er auf dem Tisch ein Brieflein , welches , nach den Naturgesetzen zu schließen , vermutlich schon geraume Weile dort gelegen hatte . Von Frau Steinbach . » Sie böser Mensch ! Frau Direktor Wyß braucht vor niemand die Augen niederzuschlagen . Augenblicklich kommen Sie zu mir , damit ich Sie schelte . « Gefaßt , in trotziger Stimmung , gehorchte er der Aufforderung . » Ich wußte gar nicht , daß Sie solch ein unangenehmer Mensch sein können ! « - überfiel sie ihn - » Da ! setzen Sie sich auf die Anklagebank , und lassen Sie sich verhören . Was haben Sie Frau Direktor Wyß vorzuwerfen ? « » Den Ehebruch . « » Was heißt das , in vernünftige Sprache übersetzt ? « » Das heißt in vernünftiger Sprache - eine Übersetzung braucht es nicht - , daß sie die Ehe gebrochen hat . « » Jetzt aber , mein Herr , muß ich ernst und scharf mit Ihnen reden ; denn es geht um die Ehre einer unbescholtenen Frau . Ich rufe Ihre Wahrhaftigkeit an , der ich fest vertraue , und frage Sie auf Ihr Gewissen : Hat zwischen Ihnen und Theuda Neukomm ein Verlöbnis bestanden ? « Heftig wehrte er ab : » Wohin denken Sie ! « » Oder dann wenigstens etwas , was einem Verlöbnis gleichkam , was Sie zu der Annahme berechtigte - ein Liebesgeständnis ? ein bindendes Wort oder Zeichen ? ein Kuß ? was weiß ich ? « Wiederum verwahrte er sich eifrig : » Nein , nein , nein ! Sie sind auf ganz falscher Fährte ; es wurden nur wenige und völlig bedeutungslose Worte gewechselt . Ich saß bei Tische neben ihr , wir taten zusammen ein paar Gänge durch den Garten , dann hat sie mir im Saal ein Lied vorgesungen . Weiter nichts . « » Dann also Briefe ? « » Warum nicht gar ! Dazu war ich viel zu ehrfürchtig , auch zu gewissenhaft ; sie wiederum zu vorsichtig . Frauen vergessen sich ja nicht schriftlich , das wissen Sie wohl . « » Ja , was denn ? Bitte helfen Sie meinem armen Verstande . « Da verwandelte sich plötzlich sein Gesicht zu fremdem , tiefernstem Ausdruck , als ob er ein Gespenst erblickte . » Eine persönliche Zusammenkunft in der fernen Stadt « - bebte seine Stimme . » Verzeihen Sie , daß ich Ihnen rund widerspreche : Ich weiß das Gegenteil von Frau Direktor , und Frau Direktor Wyß lügt nicht . « » Ich ebenfalls nicht ! Wenn ich daher sage : eine persönliche Zusammenkunft , so meine ich natürlich keine körperliche . « Unwillkürlich rückte sie mit dem Stuhle und starrte ihn an . » Keine körperliche ? Sie werden doch hoffentlich nicht etwa - oder wie soll ich das verstehn ? « » Sie verstehen richtig , es handelt sich um eine Zusammenkunft von Seele zu Seele . - Beruhigen Sie sich ; ich bin bei gesundem Verstande und gewahre die äußeren Dinge so scharf wie irgendein anderer . Warum machen Sie so ein ungläubiges Gesicht ? Meinen Sie vielleicht , man sähe aus einem möblierten Hause minder deutlich als aus einem leeren ? Wenn ich daher von einer Erscheinung rede - « » Sie glauben an Erscheinungen ? « - klagte sie . » Wie jedermann , wie zum Beispiel auch Sie . Oder ein Traum , eine Erinnerung , der Nachglanz eines geliebten Antlitzes , das Aufleuchten einer Vision in der Seele eines Künstlers , sind das etwa keine Erscheinungen ? « » Bitte , keine sophistischen Kunststücklein ! sprechen wir ernsthaft . Denn bei einer Erinnerung , bei einer künstlerischen Offenbarung bleibt man sich eben bewußt , daß es sich um ein bloßes Phantasiebild handelt . « » Dessen bleibe ich mir auch bewußt . « » Gottlob , Sie heilen mich ; ich atme auf Sie hatten sich nämlich vorhin so ausgedrückt , daß ich einen Augenblick meinte , Sie wollten ihrer sogenannten Erscheinung bestimmenden Einfluß auf Ihr wirkliches Leben , auf Ihre Handlungen einräumen . « » Das tue ich auch in der Tat . « » Nein , das tun Sie nicht ! « rief sie verbieterisch , » das können Sie nicht tun ! « Er verbeugte sich - » Verzeihen Sie mir , daß ich mir erlaube , es doch zu tun . « » Aber das ist ja Wahnsinn ! « schrie sie auf . Er lächelte : » Was soll Wahnsinn sein , bitte was ? Daß ich innere Erlebnisse so hoch werte wie äußere ? oder vielmehr unendlich höher ? Oder daß ich mich von ihnen bestimmen lasse ? - Und das Gewissen ? und Gott ? Ist es etwa auch Wahnsinn , wenn einer sich von seinem Gewissen oder von seinem Gott in seinen Handlungen beeinflussen läßt ? « Sie stutzte einen Augenblick , betroffen , um Antwort verlegen . Er aber fuhr fort : » Der einzige Unterschied ist der , daß die andern sich mit undeutlichen Erscheinungen begnügen , während ich sie klar sehen muß , wie der Maler Mariens Himmelfahrt . Finger Gottes , Auge Gottes , Stimme der Natur , Wink des Schicksals - was tue ich mit diesem anatomischen Museum ? Ich will immer das ganze Gesicht sehen . « Mutlos seufzte sie : » Im spitzfindigen Denken sind Sie ja natürlich meinem schwachen Weibesgehirn hundertmal überlegen ; auf dieses Gebiet will ich mich indessen gar nicht begeben . Ich kann nur noch bedauern und trauern . « Da legte er die Hand auf ihre Schulter : » Edle Freundin , nicht wahr , Sie haben niemals begriffen , weshalb ich Ihren wohlgemeinten Wink , mir Theuda durch ein bindendes Verlöbnis zu sichern , unbeachtet ließ ? Gestehen Sie , Sie waren und sind der Ansicht , ich hätte mein Lebensglück albernerweise aus gemeiner Ehefeigheit verscherzt . Sehen Sie , Sie nicken . « » Sagen wir Unentschlossenheit «