Kurfürst Moritz war doch unser Feind . Hat er nicht Magdeburg belagert ? « » Ja , weil es der Kaiser also gewollt hat , und weil Moritz damals kaiserlicher Feldherr gewesen . Doch unser Feind war Moritz nicht . Denn nur ein Gaukelspiel ist seine Belagerung gewesen . Mit dem Scheine des Gehorsams hat er den Kaiser sicher gemacht , um dann auf einmal gegen ihn die Waffen zu kehren . « » Ei , so ist Kurfürst Moritz ja falsch und treulos gewesen . « » Das freilich , « versetzte mein Vater , » aber dem evangelischen Glauben hat er durch solch Vorgehen großen Nutzen gebracht , und denen Politicis kommt es mehr auf den Nutzen an , als auf die Treue . « Also hat schon das Herannahen meines Abschiedes von der Vaterstadt mich aus der Enge kindischer Meinung zu einem weiteren Gesichtskreis geführt . Wie erstaunte ich aber erst , als wir die Reise angetreten , und jeder Tag meiner Neugier frische Weide sattsam bescherte ! Wir fuhren große Landstraßen dahin , zumeist auf Leiterwagen , die bei schlechtem Wetter mit Leinewand bedeckt wurden . Rechts und links zogen Bäume vorbei , Wiesen und Stoppelfelder , Flüsse und Sümpfe , Gutshöfe und Windmühlen ; und wenn die eine Kirchturmspitze hinter einer Erdwelle versank , war schon die neue vorn aufgetaucht . Bald holperten unsere Räder über das Pflaster einer Stadt , bald schlichen sie mühselig durch Sand und Heide oder beklebten sich mit der schwarzen Erde feuchter Wälder . In den Einöden besorgten meine Eltern , es möchte mausend Gesindel auf der Lauer liegen . Widerfuhr uns aber keine Gewalttat , sintemalen wir gefährliche Gegenden niemals ohne bewaffnete Reisegesellschaft passierten . Wir begegneten Leuten mancher Art : Handwerksburschen und Bettlern , Bauern und Viehhirten , reisenden Kaufleuten und Soldaten , auch Bärenführern und Komödianten . Sahen bei Lohburg eines Seiltänzers Künste , manchmal einen Galgen mit Gehenketen dran , zu Wittenberg ein Blutgerüst und im Wendischen Lande eine schreckliche Balgerei bezechter Burschen . Täglich an die zehn Stunden ging die Reise . Dann waren wir so derbe durchgerüttelt , daß uns alle Glieder wehtaten . Als wir in die Lausitz kamen , fühlte sich meine Mutter elend . Und zu Wittichau mußten wir ihrethalben zween Tage im Gasthause verweilen , da sie aus kaltem Regenwetter ein Fieber davongetragen . Bei der Stadt Görlitz schimmerte durch herbstlichen Dunst ein spitzer Berg , die Landeskrone geheißen , und fröhlich sagte mein Vater : » Jetzo fanget das Gebirge an , und so Gott uns behütet , sind wir übermorgen abend am Ziele . « Ich spähete eifrig nach den Bergen aus , da es aber andauernd nebelig war , sah ich nur die nächsten Hügel . Merkte aber an Felsen und schäumenden Bächen , daß wir im Gebirge waren . Am Morgen ging es durch hohen Fichtenwald , ich nickte in Schlaf , fuhr aber bei einem Ausruf meines Vaters empor . Der Nebel war gewichen , und die Frühsonne strahlte von links ; zur Rechten hub sich eine blaue Wolkenwand , nach der meine Eltern heitern Antlitzes hinschauten . » Da haben wir das Isergebirge , Johannes , und heute abend sind wir in Hirschberg . « Nun erst erkannte ich , daß die blaue Wand wellenförmig gegliedert war und aus Bergen bestund , die höher und höher ragten , immer hellblauer gefärbt , je ferner sie waren . » Der Kegel ganz hinten ist der höchste Berg , Schneekoppe geheißen . Dorten wohnet der Herr der Berge , der verrufene Rübenzagel - doch das sind Fabulae , « sagte mein Vater . Nach einer Pause fügte er hinzu : » Der wahre Herr der Berge ist Gottes Geist ; den spürest du in den Bergen . Willst du Gott schauen , so vergiß die Berge nicht - auch nicht das Meer . « Nickend wiederholte er : » Berge und Meer ! « Zu Greifenberg angelangt , freuten wir uns der großen prächtigen Burg , die über dem Städtlein am Berge liegt als ein gewaffneter Schirmherr . Heißet der Greifenstein und ist Residenz des Freiherrn von Schaffgotsch . Als unser Wagen in der Laubaner Gasse Halt machte , kam aus dem Wirtshause , von den Schlesingern Kretscham geheißen , ein Mann , dem Aussehen nach ein Viehhändler , und fragte den Vater in seiner Mundart , die ich schwer verstund , ob er der neue Konrektor von Hirschberg sei . Drauf berichtete der Mann , daß meines Vaters Bruder , Tobias Tilesius , uns bis Hirschberg entgegengereiset sei und da bereits zween Tage im Schwarzen Rössel unserer Ankunft harre , in Sorgen , es möchte uns unterwegs ein Mißgeschick widerfahren sein . Mein Vater traktierte den Viehhändler mit einem guten Botentrunk und forschte ihn nach seinem Bruder aus . Den nennete der Viehhändler immer nur den Kräutertobias , dieweilen mein Oheim die wertvollen Gebirgskräuter sammelte und zu Markte brachte . Früher ein kunstfertiger Glasmacher und Schleifer , hatte mein Oheim sich in diesem Handwerk , das die Brust angreift und mit Glasstaube anfüllt , einen schweren Odem zugezogen und sich nun dem Laborantenwesen zugewandt . Wohnte hoch im Gebirge zu Schreiberhau . Es dämmerte bereits , als wir an einem zweiten Schlosse des Herrn Schaffgotsch , auf einem Berge über dem Städtlein Kemnitz gelegen , vorbeifuhren . Noch ein paar Stunden , und aus der Dunkelheit schimmerten die Lichter von Hirschberg . Unter einer Brücke schoß rauschend Wasser dahin , und nun fuhren wir durch ein festes Tor in die Stadt , um bald vor dem Schwarzen Rössel zu halten . Aus dem Gasthause trat ein hochgewachsener , doch im Rücken gebeugter Mann , spähete nach dem Wagen und kam hastig herbei . » Tobias ! « rief mein Vater froh , sprang vom Wagen und umarmte seinen Bruder . Hierauf begrüßte der Oheim meine Mutter und küßte mich auf die Wange . Wie mein Vater war er lang und hager von Gestalt , auch