jedes Blatt seines Lebens kennte ? « » Halt du ! Hast schon vorhin so etwas gesagt ! « Plattner war aufgestanden , Zornröte schoß ihm über die Wangen . » Ich verbitt mir , daß du so mit mir redest ! « Die Hände auf dem Rücken , lief er im Zimmer hin und her , kopfschüttelnd , unbehaglich über alle Maßen , von hilflosem Mitleid gequält für dies eigensinnige Kind , das sich in allem Elend so selbständig , so unbeugsam zeigte . » Ich bin so weit , « sagte Josy , ins Leere sprechend , » daß für mich alles aus ist . Achtung vor den Menschen ? Pah ! Glauben an die Menschen ? Noch viel haltloser . Heute denk ich so , morgen wieder anders , und alle Leute so , einfach . Wir sind wie Buchstaben , ins Wasser geschrieben ! Launische Kranke ! Armselige Verrückte , wir alle ! « » Widerspricht sich bei jedem Wort und weiß es selber nicht ! « zürnte Plattner . » Widersprech ich mir ? « - Josy errötete flüchtig - » nun , vielleicht auch . Warum nicht , wo alles ringsum sich widerspricht ? Aber ich weiß doch nicht , warum wir nicht aneinander hängen sollten , coûte que coûte . Glauben hab ich nicht , Hoffnung hab ich nicht , aber dies - dies bißchen Liebe - das ist etwas so menschliches - so natürliches - « Sie brach in ein heftiges Schluchzen aus . Der kleine Uli kam herangestolpert , ahnungsvollen Kummer in seinem dreijährigen Gesichtchen und bereit , auch zu schreien . Plattner drückte ihn an sich und faßte Josys Hand . » Gut , gut ; ich sage nichts mehr . Die kleine Zeit , wo ich noch hier bin , soll Friede sein . Von mir aus . « Seine Augen wanderten , und plötzlich rief er : » Aber ich bitte dich , Josy , warum hast du nicht wenigstens das Bild da weggetan ? ' s ist doch entsetzlich , wenn jemand - « Er stockte und zog Uli auf seine Knie . Der unselige Georges ! wie er den Eindringling , den Verderber , den Teufel haßte ! Drei Tage blieb Plattner bei seiner Tochter und all die drei Tage stieß er Stunde um Stunde mit dem Gespenst zusammen , das hier im Hause » Zum grauen Ackerstein « bei hellichter Sonne , bei Amselsang und Kinderlachen in allen Zimmern spukte und aus seinen verschleierten Augen mit stillem Hohnlachen auf all die blühende Wirklichkeit sah . Im Balkonzimmer die große Photographie des jungen Ehepaares - Josefine und Georges mit dem damals einjährigen Hermann auf den Knien - verdarb dem Vater das Frühstück und ließ ihn mitten im Satz innehalten , so oft seine Augen widerwillig über die Wand streiften . Auf dem Flur das Porzellanschild an der Tür mit der Aufschrift » Wartezimmer . Sprechstunden von 7 bis 9 und von 3 bis 5 Uhr « stach ihm belästigend in die Augen , wenn er aus dem einen Raum in den anderen ging . Im Eßzimmer wieder ein Bild : Georges mit seiner Schwester Licile , sie im weißen Konfirmandenkleid und Schleier , er halbwüchsig , mit langen blaßblonden . Locken über einem goldbraunen Sammetrock , schmachtend und glatt , die fatale Unterlippe ohne alle Form und Zeichnung schon gerade so schlaff wie jetzt beim Erwachsenen . Eine talentlose Malerei , eine süßlich fade Auffassung ; für Plattner eine tägliche Herausforderung , dies Geschwisterpaar . Schon damals hat er nicht getaugt , der freche lüsterne Bengel ! dachte er bei sich und ballte heimlich die Faust . Und der hat meine Josy bekommen , mein bestes , tüchtigstes Kind ! Wo hab ich alter Esel meine Augen gehabt ? Wir sind alle blind gewesen , sagte er sich ingrimmig . Im Schlafzimmer , Doktor Georges Geyers ehemaligem Schlafzimmer , derselbe Georges Geyer als Student , in einer Gruppe , irgend einer Verbindung in Wichs . Hier unter den übrigen , ziemlich unbedeutenden Köpfen sieht er gleichwohl nach etwas aus . Ein feines Gesicht , bis auf den Mund . Und den versteckt der Bart. Was man so einen » schönen Mann « nennt . Der Teufel hol ihn . Und Plattner nahm allabendlich die Photographie von der Wand , um besser schlafen zu können . Aber er schlief trotzdem schlecht . Warum konnte er nicht sein tapferes armes Kind herausziehen aus alledem ? Warum nicht sie in die Arme nehmen , samt ihren Kleinen und fort , fort in reine Luft ? Er hätte ihr befehlen mögen : Denk nie mehr an ihn ! vergiß sein Gesicht , seine Stimme , euer achtjähriges Zusammenleben ! vergiß das kurze Glück , vergiß die lange Schmach ! es soll alles sein , als wäre es nie gewesen ! Wenn er abwesend war von ihr , im anderen Zimmer nur , dann erschien sie ihm so jung , so hilflos , so unendlich mitleidsbedürftig . Seine Lider wurden heiß und feucht , seine starken Hände wanden und krampften sich in verzweifeltem Harm . Wie ein kleines Kind war sie ihm dann , das in dunklen Wellen um sein Leben kämpfte . Und wenn er sie dann wieder vor sich sah in der Dornenkrone ihres Leides , in der ernsten Würde der Gefaßtheit , unnahbar in ihrem heißen Gram , unnahbar in ihrer leidenschaftlichen Parteinahme für den Verurteilten - dann stand er stumm , dann sagte er sich bitter und schmerzlich : nie mehr kommen wir recht zu einander . Der verfluchte Schuft steht zwischen uns . Und er haßte ihn tiefer jeden Tag , und er fluchte ihm mit jedem Gedanken und jedem Wort , und seine Tochter fühlte den Haß wie eine feindselige Atmosphäre um den geliebten Vater , die sie nicht durchbrechen konnte ; sie hörte die Flüche , obgleich sie nicht ausgesprochen wurden , und Weh und Trotz kämpften in ihrem Herzen . Plattner lag nachts