Sicherheit und Nachhaltigkeit dieser Wirkung war ihnen schier unbegreiflich . Sie erkannten die unendliche Größe der göttlichen Liebe , welche sich in diesem Geschenke des Himmels an das Geschlecht der Menschen offenbarte . Sie hörten das Wort Medizin zum ersten Male , und sie verbanden mit ihm den Begriff des Wunders , des Segens , der göttlichen Liebe und des für die Menschen unbegreiflichen Geheimwirkens in heiligster Verborgenheit . Kurz , der Ausdruck » Medizin « wurde für sie gleichbedeutend mit dem Worte Mysterium . Sie nahmen die Benennung » Medizin « in alle ihre Sprachen und Dialekte auf . Alles , was mit ihrer Religion , ihrem Glauben und ihrem Forschen nach ewigen Dingen in Beziehung stand , wurde als » Medizin « bezeichnet . Ebenso auch alle diejenigen Tatsachen europäischer Wissenschaft und europäischer Zivilisation , die sie nicht begreifen konnten , weil sie weder die Anfänge noch die Entwickelungen derselben kannten . Sie waren aufrichtig und ehrlich genug , unumwunden zuzugeben , daß die Vorzüge der Bleichgesichter zahlreicher und größer seien als diejenigen der roten Männer . Sie trachteten , den ersteren nachzueifern . Sie nahmen von ihnen vieles Gute , leider aber auch vieles Böse an . Sie waren so kindlich und so naiv , so manches , was bei den Weißen nur auf dem Fuße des Gewöhnlichen oder gar des Niedrigen stand , für ungewöhnlich , für hoch , für heilig zu halten und sich für immer anzueignen , ohne vorher zu prüfen und ohne zu fragen , welche Folgen das bringen werde . So nahmen sie auch das Wort » Medizin « bei sich auf und bezeichneten damit ihr Allerhöchstes und Allerheiligstes , ohne zu wissen , daß sie grad dieses Höchste und Heiligste damit beleidigten und entwürdigten . Denn zu der Zeit , als sie dies taten , hatte der Ausdruck Medizin nicht etwa den guten , ehrenden Klang wie heut . Er besaß den starken Beigeschmack von Hokuspokus , Quacksalberei und Windbeutelei , und als die Indianer in ihrer Unbefangenheit die Träger ihrer allerdings noch bei den Anfängen stehenden Theologie und Wissenschaft als » Medizinmänner « bezeichneten , ahnten sie nicht , daß sie damit den bisherigen guten Ruf dieser Leute für immer vernichteten . Wie hoch diese letzteren standen , ehe sie Gelegenheit hatten , die » Zivilisation « der Weißen kennen zu lernen , ersehen wir heutigen Tages erst nach und nach , indem wir unsere Forschung tiefer und tiefer in die Vergangenheit der amerikanischen Rasse hinuntersteigen lassen . Diese Vergangenheit zeigt uns zahlreiche Punkte , auf denen die Völker Amerikas auf gleicher Stufe mit den Weißen standen . Alles , was bei jenen Völkern und in jenen Reichen Gutes , Großes und Edles geschah , entsprang jenen geistigen Quellen und den Köpfen jener Männer , welche von ihren Nachkommen später als » Medizinen « und » Medizinmänner « bezeichnet wurden . Hiermit sind Theologen , Politiker , Strategen , Astronomen , Tempelbaumeister , Maler , Bildhauer , Quipu-Entzifferer , Professoren , Aerzte , kurz , alle diejenigen Personen und Stände zusammengefaßt , durch welche die intellektuellen und ethischen Potenzen jener Zeiten sich betätigten . Es gab unter diesen später als » Medizinmänner « bezeichneten Koryphäen genau ebenso berühmte und hochberühmte Namen wie in der Entwicklungsgeschichte der asiatischen und europäischen Rassen , und sie sind nicht für immer , sondern nur für einstweilen verschollen , weil unsere Kenntnis und unser Verständnis noch nicht so weit vorgeschritten ist , jenes geschichtliche Dunkel zu erleuchten . Wenn die Medizinmänner der Gegenwart nicht mehr die Medizinmänner der Vergangenheit sind , so trägt der Indianer gewiß nicht allein die Schuld daran . Die geistige Elite der Inkas , der Tolteken und Azteken , also die » Medizinpflegerschaft « der Peruaner und Mexikaner , stand gewiß nicht auf einem sehr viel niedrigeren Niveau als die Abenteurer eines Cortez und Pizarro , und wenn diese damalige Höhe sich infolge der spanischen Invasion zur heutigen Tiefe neigte , so daß wir jetzt die Indianer einfach und kurzerhand als » Wilde « bezeichnen , so brauchen wir uns nicht darüber zu wundern , daß auch ihre Medizinmänner mit herabgekommen sind . Sie waren gezwungen , diesen Niedergang mitzumachen . Trotzdem aber sind sie noch lange nicht das , wofür wir sie halten . Ich habe noch keinen Weißen kennen gelernt , der von irgend einem Medizinmann in seine Geheimnisse und Anschauungen eingeweiht worden ist oder der wenigstens die Symbolik der betreffenden Gebräuche derart begreift , wie sie begriffen werden muß , ehe man behaupten kann , über sie sprechen oder gar schreiben zu dürfen . Ein wirklicher Medizinmann , der es ernst mit seinem Amte und seiner Würde nimmt , gibt sich nie zu Schaustellungen her . Die sogenannten Medizinmänner der von Zeit zu Zeit hier bei uns herumvagabundierenden Völkerwiesenindianer sind alles andere , aber nur keine wirklichen Medizinmänner , und an ihren Verrenkungen , Sprüngen und sonstigen Possen würde ein solch letzterer gewiß ebensowenig teilnehmen , wie zum Beispiel bei uns ein ernstgesinnter Gottes- oder Weltgelehrter auf den Gedanken kommen könnte , auf einem Jahrmarkt oder Vogelschießen für Geld und öffentlich einen Schuhplattler oder einen Purzelbäumler zu tanzen . Ich bitte meine Leser , diese Ausführungen ja nicht für langweilig oder gar für überflüssig zu halten . Ich mußte das sagen , denn es gilt , von nun an gerecht zu sein und von den bisherigen Fehlern , die wir in der Psychologie der roten Rasse begingen , endlich einmal abzulassen . Wenn wir in Tatellah-Satah einen jener alten , hochstehenden Medizinmänner der Vergangenheit kennen lernen , die wie Säulen im Bilde eines Tagesscheidens stehen , so war ich als gewissenhafter und wahrheitstreuer Zeichner verpflichtet , den forschenden Blick auf die Betrachtung dieses Gemäldes vorzubereiten . Der geheimnisvolle Mann , von dem ich mit so großer Hochachtung spreche , war nicht etwa mein Freund gewesen , o nein ! Aber ja auch nicht mein Feind ! Er war überhaupt keines Menschen Feind . Sein Denken und Fühlen war