Dir hinüber ... Bitte , setz Dich hierher auf das Sofa ... und laß mich ... so , auf diesen Schemel ... « Und Sylvia ließ sich zu ihrer Mutter Füßen nieder und legte den Kopf auf deren Schoß . Martha strich liebkosend über des jungen Mädchens Scheitel : » Das ist ja unsere Märchenerzähl-Stellung , « sagte sie lächelnd , » nur sind die Rollen getauscht : jetzt mußt Du mir erzählen . Wie ist das gekommen ? ... Morgen will Delnitzky um Deine Hand bei mir anhalten .... Werde ich - werden wir ja sagen ? Bist Du mit Dir im Reinen ? « » Glücklich bin ich , glücklich ... « » Die Frage ist , ob Du glücklich wirst ... Auf die Dauer , meine ich ... für ein Leben ... Paßt Ihr auch für einander ? ... Kennst Du ihn als einen Mann , zu dem Du vertrauensvoll aufblicken kannst , von dessen Verstand , dessen Güte , dessen Übereinstimmung mit Deinem Wesen Du überzeugt bist ? ... « » Das sagte ich ihm vor ein paar Stunden selber : Wir kennen uns nicht . So wie Du , Mama , empfand auch ich halbe Zweifel ... aber jetzt ist das verscheucht ... Liebe kann nicht so täuschen - und ist Liebe nicht schon an und für sich Gewähr für Glück ? Ob fürs ganze Leben ? ... wer wird gleich so viel verlangen ? Ist es nicht schon Erfüllung genug , daß man diese goldene Frucht - das Glück - überhaupt pflücken und die Seele damit laben darf ? ... Erinnerst Du Dich , Mama - Du hast mir nicht nur Märchen , Du hast mir auch Geschichten aus Deinem Leben erzählt - erinnerst Du Dich , wie Du Deine Ehe mit Rudolfs Vater eingegangen ? Ein Kotillon auf einem Kasinoball - und sein und Dein Schicksal war besiegelt . Warst Du nicht glücklich mit ihm ? ... Freilich auch nicht fürs Leben - denn nach einem kurzen Jahr ist er Dir entrissen worden ... aber war dieses Jahr nicht schön ? « » Mein Kind , das ist etwas anderes ... ich war damals so jung , so unausgewachsen an Vernunft und Charakter - während Du , Sylvia - « » Ich bin doch auch jung - « » Doch schon zweiundzwanzig ... Ich war damals siebzehn Jahre alt . Aber nicht die Jahre machen es - Du bist ein ernstes Mädchen , ein selbständig denkendes Weib - Du stellst große Ansprüche an die Menschen - « » Ja , dasselbe habe ich heute meinem Bräutigam gesagt ... dieselben Zweifel ausgedrückt ... « » Siehst Du ? « » Ausgedrückt habe ich sie , aber ich empfinde sie nicht - wenigstens jetzt nicht . Das Glück , das mich erfüllt , ist stärker als alles - alles andere - ich begreife es ja nicht ... « » Du hast schon so viele Körbe gegeben und unter Deinen abgewiesenen Freiern waren solche , die ich höher einschätze als Delnitzky , Du aber konntest nicht genug zu erwägen , zu tadeln finden . Der war nicht genug universell gebildet , der nicht hochherzig genug - dem mangelte es an funkelndem Geist , dem an edler Milde - kurz , man hätte glauben sollen , Du wolltest Deine Zukunft nur einem Ideal von Vollkommenheit anvertrauen , und jetzt - « » Und jetzt habe ich das Gefühl , daß es auf der ganzen Welt keinen anderen Menschen gibt , dem ich angehören könnte , als Delnitzky . Märchen sollte ich Dir erzählen , Mama ? Da hast Du eins ! Ein lichtes Wunder , ganz losgelöst von allem vernünftigen Warum ? und Wozu . Es hat keine Erklärung und braucht keine . Ich bin so glücklich und mir ist , als wäre alles verzaubert , und ich selber bin eine andere , als die ich war . Was ich früher gedacht , überlegt , erwogen - das ist alles zerflattert , zerstoben , etwas Neues umgibt , durchdringt mich , hebt mich empor - « » Kind , Kind - Du sprichst wie im Rausch - « » Ja , Mama . Aber nicht der Champagner ist mir zu Kopf gestiegen - ich weiß jetzt , was das Wort Glücksrausch bedeutet . « » Du bist mir aber noch die Erzählung schuldig . Wie ist es gekommen ? « » Auf dem Wege von der Kirche hat er sich erklärt . « » Nein - ich frage , wie ist es gekommen , daß er Dein Herz erobert ? Allmählich ? Plötzlich ? - Welche besondere Eigenschaft hast Du an ihm entdeckt ? « » Eine besondere Eigenschaft ? Irgend eine wahrgenommene Tugend , die mich zu dem überlegten Entschluß veranlaßt hätte : Dieser Mensch ist liebenswert - ich will ihn lieben ? So etwas ist nicht geschehen . Zwar hatte ich das stets so erwartet . Da bisher alle meine Bekannten und alle meine eifrigsten Courmacher mich kalt gelassen , sagte ich mir : es hat eben noch keiner so liebenswerte Eigenschaften gezeigt , wie ich sie von meinem künftigen Gatten fordere ; wenn sich einer so offenbaren wird , wie mein Ideal beschaffen ist , dann werde ich ihm meine Liebe schenken . Als ob ein solches Geschenk ein willkürlicher Akt wäre ! ... Jetzt habe ich erfahren , daß Liebe von jeglicher Willenslenkung unabhängig ist - ebenso gut könnte man aus freiem Entschluß ein Nervenfieber bekommen , wie - « » Wie ein Liebesfieber ? Als eine Krankheit betrachtet meine Sylvia ihr schicksalsentscheidendes Gefühl ? « » Als eine süße , betäubende , gefährliche Krankheit - « » Warum gefährlich ? « » Weil ich sterben müßte , wenn etwa jetzt ein Hindernis - « » Oh , man stirbt nicht so leicht an Schicksalsschlägen und an Seelenschmerz - davon bin ich ein Beispiel . Doch jetzt will ich Dich allein lassen , mein geliebtes Kind ... geh zur Ruhe - ein tüchtiger