hatten . Sie selbst aber war von Jahr zu Jahr äußerlich sicherer und innerlich unruhiger geworden . Ihre künstlerischen Bestrebungen hatte sie früh genug alle fallen lassen , und im Laufe der Zeit erschien sie sich zu den verschiedensten Lebensläufen ausersehen . Manchmal sah sie sich in der Zukunft als Weltdame , Veranstalterin von Blumenfesten , Patronesse von großen Bällen , Mitwirkende an aristokratischen Wohltätigkeitsvorstellungen ; öfters noch glaubte sie sich berufen in einem künstlerischen Salon unter Malern , Musikern und Dichtern als große Versteherin zu thronen . Dann träumte sie wieder von einem mehr ins Abenteuerliche gerichteten Leben : sensationelle Heirat mit einem amerikanischen Millionär , Flucht mit einem Violinvirtuosen oder spanischen Offizier , dämonisches Zugrunderichten aller Männer , die sich ihr näherten . Zuweilen schien ihr aber ein stilles Dasein auf dem Land , an der Seite eines tüchtigen Gutsbesitzers , das erstrebenswerteste Ziel ; und dann erblickte sie sich im Kreise von vielen Kindern , womöglich mit früh ergrautem Haar , ein mild resigniertes Lächeln auf den Lippen , an einfach gedecktem Tisch sitzen und ihrem ernsten Manne die Falten von der Stirne streichen . Georg aber fühlte immer , daß ihre Neigung zur Bequemlichkeit , die tiefer war , als sie selbst ahnte , sie vor jedem unbedachten Schritt schützen würde . Sie vertraute Georg mancherlei an , ohne jemals ganz ehrlich mit ihm zu sein ; denn am öftesten und ernstesten hegte sie den Wunsch , seine Frau zu werden . Georg wußte das wohl , aber nicht allein darum erschien ihm das neueste Gerücht von ihrer Verlobung mit Heinrich Bermann ziemlich unglaubwürdig . Dieser Bermann war ein hagerer , bartloser Mensch mit düstern Augen und etwas zu langem schlichten Haar , der sich in der letzten Zeit als Schriftsteller bekannt gemacht hatte , und dessen Gebaren und Aussehen Georg , er wußte selbst nicht warum , an einen fanatischen jüdischen Lehrer aus der Provinz erinnerten . Das war nichts , was Else besonders fesseln , oder nur angenehm berühren konnte . Allerdings , wenn man länger mit ihm sprach , änderte sich jener Eindruck . Eines Abends im vergangenen Frühjahr war Georg mit ihm zusammen von Ehrenbergs fortgegangen , und sie waren in eine so anregende Unterhaltung über musikalische Dinge geraten , daß sie bis drei Uhr früh auf einer Ringstraßenbank weitergeplaudert hatten . Es ist sonderbar , dachte Georg , wie vieles mir heute durch den Kopf geht , woran ich kaum mehr gedacht hatte . Und ihm war , als wenn er in dieser Herbstabendstunde allmählich aus der schmerzlich-dumpfen Versonnenheit vieler Wochen zum Tage emporgetaucht käme . Nun stand er vor dem Hause in der Paulanergasse , wo die Rosners wohnten . Er sah zum zweiten Stockwerk auf . Ein Fenster war offen , weiße Tüllvorhänge in der Mitte zusammengesteckt , bewegten sich im leichten Zuge des Windes . Rosners waren zu Hause . Das Stubenmädchen ließ Georg eintreten . Anna saß der Türe gegenüber , hielt die Kaffeetasse in der Hand und hatte die Augen auf den Eintretenden gerichtet . Der Vater , zu ihrer Rechten , las Zeitung und rauchte aus einer Pfeife . Er war glatt rasiert , nur an den Wangen liefen zwei schmale , ergraute Bartstreifen . Sein dünnes Haar von seltsam grünlichgrauer Färbung war an den Schläfen nach vorn gestrichen und sah aus wie eine schlecht gemachte Perücke . Seine Augen waren wasserhell und rot gerändert . Die beleibte Mutter , mit der wie von einer Erinnerung schönerer Jahre umwobenen Stirn , blickte vor sich hin ; ihre Hände , beschaulich ineinander verschlungen , ruhten auf dem Tisch . Anna stellte die Tasse langsam nieder , nickte und lächelte still . Die beiden Alten machten Miene aufzustehen , als Georg eintrat . » Aber bitte , sich doch nicht stören zu lassen , bitte sehr « , sagte Georg . Da krachte etwas an der Seitenwand . Josef , der Sohn des Hauses , erhob sich vom Diwan , auf dem er gelegen hatte . » Habe die Ehre , Herr Baron « , sagte er mit einer sehr tiefen Stimme und strich sein über den Hals hinaufgeschlagenes , gelbkariertes , etwas fleckiges Sacco zurecht . » Wie befinden sich immer , Herr Baron ? « fragte der Alte , stand hager und etwas gebückt da und wollte nicht wieder Platz nehmen , eh sich Georg niedergelassen hatte . Josef rückte einen Stuhl zwischen Vater und Schwester . Anna reichte dem Besucher die Hand . » Wir haben uns lange nicht gesehen « , sagte sie und trank einen Schluck aus ihrer Tasse . » Sie haben traurige Zeiten durchgemacht , Herr Baron « , bemerkte Frau Rosner teilnahmsvoll . » Jawohl « , fügte Herr Rosner hinzu . » Wir haben mit großem Bedauern von dem schweren Verluste gelesen ... Und der Herr Vater haben sich doch immer der besten Gesundheit erfreut , so viel uns bekannt war . « Er sprach sehr langsam , immer , als wenn noch etwas kommen sollte , strich sich manchmal mit der linken Hand über den Kopf und nickte , während er zuhörte . » Ja , es ist sehr unerwartet gekommen « , sagte Georg leise und blickte auf den dunkelroten , verschossenen Teppich zu seinen Füßen . » Also ein plötzlicher Tod , sozusagen « , bemerkte Herr Rosner , und alles ringsum schwieg . Georg nahm eine Zigarette aus seinem Etui und bot Josef eine an . » Küß die Hand « , sagte Josef , nahm die Zigarette und verbeugte sich , indem er ohne ersichtlichen Grund die Hacken aneinander schlug . Während er dem Baron Feuer gab , glaubte er dessen Blicke auf sein Sacco gerichtet und bemerkte entschuldigend und mit noch tieferer Stimme als gewöhnlich : » Bureaujanker . « » Bureaujanker kommt von Bureau « , sagte Anna einfach , ohne ihren Bruder anzusehen . » Fräulein belieben die ironische Walze eingehängt zu haben « , erwiderte Josef heiter ; doch