meisten zum Sammeln verleitet , eine so große Rolle unter uns . Aber wir haben noch gar kein Recht zum Sammeln . Ans Sammeln darf man erst denken , wenn man eine Unmenge erforscht , entdeckt und begriffen hat . Wir haben aber noch lange nicht so viel wissenschaftlich feststehende Tatsachen erkannt , um die jetzt schon sammeln zu können . Du fragtest mich vorhin nach der Mondfinsternis . Siehst Du sie schon ? Sie müßte nach meinen Berechnungen da sein - und sie ist noch nicht da . Ich habe genau gerechnet - und die Mondfinsternis ist doch nicht da . Ich stehe als Astronom immer vor unzähligen Fragen , die ich nicht beantworten kann - und trotzdem soll ich sammeln ? Was denn ? Etwa meine Fragen ? « Und unter den kräftigen Armbewegungen zitterte der ganze Leib des Astronomen . Der Halbmond stand unglaublich ruhig da , ohne sich zu verfinstern . Nur der große Al Battany verfinsterte sich . Jakuby allerdings glich eher in seiner Ruhe dem Halbmonde , wenn auch sein spitzes Gesicht durchaus nichts Mondartiges an sich hatte . Mit dem Gleichmut eines unüberwindlichen Siegers bemerkte er mit seiner hellen Fistelstimme so von oben herab : » Du magst sagen , was Du willst ! Die Geographen und Astronomen sind dennoch die größten Gelehrten , die man sich denken kann . Wir wollen eine ganze Welt kennenlernen , eine ganze Welt wissenschaftlich in uns aufnehmen . Wir stehen vor der größten Aufgabe , die man sich denken kann . Und wir werden diese Aufgabe überwältigen - wir haben sie bereits zum größten Teil überwältigt . Ich erinnere Dich nur an mein Buch der Länder ... « » Hör auf ! « schreit Battany dazwischen , » Du bist und bleibst beneidenswert . Aber Du bist auch ein Kind . Du weißt garnicht , was in der Welt vorgeht . Du hast von der Welt keine Ahnung . Du willst eine Welt begreifen ? Lächerlich ! Albern ! Was man nicht Alles wollen kann ! Ein Prahlhans bist Du mit Deinem Wollen . Du erinnerst mich an einen Vielfraß , den unser Dichter Safur sehr schöne Verse sprechen ließ . Paß mal auf ! Der Vielfraß sagt , als er hungrig zwar , doch so prahlerisch wie ein echter arabischer Gelehrter in eine große Gesellschaft kommt , die mit der Mahlzeit beinahe fertig ist , also : Weiß Allah , wann Ich mich mal verschnauf ! Ich aß heut schon hundert Hammel auf , Verdaute sie gleich im Dauerlauf Und löschte den Durst mit dem ganzen Nil ; Mir stak mang den Zähnen manch Krokodil ; Ihr nennt das doch hoffentlich nicht zuviel - Mehr kann ich trotzdem noch essen . « Und der Astronom steht breitbeinig da und brummt . Jakuby macht ein verblüfftes Gesicht und versteht nicht , was Battany sagen will . Der indessen erklärt gleich , indem er fortfährt : » Du mußt eben nicht vergessen , daß unserm Können denn doch so manche Grenzen gezogen sind . Daß wir uns oft verrechnen - das ist noch nicht das Schlimmste . Du willst die ganze Welt kennenlernen . Nun sag aber mal - ganz leise - unter uns ! Ist Dir das auch von unserm Chalifen ausdrücklich erlaubt ? Darfst Du das ? Wir hier in Bagdad wissen sehr genau , daß der Chalif uns garnicht erlauben will , der Wissenschaft so obzuliegen , wie wir möchten ; denken und schreiben sollen wir eigentlich nicht . Wenn wir aber das nicht mal sollen , sind wir dann noch die größten Gelehrten ? « Und nun streiten die Beiden nicht mehr über Sammeln und Forschen - sie flüstern nur noch ganz leise , zischeln sich immer wieder was ins Ohr - was von der Chalifenburg , von der Verfolgung der freien Wissenschaft und ähnlichen , halb heiteren , halb traurigen Dingen . Der Schreiber Osman sitzt währenddem im Empfangssaal auf einem großen persischen Teppich mit untergeschlagenen Beinen finster brütend wie ein chinesischer Bonze da . Seine dünnen braunen baumwollenen Beinkleider hängen schlaff um die wulstigen Kniegelenke . Wie eine dicke Tonne steht der breite Fettleib des Schreibers auf dem Teppich . Ein ganz kurzes braunes Jäckchen ohne Ärmel umspannt des Schreibers breite Brust , auf der ein schneeweißes Leinenhemd vorschimmert . Die weiten Ärmel des Hemdes sind auch sehr sauber - der weiße Leinenturban ebenfalls . Das glatte braune Gesicht mit den dicken Pustbacken ist rund und voll . Die kleinen Augen starren auf die roten und blauen Muster des Teppichs , der geheimnisvoll wie ein Sterndeuterbuch aussieht und fast den ganzen Boden bedeckt . Osmans Stirn zeigt dicke Falten . Der Empfangssaal ist eine offene Halle . Unter den zackig geschwungenen Säulenbogen sieht man den dunkelblauen Himmel mit den Sternen . Durch die offenen Säulenbogen geht es zum fünfeckigen Altan hinaus , auf dem Battany und Jakuby eifrig flüstern . Ein großer Himmelsglobus aus Kupfer thront vorn an der einen Seite des Saales . Hinten in den beiden Ecknischen der mit roten und silbernen Querstreifen bemalten Wände brennt in zwei Kohlenbecken duftiges arabisches Räucherwerk . Die leichten wirbelnden Rauchwolken schweben durch das ganze Gemach in langen bläulichen Fäden dahin . Osman sitzt mitten auf dem Teppich mit der Stirn dem Himmel zu und grübelt ... Neben dem dicken Schreiber Osman rechts auf einem kleinen fünfeckigen Ebenholztische dampft heißer chinesischer Tee in feiner Porzellanschale . Der Schreiber Osman ist kein gewöhnlicher Schreiber , er läßt seine Gehilfen schreiben ; er handelt nur mit den Büchern der großen Gelehrten , die ihre Schriften ihm zur Vervielfältigung und Verbreitung übergeben . Der Buchhändler hat schwere geschäftliche Sorgen , er sitzt und rechnet und brütet und nickt dabei zuweilen mit dem dicken Kopf langsam bedächtig wie ein Bonze beim Chalifen von Peking . Bücherrollen liegen auf dem Teppich kreuz und quer . Dem Globus gegenüber in einer Alabasternische funkelt ein kupfernes Waschbecken - fein getriebene Arbeit ; das Gestell besteht aus drei schweren reich verzierten