Stockwerke hoch , so dass der blassblaue Oktoberhimmel breit und hell hineinsehen konnte . In einen Winkel gedrückt stand sogar noch ein alter Nussbaum da , und breitete sein noch völlig grünes Blätterdach über die sauberen Pflastersteine . Vor den meisten der Fenster waren grüne Blumenbretter , dicht mit bunt blühenden Herbstpflanzen bestellt , angebracht . Hinter den Scheiben blinkten schlichte aber durchaus saubere Vorhänge . Nirgend lärmten schmutzige verwahrloste Kinder , alles machte einen gediegenen freundlichen Eindruck , der weit mehr an kleinstädtisches Behagen , als an das wüste Durcheinander grossstädtischer Mietskasernen gemahnte . Lotte fühlte sich wohl hier , noch ehe sie die im Hinterhaus zu vermietende Wohnung angesehen hatte . Hier würde sie , das war ihr im ersten Augenblicke klar , arbeiten und etwas leisten können . Die grossen hohen Häuser mit den engen dunklen Höfen hatten sie von Anfang an erschreckt und geängstigt , wenn sie sich auch in ihrem ausgesprochenen Pflichtgefühl überwunden haben und jedes einigermassen passende Quartier , ohne Rücksicht auf ihre besonderen Liebhabereien , gemietet haben würde . Lena war nicht im gleichen Masse begeistert . Sie fand das ganze Anwesen grenzenlos kleinbürgerlich , so gar nicht ein bischen » Berlin « . Aber am Ende gestand sie seufzend , dass sie ja vorerst nicht in der Lage seien , grosse Sprünge zu machen . Also zugegriffen , wenn die Wohnung einigermassen taugte . Eine schmale , sehr steile Treppe führte zu dem zweiten Stockwerk hinauf . Die Wohnung bestand aus einer Küche , einem grossen , freundlichen zweifenstrigen und zwei kleinen einfenstrigen Zimmern und kostete 400 Mark . Sämtliche Räume gingen in einander . Der einzige Uebelstand war der , dass die Küche zunächst an der Treppe lag , so dass Lottes zukünftige Kundschaft diese Küche würde passieren müssen . Aber auch darin sah die kleine Enthusiastin keinen Hinderungsgrund . Man konnte mittels einer Gardine einen ganz netten Durchgang herstellen , der von dem dahinter liegenden Wirtschaftsapparat nichts ahnen liess . Mit dem Wirt , einem der Ladenbesitzer des Vorderhauses , wurde ein coulanter Vertrag auf zwei Jahre abgeschlossen . Ganz stolz darauf , Besitzerinnen einer eigenen Wohnung in Berlin zu sein , verliessen die Schwestern das Haus . Auf der Strasse drückte Lotte zärtlich Lenas Arm . » Wenn Muttchen das erlebt hätte , Lena , wie glücklich würde sie gewesen sein ! « Lena nickte nur und zog Lotte rasch zu einem Schaufenster , in dem Einrichtungsgegenstände ausgestellt waren . Hatte man die Wohnung einmal , sollte es nun auch rasch ans Möblieren gehen . Die Einrichtung , die beiden Schwestern gleichen Spass machte , hatte aber auch eine böse Schattenseite ; sie riss ein weit grösseres Loch in das mütterliche Erbteil , als sie irgend vermutet hatten . Erst jetzt sahen sie , dass das , was sie von Haus mitgebracht hatten , kaum für das Notwendigste ausreichte . Gardinen für sämtliche Fenster , Vorhangstoff , um den künstlichen Korridor herzustellen , ein Sofa und ein paar Sessel für die Kundschaft , ein grosser Arbeitstisch , ein Glasschrank für die Auslage der fertigen Hüte , eine bescheidene Kücheneinrichtung und tausend andere Dinge mehr mussten beschafft werden . Das erste grosse Zimmer wurde als Verkaufs- und Empfangsraum eingerichtet , Lotte nannte es ihr » Atelier « , das erste kleine zum Arbeits- , Ess- und Wohnraum , in dem dritten noch kleineren schliefen die Schwestern . Es war gerade für die Betten und ein Waschtischchen darin Platz . Während Lena noch mit der Einrichtung beschäftigt war , begann Lotte mit den Einkäufen für ihr Geschäft . Zwei grosse Kaufhäuser waren ihr genannt worden , in denen sie alles Notwendige geliefert erhalten würde . Für den Einkauf von rohen Hüten das Engros- und Exportgeschäft von Ehlermann in der Leipziger Strasse , für den laufenden Bedarf an Band , Federn und Blumen , Seiden- , Gaze- und Futterstoffen das Konfektionshaus von Levin am Hausvogteiplatz . In dies luxuriös , im grossen Stil eingerichtete Geschäftshaus einzutreten , hatte Lotte das erste Mal eine heftige Ueberwindung gekostet . Das prächtige Haus mit den eleganten Schaufensterauslagen , die hochherrschaftlichen Equipagen , die vor der Thür hielten und denen Damen in den elegantesten und modernsten Herbsttoiletten entstiegen , der galonierte Diener , der die breiten Glasthüren aufstiess , das alles hatte sie derartig eingeschüchtert , dass sie eigentlich gar nicht gewagt hätte , dies Geschäftshaus zu betreten , wenn nicht Fräulein Weber sowohl als auch die Hôtelwirtin sie vorher ausdrücklich versichert hätten , dass aus diesem grossen prächtigen Hause viele Hunderte von jungen Mädchen in gleicher Lage wie sie ihren Bedarf bezögen . Nach einiger Zeit fasste sie sich endlich ein Herz , trat ein und begann zu den sechs verschiedenen Hüten , die sie bei Ehlermann erstanden hatte , Bänder , Blumen und Sammet , ja sogar ein paar billige Federn auszusuchen . Der Einkauf ging sehr langsam und umständlich von statten . Aber da der junge Mann , der Lotte bediente , auf den ersten Blick sah , dass er einen Neuling aus der Provinz vor sich hatte , übte er Geduld . Das Genre kannte er . Ueberdies war die Kleine weit hübscher und hatte trotz ihrer Schüchternheit bedeutend bessere Manieren als andere ihres Schlages . Heut , als beim ersten Einkauf , musste Lotte sämtliche Waren baar bezahlen , aber es wurde ihr gleichzeitig mitgeteilt , dass ihr von ihrem nächsten Einkauf ab schon ein Monatskredit auf Buch eröffnet werden würde . Bei regelmässigen monatlichen Zahlungen erhalte sie vier Prozent Vergütung . Ueber Lottes feines , blasses Gesichtchen zog ein frohes , dankbares Lächeln . Wie freundlich und entgegenkommend man in Berlin doch war ! Wenn sie nur wüsste , warum man sie und Lena so sehr vor Berlin gewarnt hatte ! Vor allem Franz Krieger . Wenn er auch nicht viel darüber gesprochen hatte , so war doch sein ganzes Wesen eine einzige grosse stumme Warnung gewesen . Ob er am Ende nur so schwarz gesehen , weil er sie