, in welche ich verwundert sah von der grünen Staude weg , die er hoch in die Luft hielt . Meine Mutter rühmte mir nachher oft , wie sehr sie und die begleitende Magd erbaut gewesen seien von seinen schönen Reden . Aus noch früheren Tagen ist mir seine Erscheinung ebenfalls geblieben durch die befremdliche Überraschung der vollen Waffenrüstung , in welcher er eines Morgens Abschied nahm , um mehrtägigen Übungen beizuwohnen ; da er ein Schütze war , so ist auch dies Bild mit der lieben grünen Farbe und mit heiterm Metallglanze für mich ein und dasselbe geworden . Aus seiner letzten Zeit aber habe ich nur noch einen verworrenen Eindruck behalten , und besonders seine Gesichtszüge sind mir nicht mehr erinnerlich . Wenn ich bedenke , wie heiß treue Eltern auch an ihren ungeratensten Kindern hangen und dieselben nie aus ihrem Herzen verbannen können , so finde ich es höchst unnatürlich , wenn sogenannte brave Leute ihre Erzeuger verlassen und preisgeben , weil dieselben schlecht sind und in der Schande leben , und ich preise die Liebe eines Kindes , welches einen zerlumpten und verachteten Vater nicht verläßt und verleugnet , und begreife das unendliche , aber erhabene Weh einer Tochter , welche ihrer verbrecherischen Mutter noch auf dem Schafotte beisteht . Ich weiß daher nicht , ob es aristokratisch genannt werden kann , wenn ich mich doppelt glücklich fühle , von ehrlichen und geachteten Eltern abzustammen , und wenn ich vor Freude errötete , als ich , herangewachsen , zum ersten Male meine bürgerlichen Rechte ausübte in bewegter Zeit und in Versammlungen mancher bejahrte Mann zu mir herantrat , mir die Hand schüttelte und sagte , er sei ein Freund meines Vaters gewesen und er freue sich , mich auch auf dem Platze erscheinen zu sehen ; als dann noch mehrere kamen und jeder den » Mann « gekannt haben und hoffen wollte , ich werde ihm würdig nachfolgen . Ich kann mich nicht enthalten , sosehr ich die Torheit einsehe , oft Luftschlösser zu bauen und zu berechnen , wie es mit mir gekommen wäre , wenn mein Vater gelebt hätte , und wie mir die Welt in ihrer Kraftfülle von frühester Jugend an zugänglich gewesen wäre ; jeden Tag hätte mich der treffliche Mann weitergeführt und würde seine zweite Jugend in mir verlebt haben . Wie mir das Zusammenleben zwischen Brüdern ebenso fremd als beneidenswert ist und ich nicht begreife , wie solche meistens auseinanderweichen und ihre Freundschaft außerwärts suchen , so erscheint mir auch , ungeachtet ich es täglich sehe , das Verhältnis zwischen einem Vater und einem erwachsenen Sohne um so neuer , unbegreiflicher und glückseliger , als ich Mühe habe , mir dasselbe auszumalen und das nie Erlebte zu vergegenwärtigen . So aber muß ich mich darauf beschränken , je mehr ich zum Manne werde und meinem Schicksal entgegenschreite , mich , zusammenzufassen und in der Tiefe meiner Seele still zu bedenken : Wie würde er nun an deiner Stelle handeln , oder was würde er von deinem Tun urteilen , wenn er lebte . Er ist vor der Mittagshöhe seines Lebens zurückgetreten in das unerforschliche All und hat die überkommene goldene Lebensschnur , deren Anfang niemand kennt , in meinen schwachen Händen zurückgelassen , und es bleibt mir nur übrig , sie mit Ehren an die dunkle Zukunft zu knüpfen oder vielleicht für immer zu zerreißen , wenn auch ich sterben werde . - Nach vielen Jahren hat meine Mutter , nach langen Zwischenräumen , wiederholt geträumt , der Vater sei plötzlich von einer langen Reise aus weiter Ferne , Glück und Freude bringend , zurückgekehrt , und sie erzählte es jedesmal am Morgen , um darauf in tiefes Nachdenken und in Erinnerungen zu versinken , während ich , von einem heiligen Schauer durchweht , mir vorzustellen suchte , mit welchen Blicken mich der teure Mann ansehen und wie es unmittelbar werden würde , wenn er wirklich eines Tages so erschiene . Je dunkler die Ahnung ist , welche ich von seiner äußeren Erscheinung in mir trage , desto heller und klarer hat sich ein Bild seines innern Wesens vor mir aufgebaut , und dies edle Bild ist für mich ein Teil des großen Unendlichen geworden , auf welches mich meine letzten Gedanken zurückführen und unter dessen Obhut ich zu wandeln glaube . Drittes Kapitel Kindheit . Erste Theologie . Schulbänklein Die erste Zeit nach dem Tode meines Vaters war für seine Witwe eine schwere Zeit der Trauer und Sorge . Seine ganze Verlassenschaft befand sich im Zustande des vollen Umschwunges und erforderte weitläufige Verhandlungen , um sie ins reine zu bringen . Eingegangene Verträge waren mitten in ihrer Erfüllung abgebrochen , Unternehmungen gehemmt , große laufende Rechnungen zu bezahlen und solche einzuziehen an allen Ecken und Enden ; Vorräte von Baustoffen mußten mit Verlust verkauft werden , und es war zweifelhaft , ob bei der augenblicklichen Lage der Verhältnisse auch nur ein Pfennig übrig bleiben würde , wovon die bekümmerte Frau leben sollte . Gerichtsmänner kamen , legten Siegel an und lösten sie wieder ; die Freunde des Verstorbenen und zahlreiche Geschäftsleute gingen ab und zu , halfen und ordneten ; es wurde durchgesehen , gerechnet , abgesondert , gesteigert . Käufer und neue Unternehmer meldeten sich , suchten die Summen herunterzudrücken oder mehr in Beschlag zu nehmen , als ihnen gebührte , es war ein Geräusch und eine Spannung , daß meine Mutter , welche immer mit wachsamen Augen dabeistand , zuletzt nicht mehr wußte , wie sie sich helfen sollte . Allmählich klärte sich die Verwirrung auf , ein Geschäft um das andere war abgetan , alle Verbindlichkeiten gelöst und die Forderungen gesichert , und es zeigte sich nun , daß das Haus , in welchem wir zuletzt wohnten , als einziges Vermögen übrigblieb . Es war ein altes hohes Gebäude , mit vielen Räumen und von unten bis oben bewohnt wie ein Bienenkorb . Der Vater hatte es gekauft in der Absicht , ein neues an dessen