übersetzt und mit Anmerkungen von Johann Reinhold Forster ? Wie deutlich ich in den Heiligen Drei Königen die Stimme höre : » Die Geographie , die Geographie , Eduard ! Und so ein Mann wie dieser Levalljang ! Was wäre und wo bliebe unsereiner ohne die Geographie und solch ein Muster von Menschen und Reisenden ? Nimm nur mal an , so Tag für Tag , jahrein , jahraus die nämlichen Wege . Jedes Dorf wie deine Tasche . In jedem Hause , von der ältesten Großmutter bis zum eben ausgebrochenen jüngsten Wurm , alles wie deine eigenen Leute in deinem eigenen Hause ! Und aus jedwedem Hause der Ruf : Da kommt Störzer ! Und in jedem Hause : Störzer hat die Zeitung gebracht , Störzer bringt ' n Brief ! - Könntest du das auf Lebenszeit und immer auf denselben Wegen aushalten , Eduard , ohne deine Gedanken und Einbildungskraft und Phantasien und Lektüre , Eduard ? Müßte dir das nicht auch auf die Länge langweilig werden ohne die Geographie ? « » Ne , Störzer ! Denn wir haben sie auf dem Gymnasium , und da haben sie mich gestern erst ihretwegen eine Stunde länger in der Schule behalten . Bithynien , Paphlagonien und Pontus wußte ich : aber ich sollte alle alten Staaten von Kleinasien wissen . « » Das tut mir deinetwegen ja sehr leid , Eduard , aber mir hättest du doch einen Gefallen getan , wenn du sie beim Nachsitzen noch auswendig gelernt hättest , wenn auch bloß für mich . « » Für dich , Fritze ? Nun denn : Mysia , Lydia , Karia , Lycia , Pisidia , Phrygia , Galatia , Lykaonia , Cilicia , Kappadocia , Armenia minor , das sind sie alle ; denn Bithynien , Paphlagonien und Pontus habe ich dir schon genannt . « » Donnerwetter , Eduard , das ist ja grade , als ob du uns Deutsche in allen unsern Unterabteilungen aufzähltest ! Es klingt bloß ' n bißchen hübscher und ausländischer . Nun sieh mal , was für ein Vergnügen muß das für dich sein , daß du dieses alles so an der Schnur hersagen kannst und dir dabei was denken kannst , hier auf der Landstraße mit der ganzen altbekannten Umgebung rundherum und da - hier - der Roten Schanze vor der Nase . « » Campes Reisebeschreibungen sind mir lieber . Und du bist mir auch lieber , Störzer . Mysien , Lydien , Karien , bringe du das da unten in dem dumpfigen Schulstall mal in deinen Kopf und sehne dich mal nicht nach dem Levaillant seinem Afrika und seinen Hottentotten , Giraffen , Löwen und Elefanten . Stopfkuchen haben sie auch mit mir eine Stunde über den Unsinn dabehalten . Der frägt aber nichts nach Afrika . Dem seine tägliche Sehnsucht ist dort die Rote Schanze ; na , das weißt du ja . « » Das weiß ich freilich , und es ist närrisch genug von dem Dicken - deinem närrischen Kameraden . Weißt du , Eduard , wenn ich mir aus der Weltkunde ein Faultier vorstelle , so muß ich mir dabei immer diesen deinen Freund und Schulkameraden mit vorstellen . Der und die Rote Schanze ! « Die Rote Schanze ! Ich hatte doch allmählich ein wenig in all diese Erinnerungen , in diesen Wechsel von Stimmen und Gestalten hineingegähnt und das Bedürfnis gefühlt , nun auch Störzern seiner ewigen Ruhe zu überlassen und selber für diese Nacht zur Ruhe zu gehen , als mich dieser Name doch noch eine Weile wach und bei meinem Jugendleben lebendigst festhielt . Die Rote Schanze ! Es überkam mich ein lachendes Behagen über die Rote Schanze in ihrer Verbindung mit dem Dicksten , dem Faulsten , dem Gefräßigsten unter uns von damals . » Im Bette habe ich sie am festesten am Wickel , Eduard « , pflegte Stopfkuchen zu sagen . » Wenn ich mal träume , dann träume ich von ihr , und wer dann Herr auf ihr ist und keinen Schulrat , Oberlehrer und Kollaborator über den Graben läßt , das ist nicht der Bauer Quakatz , sondern das bin ich . Ich , sage ich dir , Eduard . « Und in den Traum nahm auch ich sie , die Rote Schanze , mit hinein in dieser Nacht in den Heiligen Drei Königen der Heimatstadt . In diesem Traume sah ich ihn noch einmal in meinem Leben so traumhaft aller Wunder voll , wie ich ihn von der Oberquarta und Untertertia aus gesehen hatte , diesen Bauerhof - diese Rote Schanze , diesen alten , herrlichen Kriegs-und Belagerungs- Aufwurf des Prinzen Xaverius von Sachsen , den Hof des Bauern Andreas Quakatz , aus welchem der kursächsische Herr Prinz in den sechziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts nicht nur die Stadt da unten , sondern auch die hohe Schule , unser Gymnasium , darin so gründlich beschossen hatte , daß sie beide sich ihm sofort übergeben mußten , obgleich er wahrlich nicht der erste und größte Held des Siebenjährigen Krieges war . Der Siebenjährige Krieg war ein paar Jahre länger vorüber als meine und Stopfkuchens Kindheit ; aber die Rote Schanze war noch immer vorhanden in diesem Traume , wie sie unser Jungensideal gewesen war . Da stieg sie auf im wohlerhaltenen Viereck . Nur durch einen Dammweg über den tiefen Graben mit der übrigen Welt in Verbindung ! Mit allem , was sie der Knabenphantasie zu einem Entzücken und Geheimnis gemacht hatte : mit den Kanonen und Mörsern des Prinzen Xaver und mit der undurchdringlichen Dornenhecke , die der böse Bauer Andreas Quakatz auf ihrer Höhe um sich , sein Tinchen , sein Haus , seine Ställe und Scheunen und alles , was sonst sein war , zum Abschluß gegen die schlimme Welt gezogen hatte ! Ich höre ein dumpfes Rollen und Krachen in meinen Traum von der Roten Schanze hinein ; aber es ist nicht der kursächsische Kanonendonner gegen den König Fritz von Preußen