Hören vergehen sollte . Flora Kuglmeier scheint mich mit ihrer Besuchs-Zusage für diesen Vormittag positiv zum Besten gehabt zu haben . Eigentlich gefällt mir das von dem zarten und doch so eigenwilligen Ding ; ja , es imponiert mir sogar . Dieses eigentümliche Persönchen mit seinem blonden Falkenköpfchen fängt an , einen unheimlichen Reiz auf mich auszuüben . Ich nehme mich schon ordentlich zusammen in ihrer Nähe . Ihr langer , kritischer Blick hat etwas Beängstigendes ; sie hat eine gewisse Art , mit ihren dunkelblauen Augen Fragen zu stellen , daß man sich selbst , bei Gott , ganz fragwürdig vorkommt . Und ich , der ich gewohnt bin , das weibliche Geschlecht so schopenhauerisch von oben herab zu nehmen ! ( In Parenthese : Brigitta galt mir stets als eine große Ausnahme ; ihr schlichter , starker Sinn , ihr hausmütterlich treues Walten , ihre Entsagungskraft - ja , da gehe Einer hin und thue desgleichen ! ) Mein lieber Max v. Drillinger , gemütreicher Leichtfuß , spitzfindiger Phantast , pessimistischer Optimist , Mann der Widersprüche , Zusammenreimer von Ungereimtheiten - ist das genug auf einmal ? - was wärst Du , ohne Brigittas Herz , diesen festen Schlußstein im luftigen Gewölbe Deines Lebensbaues ? Ich lege nun einen Eid darauf ab , daß mich die Tempera-Malerin mit Wissen und Willen gefoppt hat und schmiere ruhig Briefbogen um Briefbogen voll ; ich tilge nicht nur Briefschuld , sondern kapitalisiere , damit ich für den Rest meiner Italiafahrt von epistolarischen Renten leben kann und Dir überhaupt nicht mehr zu schreiben brauche . Wenn ich Flora Kuglmeier auf diesem Stern jemals wiedersehe , werde ich sie überzeugen , daß sie mir mit ihrem Wortbruch einen nützlichen Dienst geleistet hat . » Fragwürdig « habe ich oben gesagt . Ja , eigentlich sind wir zwei , Du und ich , fragwürdige Kerls , d.h. Du hauptsächlich , ich viel weniger . Schon deshalb , weil ich jetzt fest entschlossen bin , bei der Stange zu bleiben , mir im Leben nichts mehr gefallen zu lassen , was meine Thätigkeit stören oder beeinträchtigen könnte , und schließlich als freier Mann zu irgend einem schönen Fleck Erde in der bajuwarischen Heimat zu sprechen : » Hier ist gut sein , hier laßt uns Villen bauen ! « Fräulein Flora , wie gefällt Ihnen der Scherz ? Das ist zwar noch alles ziemlich kompliziert , aber ich stehe für mich ein , daß ich hinausfinde . Wo ein Wille ist , da ist auch ein Weg - das Wort soll nicht bloß für Amerikaner gesprochen sein . Aber Du ? ... Wille und Weg , wohin sollen sie schließlich führen ? Zur Berühmtheit , zur Unabhängigkeit und Herrschaft großen Stils , zu Reichtümern und allem , was damit zu erwerben ? Was damit zu erwerben ? Käuflich ist heute nahezu alles . Leider . Und das verdirbt dem feineren Ehrgeiz alle Freude . Erstreben was jeder reiche Lump haben kann , ist das noch erstrebenswert für den raffinierteren Kopf ? Gewährt uns das noch eine höhere Befriedigung , was für jeden aus der gemeinen Herde erreichbar ist , sobald ihm das große Los zufällt ? Aufgepaßt : das wäre ungefähr Dein Gedankengang , nicht Dein eingestandener , sondern Dein geheimer - und das ist just nicht der meine . Ich will mich einfach ausarbeiten und ausleben ; ich will beweisen , daß ich eine Kraft bin . Die kleinen Hilfsmittel und Verzierungen des Lebens kümmern mich wenig , sofern sie nicht eine besondere Verstärkung meiner Kraft bedeuten . Ich will meine eigenen Werte prägen : ich will meine höchstpersönliche Meinung vom Glück allen andern Meinungen gegenüber zur Geltung bringen . Großzügig , siehst Du ; monumental in Gesinnung ! Nun glaubst Du aber selbst , daß die geheimnisvolle Flora Kuglmeier heute nicht mehr zu mir kommt , so heiß auch meine - Neugierde sie ersehnt , nichtwahr ? Krampfhaft halte ich die Feder und schreibe fort , wütend , zähneknirschend - wenn nur kein Handschriftendeuter diese Blätter jemals in die Klauen bekommt und Dir mit dem Tüpferl auf dem I und dem U-Häuberl und dem andern Schnickschnack beweist , daß der Schreiber ein rasend verliebtes Rhinozeros gewesen . Da thäte ich mir selbst leid . Denn gerade meine Schreibfuria soll ja bezeugen , daß ich nur kraft körperlichen Zwanges in dem Vicoletto del Petrajo , einer Steinbruchgasse hoch über Neapel , hause , hingegen mein Geist bei Dir weilt an der rauschenden Isar , bei Dir , Max v. Drillinger , dem unausstehlichsten Freunde , den mir Gott in seiner unergründlichen Gnadenlaune beschieden . Träte Fräulein Flora Kuglmeier jetzt plötzlich durch die verschlossene Thür zu mir , oder schwebte sie über den Balkon leise herein , oder senkte sie sich vom Plafond herab , etwa am Faden eines Spinngewebes , oder tauchte sie aus der schwarzen Tiefe meines Tintenfasses auf - Du wirst ' s erleben , daß sie nichts dergleichen thut - aber angenommen : ich versichere Dir , ich bliebe kalt wie eine Hundenase und plauderte ganz gelassen da weiter , wo ich gerade mit der Feder aufgehört . Also von Dir , Unvergleichlicher ! Komisch . Sie erzählte mir neulich aus ihrer Lehrerin-Vorbereitungszeit von einem Examen , das ihr die erste Auszeichnung eingetragen , eine Prämie in der Physik , weil sie so gründlich und anschaulich die Gesetze von der Anziehung der Körper dargelegt habe . Anziehung der Körper , welch ' ein Thema für eine junge , feurige , geistreiche Dame ! Freilich muß es schon recht lange her sein , da sie selbst so wenig mehr von der Wirkung dieses interessanten Gesetzes verspürt . Oder sollte mein Körper alle intimere Anziehungskraft verloren haben ? Sollten keine geheime Kräfte mit siegender Allgewalt sich Bahn brechen zu der entfernten Ersehnten , daß sie dem Zwange der Natur sich füge ? Und heute ist Josephitag ! Wie ganz anders haben wir gewirkt in unserer Jugendjahre Maienblüte , guter Max ! Neulich ,