, der ihm auffiel . Er fragte nicht weiter , denn des Vaters Wille galt als ein Gesetz , dessen Gründen niemand nachzuforschen hatte , aber an diesem Tage knüpfte das Geheimnis des » weißen Hauses « ein neues Band zwischen Mutter und Sohn . - Öffentlich durfte nicht von ihm gesprochen werden . Der Vater wurde wütend , sobald man seine Existenz nur andeutete , und auch die Brüder mochten mit ihm , dem Jüngsten , nicht gern darüber reden ; wahrscheinlich fürchteten sie , daß er ' s in seiner Dummheit wiedersage . Aber die Mutter , die Mutter vertraute ihm ! Wenn sie miteinander allein waren - und sie waren während der Schulzeit fast immer allein - dann öffnete sich ihr Mund und mit dem Munde das Herz , und das » weiße Haus « stieg aus ihren Erzählungen immer höher und leuchtender vor seinen Augen empor . Bald kannte er jedes Zimmer , jede Laube im Garten , den grünumbuschten Weiher mit der spiegelnden Glaskugel davor und die Sonnenuhr auf der Terrasse ; man denke , eine Uhr , auf welcher die liebe Sonne selbst die Stunden anzeigen mußte . Welch ein Wunder ! Er hätte mit geschlossenen Augen auf Helenental umhergehen können und sich dennoch nicht verirrt . Und wenn er mit Klötzchen spielte , dann baute er sich ein weißes Haus mit Terrassen und Sonnenuhren - zwei Dutzend auf einmal ! - grub Teiche in den Sand und befestigte Murmelsteine auf kleinen Pfählen , um die Glaskugeln anzudeuten . Aber freilich , spiegeln taten sie nicht . 3 Zu derselben Zeit faßte er den Plan , dem » weißen Hause « einen Besuch abzustatten . Ganz auf eigene Faust . Er verschob es auf den Frühling , als aber der Frühling kam , fand er nicht den Mut dazu . Er verschob es auf den Sommer , aber auch dann kamen allerhand Hindernisse dazwischen . Einmal hatte er einen großen Hund allein auf der Wiese umherstreichen sehen - wer konnte wissen , ob es nicht ein toller war ? - und ein andermal war ihm der Bulle mit gesenkten Hörnern auf den Leib gerückt . » Ja , wenn ich groß sein werde , wie die Brüder , « so tröstete er sich , » und in die Schule gehe , dann werde ich mir einen Stock nehmen und den tollen Hund totschlagen , und den Bullen werd ' ich bei den Hörnern fassen , daß er mir nichts tun kann . « Und er verschob es auf das nächste Jahr ; denn dann sollte er beginnen , in die Schule zu gehen , ganz wie die großen Brüder . Die großen Brüder waren Gegenstand seiner Anbetung . Zu werden wie sie , erschien ihm das letzte Ziel menschlicher Wünsche . Auf Pferden reiten - auf großen wirklichen , nicht bloß auf hölzernen - Schlittschuh laufen , schwimmen ganz ohne Binsen und Schweinsblasen und Vorhemdchen tragen , weiße , gestärkte , die mit Bändern um den Leib befestigt werden , ach , wer das könnte ! Aber dazu muß man erst groß sein , tröstete er sich . Diese Gedanken behielt er ganz für sich , der Mutter mochte er sie nicht sagen , und den Brüdern selbst , - o die machten sich sehr wenig mit ihm zu schaffen . Er war ein solcher Knirps in ihren Augen , und wenn die Mutter bestimmte , daß sie ihn irgendwohin mitnähmen , waren sie unwillig , denn dann mußten sie auf ihn achtgeben und um seiner Dummheit willen die schönsten Streiche aufgeben . Paul fühlte das wohl , und um ihren bösen Gesichtern und noch böseren Püffen auszuweichen , sagte er meistens , er wolle lieber zu Hause bleiben , mochte ihm auch noch so weh ums Herze sein . Dann setzte er sich auf den Pumpenschwengel , und während er sich leise hin und her schaukelte , träumte er von den Zeiten , da er ' s den Brüdern gleichtun wollte . Auch im Lernen . - Und das war keine Kleinigkeit , denn beide , Max sowohl wie Gottfried , saßen die Ersten in ihrer Schule und brachten zu den Feiertagen stets sehr schöne Zeugnisse mit nach Hause . Wie schön die waren , ersieht man daraus , daß sie ihnen von dem Vater je einen Silbergroschen , von der Mutter eine Honigstulle eintrugen . An einem solchen Freudentage hörte er den Vater sagen : » Ja , wenn ich die beiden Ältesten in eine gute Schule geben könnte , da würde was aus ihnen werden , denn sie haben ganz meinen aufgeweckten Kopf , aber Bettler , wie wir sind , werden wir sie wohl auch zu Bettlern erziehen müssen . « Paul dachte viel darüber nach , denn er wußte bereits , daß Max zum Feldmarschall und Gottfried zum Feldzeugmeister geboren sei . Es hatte sich nämlich einmal ein Ruppiner Bilderbogen mit Abbildungen der österreichischen Armee in das Heidehaus verirrt , und an diesem Tage waren die Brüder einig geworden , die beiden höchsten Würden der Generalität unter sich zu verteilen , während ihm , dem Jüngeren , eine Unterleutnantsstelle zufallen sollte . Seitdem war allerdings eine Periode gekommen , in der der eine den Beruf zum Trapper , der andere zum Indianerhäuptling in sich fühlte , aber Pauls Gedanken blieben an jenen goldgestickten Uniformen haften , mit denen die hölzernen Speere und die aus Lumpen zusammengeflickten Sandalen , wie sie die Brüder beim Spielen trugen - die letzteren nannten sie » Mokassins « - keinen Vergleich aushalten konnten . Auch warum sie später wieder Naturforscher und Superintendenten werden wollten , blieb ihm unverständlich - die Neu-Ruppiner Bilder waren doch das beste . Zu derselben Zeit begannen die Zwillinge gehen zu lernen . Käthe , die ältere - sie war um dreiviertel Stunden früher zur Welt gekommen - machte den Anfang , und Grete folgte ihr drei Tage später nach . Das war ein bedeutungsvolles Ereignis in Pauls Leben .