seine Talente die Leute rührt oder erfreut , und dadurch sein Brot erwirbt , wenigstens zuweilen . In der Tat verdankt auch er , wie der » Schnorrer « , die Möglichkeit , sein Dasein zu fristen , jenem dunklen Drang der Menschenbrust , der auch den Rohesten nicht fehlt , dem Drang , zuweilen aus der Tretmühle seines Lebens ins Freie , aus der platten Wirklichkeit in die Welt des schönen Scheins zu flüchten . Aber der » Schnorrer « ist unendlich vielseitiger und dann ist seine soziale Stellung eine ganz andere , eine viel schlimmere , sollte man denken . Denn der wandernde Komödiant bettelt nur , wenn er durch seine » Kunst « nicht genug verdient , während es beim Schnorrer selbstverständlich ist , daß man ihn beherbergt , beköstigt und zum Abschied eine kleine Wegzehrung reicht . In Wahrheit ist diese Stellung eine weit bessere . Der » Schnorrer « blickt nicht bloß in heimlichem Selbstgefühl auf den Seßhaften herab - das tut ja wohl auch der » Schmieren « -Künstler - , sondern läßt ihn auch oft genug seine Überlegenheit fühlen , und eine andere Behandlung , als die eines Ebenbürtigen , nimmt er höchstens von den Reichsten hin , in der Regel aber überhaupt von keinem . In seinen Augen ist eben Broterwerb keine menschenwürdige Beschäftigung , er dünkt sich nicht allein klüger , witziger , gebildeter - das ist er zumeist wirklich - , sondern auch vornehmer als seine Gönner ; vollkommen gleich aber fühlt er sich ihnen schon durch die Satzungen des Glaubens , der nur Brüder kennt und keinen anderen Adel , als den der Gelehrsamkeit . Was gäbe der deutsche Dorfkomödiant darum , wenn er sich so fühlen dürfte , wie der » Schnorrer « ! Aber auch an den Hofnarren des Mittelalters darf man nicht denken , obgleich der Vergleich schon etwas zutreffender wäre : auch er war in allen Bedürfnissen von dem Herrn abhängig und durfte ihm dennoch die Wahrheit sagen . Aber der Hofnarr war deshalb doch ein gemieteter Diener , der » Schnorrer « aber ist ein freier Mann . Ihn drückt keine Sorge um Weib und Kind , um den kommenden Tag ; erlebt er ihn , so werden sich auch Speise und Nachtlager für ihn finden , erlebt er ihn nicht , ein Grab auf dem nächsten Judenfriedhof . Wenn nur seine Feinde nicht wären , die Polizei und die einheimischen Bettler ! Aber dann schiene ihm sein Leben eben gar zu schön , und etwas Trübsal muß jeder Mensch haben , schon der Abwechslung wegen ... Freilich , nicht jeder » Schnorrer « fühlt sich so glücklich . An manchem nagt die Qual ungestillten Ehrgeizes , der Neid auf die begabteren Kollegen . So kann nur ein Dichterling den wahren Poeten hassen , wie der unfähige » Schnorrer « den echten , richtigen . Auch hier nützt der Fleiß allein nichts , und sogar die Streberei nicht auf die Dauer ; das beste ist die » Gabe von oben « . Zum richtigen » Schnorrer « muß man geboren sein , wie zum Dichter . Einer dieser Echten war der Vater des Sender , Mendele Glatteis , den sie nach seiner litauischen Geburtsstadt den » Kowner « nannten , denn von den » christlichen « Familiennamen , die ihnen durch den Willen der Regierung aufgezwungen worden sind , machen die Juden im Osten untereinander noch heute keinen Gebrauch , geschweige denn zu seinen Tagen ; er war am Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts geboren . Der Wille der Eltern hatte ihn zum Talmudisten bestimmt , weil er früh treffliche Anlagen zeigte und schon als Zehnjähriger mit den Gelehrten über die schwierigsten Fragen , die sie beschäftigten , zu disputieren wußte . Seltsame Fragen ! - Seit Jahrhunderten werden sie in jeder » Klaus « , wie die jüdischen Studierstuben des Ostens heißen , erwogen , gründlich , mit Aufgebot aller Geistesschärfe , aber noch sind sie nicht ganz gelöst . Kein Wunder , die Fragen sind eben gar zu schwierig ! Zum Beispiel , an welchem Tage Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis gepflückt hat . Ein Sabbat war es gewiß nicht , denn da darf man keine Früchte pflücken , aber welcher Wochentag ? ! Oder von welcher Art die Leiter gewesen ist , die Jakob im Traum gesehen hat ? Natürlich keine Hängeleiter , die an den Wolken befestigt war und bis auf die Erde hinabreichte , denn es steht ja geschrieben , daß sie auf der Erde stand und mit der Spitze an den Himmel rührte . Aber war es eine Schiebeleiter , die zusammenzulegen war , oder bestand sie aus einem Stück ? War sie aus Holz , aus Eisen oder aus was sonst ? Und vor allem : wieviel Sprossen hatte sie ? Das aber hängt mit der Frage zusammen , ob die Engel , die daran auf und nieder stiegen , lange oder kurze Beine hatten . Wie also waren die Engel gebaut ? Darauf allein kommt es an , denn wohl wissen wir ja , daß sie Flügel haben , aber in jener Nacht machten sie keinen Gebrauch von ihnen , es steht ausdrücklich geschrieben : » Sie stiegen « . Daraus aber ergibt sich die weitere Frage : Warum stiegen sie , warum flogen sie nicht von Sprosse zu Sprosse ? Und dann : » Der Herr stand oben darauf « heißt es in der Heiligen Schrift . Auf der obersten Sprosse also ? Oder hatte die Leiter oben eine Plattform ? Und wenn diese , wie breit war sie ? Aber das sind im Grunde noch naheliegende Fragen im Vergleich mit jenen anderen , die für scharfe Augen zwischen den Zeilen der Heiligen Schrift stehen . Im Lobgesang Mosis wird der Herr gerühmt , weil seine Rechte die Ägypter ins Rote Meer versenkt . Was aber tat zu selbigen Zeit des Herrn Linke ? Darüber steht nur eines fest , sie hat nicht etwa