hat ja immer etwas Tröstendes - nicht wahr ? Aber bestätigte er mit diesem Troste nicht sein Leben - seine Neigung zum Leben ? War da nicht sein » Wille zum Leben « thätig ? Wohl doch . Und dann : hatte er das Leben eigentlich schon » genossen « ? Oefter packte ihn - oh ! er erinnerte sich dessen ! - ein wahrer Heißhunger auf das gewissenhafte , feierliche Genießen der buntesten , tollsten , seltensten , süßesten Lebensreize . Allein dieser Heißhunger war im Grunde doch sehr gegenstandslos . Wissenschaftlichen Ehrgeiz besaß Adam nicht . Zur Liebe hatte er nicht Geduld , nicht Ausdauer mehr . Erkenntnißresultate befriedigten ihn nicht , da er wußte , daß es ihm doch nicht gegeben war , dem mystisch-metaphysischen Drange seiner Seele ganz zu genügen . Ja ! Unberechenbar in seinen Stimmungen , in seinen Neigungen und Launen ; zersplittert in seinen Kräften ; unbeständig , flackernd in » erotischen Fragen , « in der » Leidenschaft « satt und unbefriedigt zugleich ; müde , todtmüde - und begeisterungsfähig wie ein Jüngling , der soeben mannbar geworden ist ; angefressen von dem Skepticismus seiner Zeit ; unklar und wechselnd in seinen Bestrebungen ; radical in seinen Anschauungen ; und wieder über Alles bornirt , einseitig , engherzig , intolerant , besonders hinsichtlich mancher gesellschaftlichen Formen und Gewohnheiten ; - der Volksseele mitunter in Allem so nahe und dem dargestellten Volke selber zumeist in Allem so fern , so fremd ; auf sich neugierig , über sich erstaunt und seiner selbst überdrüssig ; nicht wissend : Warum das Alles ? Wozu ? Wohin mit dem Allen ? Wo hinaus ? Oder wo hinein ? - Oft deklamatorisch , pathetisch , agitatorisch ; oft ironisch , cynisch , gezwungen geistreich , selten » normal , « selten schlicht , einfach , gewöhnlich , mittelmäßig , mittelhoch oder mitteltief - : also war es im Allgemeinen bestellt um Adam Mensch - um diesen » Menschensohn , « der noch immer in seiner Sophaecke sitzt , das letzte Stümpfchen seiner Cigarette an die Lippen geklebt hält - und an sich ... und manchmal auch an Hedwig Irmer denkt , an diese Dame , die ihm vorhin eigentlich einen rechtschaffenen Korb gegeben hat , - die ihm auch skandalös gleichgültig ist - und in die er sich doch eigentlich so etwas wie ... wie » verlieben « möchte , bloß um Gelegenheit ... bloß um einen inneren Grund zu besitzen , ihr dann und wann noch ein Wenig zu schaffen zu machen . - III. Hedwig Irmer war die drei Treppen zu ihrer Wohnung langsam emporgestiegen . Sie hatte beim Hinaufgehen öfter inne halten , öfter stehen bleiben und Athem schöpfen müssen . Was war ihr nur ? Es lag ein Druck auf ihr , den sie sich nicht erklären konnte . Schreckte sie auf einmal zurück vor der Enge , Einförmigkeit und Kärglichkeit der Existenz , die sie mit ihrem halb gelähmten , halb blinden , schwerhörigen Vater führte ? Nun schon seit Jahr und Tag führte ? Sie kam wieder einmal draußen aus der Welt . Wohl war sie im Grunde sehr gleichgültig durch diese sie umflirrende Welt gegangen . Sie besaß nicht das Talent , sich in die Herzen der Menschen hineinzudenken . Sie hatte nicht das Bedürfniß , hinter jeder Gesichtsmaske ein Schicksal zu suchen . Sie dachte an die Menschen eigentlich kaum , sie dachte kaum an sich , sie lebte nur auf , bestätigte sich nur , wenn sie mit ihrem Vater in intim-wissenschaftlichen , zumeist philosophischen Verkehr trat . Eine tiefere Tendenz ihrer Natur stellte dieses ernste Studium allerdings auch nicht dar . Sie mußte sich oft zwingen , zu den Büchern zu greifen , wenn nicht eine unmittelbare Anregung dazu von ihrem Vater vorausgegangen war . Alle diese Weisheiten der modernen Philosophie waren ihr ja so gleichgültig . Die Stürme ihrer Seele waren vorüber . Ihr Blut war todt . Grenzenlos nüchtern und kahl lag das Leben vor ihr ... eine große , öde , handflache Ebene ... lag es vor ihr ... würde es vor ihr liegen , weiter und weiter - wenn sie es nicht eines Tages freiwillig ausblies ... lag es vor ihr mit seinem kleinlichen Kampf ums Dasein , seinen erbärmlichen Mühen und Sorgen , seinem reizlosen , einförmigen , so unendlich überflüssigen Wellenschlage ... Immer dieselbe Mechanik , immer dasselbe einschläfernde Surren der Spindel ... Hatte ihr die Philosophie ihres Vaters diese Ruhe und Kälte und Theilnahmlosigkeit gebracht ? Damals , als sich die Wasser der Katastrophe verlaufen , hatte er sie eingeführt in seine Gedankenwelt , in seine philosophischen Glaubenssätze ... hatte er ihr Stille und Trost durch die Erkenntniß bringen wollen . Nun - und ? Darüber waren fast fünf Jahre hingegangen . Die Stürme ihrer Seele waren vorüber , ihr Blut war todt , ihre Natur eingefroren . Manchmal wohl ... manchmal raschelte plötzlich ein heißer , schwüler Sehnsuchtshauch durch die dürren Blätter der Resignationsphilosophie , in der ihr Vater lebte und deren Resultate auch ihr einleuchten mußten . Aber sie konstatirte eigentlich diese Resultate nur vernunftsmäßig , sie besaß nicht Grund und Bedürfniß , sich dieselben verinnerlicht zuzueignen . Hedwig hatte auf dem schmalen , engen , von einer blakenden Küchenlampe mit angebrochenem Cylinder nothdürftig erhellten Corridor Hut und Mantel abgelegt , war eine Sekunde vor einem kleinen , schmucklosen , halb erblindeten Wandspiegel stehen geblieben , hatte flüchtig an ihrem Haar geordnet ... und war sodann durch die nächste Thür in ein Zimmer eingetreten , welches sich als Wohnzimmer zugleich und Arbeitsgemach ihres Vaters benahm . Der Raum , mittelgroß , einigermaßen behaglich eingerichtet , augenblicklich von einer milden Wärme durchfüllt . Rechts hinten in der Ecke , neben dem jetzt rouleaux- und teppichverhangenen Fenster , stand der Schreibtisch ihres Vaters , ein ansehnliches , massiveichenes Gestell , nach Einrichtung und Ausstattung mit dem ganzen Wirrwarr behaftet , den eine starke geistige Thätigkeit , welche für die kleinliche