, die sie neben sich aufs Sopha gezogen hatte und freundlich mit ihr sprach . Frau Wewerka , eine Vierzigerin mit blassem Teint und verschleierten melancholischen Augen , einem schmalen Mund , der das Verschweigen gewohnt schien , war eine nicht unsympathische Person . Ihre Kleidung mochte als nachlässig gelten , nach Johannes Begriffen schien sie sehr elegant . » Meine Schwägerin hat sehr recht gethan , Sie an uns zu adressieren « sagte sie , » wir werden unser Möglichstes für Sie thun . Morgen gleich wollen wir nach dem Fröbelhaus gehn , wo die jungen Mädchen im Unterricht unterwiesen werden . Ich freue mich sehr , Sie bei uns zu haben , ich liebe die jungen Mädchen sehr , bin selbst ziemlich vereinsamt , wir besitzen keine Kinder ; jedenfalls hoffe ich , daß wir manch angenehmes Plauderstündchen miteinander zubringen werden , nichtwahr ? « Durch so viel Freundlichkeit thaute endlich Johannes Verlegenheit hinweg und sie fand einige herzliche Worte . Sie sprach von Sienenthal und wie glühend sie sich hierhergesehnt habe , daß Betty ihr soviel Herrliches von » Ninive « erzählt habe u.s.w. Als bei dem Worte : Ninive Frau Wewerka fragende Augen machte , teilte ihr Johanne mit , wie sie der großen Stadt um ihrer schönen Gärten und Anlagen , um der herrlichen Bauwerke willen , die sich da befinden sollten , den Namen beigelegt habe . » Ich glaube , meine Schwägerin hat sehr übertrieben « lächelte mit ihrem müden Munde Frau Wewerka , » übrigens : Ninive ist gut und - bezeichnend . Wir wollen den Namen beibehalten . Und nun will ich Sie aber in Ihr Stübchen führen , damit Sie sich waschen und umkleiden können « . Sie durchschritten eine Stube , in der viel Schriften und ganze Ballen Papier herumlagen . Ein riesiger Schreibtisch , einige Regale von Büchern vollgepfropft , ein hoher Wandschirm , der irgend etwas verbergen sollte , vervollständigte die Einrichtung dieses Zimmers . Dann folgte ein kleines Gemach , eine Art Eßstube mit Tisch , Stühlen , Büffet , einer Nähmaschine , einem Pianino und endlich das Johanne zugedachte Zimmerchen . » Sehr hübsch « rief das junge Mädchen und sah sich freudig um . Die Wirtin lächelte . » Gefällt es Ihnen ? Das freut mich . Nun machen Sie sichs bequem . In einer Stunde klopfe ich . Wir essen um drei . Ja richtig , Ihren Koffer - « » Der Portier bringt ihn eben « sagte ein älteres Dienstmädchen und öffnete dem unter seiner Last keuchenden Mann die Thür . » Ist das alles ? « fragte Frau Wewerka , während die Magd mit geringschätzigem Blick den alten Holzkoffer musterte . Johanne nickte . » Ja alles « . » Nun dann , auf Wiedersehen « . Das junge Mädchen trat an das schäbig aussehende Eisengestell mit dem Waschservice , wusch sich , brachte ihr Haar in Ordnung und kauerte sich nieder , den Koffer auszupacken . Sie öffnete die Laden der Kommode . In der einen befanden sich etliche Herrenhemden , doch die andern waren leer . Ihre zwei Kleider hing sie in eine Ecke , vor die ein Vorhang gezogen war , um die Garderobe vor Staub zu schützen . Ein Tisch mit einer verschossenen roten Sammetdecke , zwei Stühle , ein grüner Plüschfauteuil , ein Bett , über das eine bunte Kattundecke gebreitet lag , bildeten das Innere der Stube . Bis gestern hatte es den Gatten als Schlafzimmer gedient , nun hatten sie ihre Betten hinter den Wandschirm in Herrn Wewerkas Arbeitszimmer gestellt , um dieses hier vermieten zu können . Johanne bewunderte die kleinen Gipsbüsten des Kaisers und der Kaiserin an der Wand , erfreute sich an zwei Oeldrucken , die Rotkäppchen und Schneewittchens Abenteuer darstellten , und fand die Aussicht aus der vier Stock hoch gelegenen Wohnung in die breite endlos sich hinziehende graue Straße bewundernswert . Als sie so im Anschauen des ihr fremden Lebens vertieft am Fenster lag , klopfte es . Frau Wewerka und ein Herr traten herein . » Mein Mann möchte Sie gerne begrüßen , Fräulein « . Er schüttelte dem verlegenen jungen Mädchen die Hand und bot ihm den Arm . » Herzlich willkommen . Darf ich Sie zu Tisch führen ? Wir haben nicht weit zu gehen , unsere Wohnung ist klein wie ein Taubenschlag . Hier bitte ! « Er rückte ihr im Nebenzimmer einen Stuhl zwischen sich und seiner Frau zurecht . Das Dienstmädchen stellte mit unfreundlichem Gesicht eine Suppenterrine auf den Tisch . Johanne war sehr verlegen und brannte sich den Mund mit der heißen Suppe . Die Hausfrau gewahrte die Unsicherheit der Kleinen , wandte sich an ihren Mann und begann mit diesem zu plaudern . » Nun und was wars heute ? Wird Lohringer kommen ? « Herr Wewerka , der hastig in seinem Teller herumlöffelte , wischte sich den Mund mit der nicht sehr sauberen Serviette . » Keine Rede . Ich sagte dir ja , er hat wieder den Spleen . Seit einer Woche läßt er Niemanden vor ; die leeren Flaschen , die die Dienerin jeden Morgen aus seinem Zimmer nimmt , geben vielleicht die Erklärung dazu « . Die Frau schüttelte den Kopf und warf etliche Worte des Bedauerns über den wunderlichen Menschen hin . Währenddessen betrachtete Johanne Wewerka von der Seite . Er stand ungefähr im gleichen Alter wie seine Gattin . Sein Gesicht war wie tättowiert von hundert Falten und Fältchen , die sich um Augen und Mund zogen . Das fahlblonde Haar , an den Schläfen schon spärlich , fiel glatt aus der hohen , hügeligen Stirn . Seine Mundwinkel waren etwas schlapp und erzählten mancherlei . Er sah Betty Wewerka nicht im geringsten ähnlich . » Sagen Sie mal , Fräulein Grün « wandte er sich plötzlich an seine Beobachterin , » wie findet sich meine Schwester eigentlich in die Rolle einer Kaffee-und Zuckerverkäuferin ? Macht sie Geschäfte oder bleibt man ihr alles schuldig ?