tür zum Schlafzimmer stehen , betrachtete nachdenklich das breite englische Messingbett und sagte : » Du - die Seide an dem Bett war doch immer rot - warum hast du es jetzt in Grün machen lassen ? Und wo ist der Kranich geblieben ? « Ja , und dann konnte sie zuerst nicht begreifen , warum diese harmlose Äußerung ihn so verstimmte - die Seide war immer grün gewesen und grün geblieben , aber es gab genau dasselbe Bett in Rot , und das stand in der Wohnung eines ihrer gemeinsamen Bekannten . Und darüber am Plafond hing ein ausgestopfter Kranich mit ausgebreiteten Flügeln , der sich langsam drehte , wenn das Zimmer stark geheizt war . Der gemeinsame Bekannte hatte eben einen sonderbaren Geschmack - und der ausgestopfte Kranich über seinem roten Bett war schuld daran , daß unsere zerstreute Freundin wieder einmal nicht dazu kam , ihr Dasein auf eine feste Basis zu stellen . So etwas ist Schicksal . - Der Mann meinte nachher , sie sei doch wohl nicht zur Ehe prädestiniert , denn sie würde bei jeder Gelegenheit wieder Grün mit Rot und stilisierte Ampeln mit Kranichen verwechseln . Ja , ja - Zerstreutheit in amore soll eine bedenkliche Sache sein . Trotzdem haben Sie , lieber Doktor , noch unlängst eben diese Eigenschaft bei einer Dame Ihrer Bekanntschaft als reizvollen Zug bezeichnet und verschiedene liebenswürdige Bosheiten darüber gesagt . Unter anderem wollten Sie öfters und mit Vergnügen beobachtet haben , wie sie den ganzen Abend irgendein langweiliges oder unausstehliches vis-a-vis aus reiner Gedankenlosigkeit überaus seelenvoll ansah . Das unausstehliche vis-a-vis glaubte schon eine ganze Welt von Empfindung in ihr geweckt zu haben , aber sie hatte nur an jemand anders gedacht und war höchst erstaunt , wenn es Konsequenzen daraus ziehen wollte . Sie haben mir auch erzählt , wie Sie diese Ihre Freundin eines Abends abholten - sie stand vor einem Schrank und suchte endlos nach ihren Handschuhen . Sie halfen ihr suchen , und dabei kam es zu einigen liebenswürdigen Annäherungen Ihrerseits , die sie gelassen annahm und erwiderte . Sie - der Doktor R ... - dachten : endlich ! Denn der Fall war konversationsweise schon mehrmals zwischen Ihnen beiden erörtert worden . Sie fühlten sich dann nachher etwas enttäuscht , als Ihre Freundin Sie bei Tisch seelenvoll ansah und sagte : » Nehmen Sie es nicht übel , aber ich muß jetzt die ganze Zeit darüber nachdenken , ob ich Ihnen nicht schon einmal an diesem Schrank einen Kuß gegeben habe , als ich meine Handschuhe nicht finden konnte - ja , nein - richtig - da hab ' ich ja den Schleier gesucht und ... « Armer Doktor , an dem Abend fanden Sie den amourösen Somnambulismus , wie Sie es nannten , gar nicht reizvoll und malten ihr mit einiger Bitterkeit aus , wie es in noch intimeren Situationen wirken möchte , wenn die geliebte Frau plötzlich sagt : Hören Sie - wir