zu nehmen . Aber einmal , es war am vorletzten Tag , als der Kapitän lange stand und in die dunklen , schönen und gleichwohl des lichtesbewußten Ausdrucks noch entbehrenden Kinderaugen sah , schaute Adrienne doch zu ihm hinüber . Arnold hatte seine Hand sorgfältig auf das haarlose Köpfchen gelegt . Er seufzte tief . In seinen Augen war ein feuchter Schimmer . Es war das erstemal , daß Adrienne in diesen ernsten Augen Rührung sah . Ihr Blick verdunkelte sich , ihr Herz klopfte . » Mein Sohn ! « sagte Arnold leise . Und dann wie zu sich selbst lauter : » Kinder brauchen viel Herzenswärme . « Dann ging er schnell hinaus . Sein Weib verstand , was die Betonung auf » Kinder « sagen sollte - es hieß : sie können sich nicht wie ein Mann ohne Herzenswärme behelfen . Ein Vorwurf , wieder ein Vorwurf , immer Vorwürfe und nie die Erkenntnis , daß er kein Echo verlangen könne , wo er keinen Ruf ergehen ließ . Sie weinte - es waren die selbstbetrügerischen Thränen einer sich verkannt und nicht geliebt glaubenden Frau . » Nun , so lebe denn wohl , « sagte der Kapitän am nächsten Morgen , » die Stunde ist da , ich gehe . Gott beschütze euch mir , daß ich Dich und unser Kind wiederfinde , wenn ich heimkehre . « Er war sehr bleich und drückte die Hand seiner Frau mit schmerzhafter Festigkeit . Adrienne war keines Wortes mächtig . » Und wenn er sprechen lernt ... lehr ihn auch Papa sagen , « flüsterte er . Sie nickte heftig . Er umfaßte sie lange , innig . Auf ihre Stirn rann die Thräne eines Mannes . Sie erschauderte . Eine unendliche , fassungslose Bewegung ergriff sie , ihre Lippen lallten . Aber erst . als er schon , sich hastig dieser Qual entreißend , an der Thür stand , kam der Ruf » Arnold ! « aus ihrem Munde . Es war ein Ruf höchster Angst . Er eilte zu ihr zurück , er umfaßte sie noch einmal , und sein Gesicht an ihr Haar drückend , flüsterte er : » Versuche , daß Du mich doch noch lieben kannst . « Dann riß er sich wieder los . Eine Thür fiel ins Schloß , ein Schritt verklang im Korridor , und alles war stumm . Adrienne stand erstarrt . Thränen rannen ihr unbewußt aus ihren weit geöffneten Augen , dabei hatte sie das Gefühl , als könne sie nicht weinen . » Ich will an die Landungsbrücke gehen , « murmelte sie vor sich hin . Langsam kleidete sie sich für den Ausgang an . Durch den kühlen Februarmorgen schritt sie dem Quai zu ; je näher sie dem Hafen kam , um so mehr fand sie sich im Gedränge von Menschen , die dem gleichen Ziele zustrebten . An der Landungsbrücke zeigte es sich , daß diese gesperrt war , da von ihr aus noch durch eine kleine Dampfbarkasse ein letzter Verkehr mit der Korvette stattfand . Adrienne dachte nicht daran , sich als Offiziersgattin bei den wachthabenden Leuten zu melden , um auf der Brücke , wo schon einige andere Damen standen , gleichfalls einen Platz zu finden . Sie blieb im Gedränge eingekeilt stehen ; ein dicker alter Mann hinter ihr , der um jeden Preis vorn am Quairand stehen wollte , weil er einen Sohn dabei habe , wie er jedermann erzählte , drängte und drängte und stieß Adrienne dergestalt mit sich fort , daß sie sich endlich neben dem pustenden und schimpfenden Alten hart am Eisengitter des Quais befand . Zu ihren Füßen schob sich glitzernd Welle um Welle vorbei . Die weite Fläche der Meeresbucht , die sich am Ende der Stadt zum Hafen abrundet , war von zahllosen Fahrzeugen belebt ; kleine Dampfer schossen vom Kieler Ufer nach den Schiffswerften von Gaarden und nach dem Fischerdorf Ellerbeck hinüber . Schwarze Kähne mit geblähten rostbraunen Segeln kreuzten meerwärts ; zwischen den Kolossen der Kriegsschiffe verkehrten Boote und Barkassen , mit Matrosen bemannt ; weit aus der Stirn trugen diese die dunkelblauen Mützen mit dem breiten Randreifen , darauf zu lesen stand : » Kaiserliche Marine « ; von ihrem tief entblößten braunen Halse fiel der blaue , weiß umsäumte Kragen . Und mitten in dem eiligen Leben auf der stahlblau schimmernden Fläche lag die Korvette . Von ihrem Hauptmast wehte das Heimatwimpel , aus ihren Schloten wölkte sich schwarzbrauner Rauch auf , den ein Windstoß zuweilen mit widrigem Kohlendunst landwärts über den menschenbesäten Quai niedersenkte . Hüben und drüben lagen die hügelartig ansteigenden Ufer im kühlen Lichtglanz der Sonne , und dort links hinunter sah das Auge eine blaue , uferlose Ferne sich in einem blauen , leicht umdunsteten Horizont verlieren . Nun scholl von Schiff zu Schiff ein Kommandosignal , Dampfpfeifen kreischten auf . In den Raaen der stationirten Kriegsschiffe ward es lebendig wie in einem Spinnennest . Unzählige schwarze Gestalten kletterten darin umher , bis plötzlich auf ein neues Kommando Mann an Mann dort auf den Tauen in strammer Linie stand , als wäre der feste Boden unter ihren Füßen . So , im lebendigen Ehrenschmuck der Matrosenreihen in ihrem Tauwerk , erwarteten die Schiffe die Abfahrt der Maria . Wieder zerriß ein hohler , langgedehnter Pfiff die Luft - ein Ton , der die Menge am Ufer verstummen machte und für tausend Herzen wie ein Weheruf erklang . Die Korvette schien sich zu bewegen . Atemlose Spannung erfaßte die Menschen , die zuschauend standen . Da sank , langsam wie in wehmutsvollem Hinscheiden , das Heimatwimpel von seiner stolzen Höhe herab ; noch einmal wellte sich der lange Stoffstreifen in der Luft aus , dann glitt er , im Fall sich ballend , am Seil hernieder . Und zugleich sauste stolz , frei die deutsche Flagge empor , und nach scharfem Blitz vom Nachbarschiff donnerten die Salutschüsse über die Bucht , von Ufer zu Ufer widerhallend .