. « » Wer es leugnet , der lügt . « In diesem Augenblicke zogen beide . Die Zunächstsitzenden sprangen auf , aber ehe noch ein Dazwischenspringen möglich war , hatte des jüngeren Bruders Degen die Brust des älteren durchdrungen . Anselm war tödlich getroffen . Matthias , außer sich über das Geschehene , wollte sich dem Kurfürsten stellen ; nur widerwillig gab er den Vorstellungen derer nach , die auf Flucht drangen . In seine Garnisonstadt Böhmisch-Grätz zurückgekehrt , machte er nach Wien hin Meldung von dem Vorgefallenen ; dabei hatte es sein Bewenden . Ihm zu zeigen , wie wenig die Kriegskanzelei den Vorfall beanstande , der ja in Verteidigung kaiserlicher Ehre seine erste Veranlassung hatte , ließ man ihn zum General aufsteigen und gab ihm ein Kommando in Ungarn . Aber diese Gnadenbezeugungen , dankbar , wie er sie entgegennahm , gaben ihm doch die Ruhe nicht wieder , nach der er dürstete , und von Peterwardein aus , wo er im Feldlager lag , schrieb er an den Kurfürsten und rief seine Gnade an , » um dessentwillen , der aller Menschen Heil und Gnade sei « . Der Kurfürst schwankte ; als aber durch die eidlichen Aussagen von Peter Ihlow , Beteke Pfuel und Ehrenreich von Burgsdorff erwiesen war , daß beide Brüder zu gleicher Zeit gezogen hätten , kam es zu einem Generalpardon , » gleichweis als ob die Geschichte nie geschehen wäre « , und Matthias kehrte nach Hohen-Vietz zurück , das er seit dem Tage , an dem Maradas das Schloß gestürmt hatte , nur einmal , in jener unheilvollen Festesstunde , wiedergesehen hatte . Er kam und brachte , wie die Hohen-Vietzer noch lange erzählten , » eine Tonne Goldes mit sich « ; denn Dotationen und Landerwerbungen , wie sie damals herkömmlich waren , hatten ihn reich gemacht . Der Kurfürst empfing ihn in ausgezeichneter Weise und setzte ihn , unter Innehaltung herkömmlicher Formen , in den Vollbesitz des verfallenen Gutes ein . Unmittelbar darauf schritt der Neubelehnte zur Aufführung eines schloßartigen , mit breiter Treppe und hohen Stuckzimmern reich ausgestatteten Renaissanceneubaues , der , mit dem ärmlichen Fachwerkhaus parallel laufend , einen hufeisenförmigen Gebäudekomplex herstellte , in dem die » Banketthalle « , der mehrgenannte Saalanbau des alten Rochus , die verbindende Linie war . Diesen Saalanbau selbst aber , eingedenk dessen , was hier geschah , schuf Matthias von Vitzewitz in eine Kapelle um . Über dem Altar stiftete er ein Bild , dessen Inhalt der Erzählung vom verlorenen Sohn entnommen war ; daneben hing er die Klinge auf , mit der er den Bruder erstochen hatte . Er betrat die Kapelle nie anders als in der Dämmerstunde , er liebte nicht , daß man es wußte oder gar davon sprach , aber wer auf dem anstoßenden Fliesenflur des alten Fachwerkhauses zu tun hatte oder müßig lauschte , der hörte seine lauten Gebete . Seine Buße währte sein Leben lang , und sein Leben kam zu hohen Jahren . Noch spät hatte er sich vermählt . Im Herbste desselben Jahres , das seinen Herrn den Kurfürsten hinscheiden sah , schied auch er aus dieser Zeitlichkeit , und die Hohen-Vietzer , an ihrer Spitze der achtzehnjährige Sohn des Hauses , trugen ihn bis zur alten Hügelkirche hinauf und setzten ihn in die Gruft neben den Kupfersarg des Vaters derart , daß Anselm zur Rechten , Matthias aber zur Linken stand . Er war in der Zuversicht gestorben , daß Gott seine Buße angenommen habe ; auch die , die nach ihm kamen , waren dieses Glaubens voll . Aber dieser Glaube , wie festen Lebensgrund er ihnen gab , konnte ihnen doch den Frohsinn des Lebens nicht wiedergeben . Sie blickten ernst um sich her . Und dieser Zug begann sich fortzuerben . Der Familiencharakter , der in alten Zeiten ein joviales Aufbrausen gewesen war , wich einem Grübeln und Brüten , und ihr Hang zu Festen und Gelagen schlug in einen Hang zur Selbstpein und Askese um . Auch sahen sie sich durch manchen Vorgang , durch Spuk und Wirklichkeit , in diesem Hange genährt und gefestigt . In dem zur Kapelle umgeschaffenen Saalanbau , der , verstaubend und verfallend , längst wieder den Kapellencharakter abgestreift hatte und zu einem Vorratsraum für die kleinen Leute des Hauses geworden war , ging der alte Matthias um wie zu Lebzeiten und kniete vor dem Altar , den er gestiftet . Niemand im Hause zweifelte daran . Aber wenn auch ein einzelner den Spuk verneint und , sei es aus Glauben oder Unglauben , die Erscheinung als ein abergläubisch Gebilde verworfen hätte , so hätten doch andere Zeichen zu ihm gesprochen . Seit anderthalbhundert Jahren stand das Geschlecht auf zwei Augen ; es sah darin einen Finger Gottes ; zwei Brüder sollten nicht wieder in Waffen gegeneinander stehen . Die Dorfbewohner , wie kaum versichert zu werden braucht , hegten dies alles wie einen Schatz , und in den Spinnstuben wurde nichts eifriger verhandelt als die Frage , ob der alte Matthias gesehen worden sei oder nicht . Es war eine Art Ehrensache , ihn gesehen zu haben . Man scherzte über ihn und fürchtete sich . Die Bauern selbst waren nicht anders wie ihre Mägde . Auf dem Höhenzuge , dicht neben der Kirche , stand eine alte Buche , die teilte sich halbmannshoch über der Wurzel und wuchs in zwei Stämmen nach rechts und links . Das paßte den Hohen-Vietzern , und die Sage ging , daß beide Brüder , als sie noch Kinder waren , diesen Baum gemeinschaftlich gepflanzt hätten . Als aber Anselm von der Hand des jüngern gefallen sei , da habe sich der Stamm geteilt . Und noch andere wußten , daß Matthias , wenn er unten in der Kapelle gebetet , die große Nußbaumallee bis zur Kirche hinaufsteige und den Buchenstamm da , wo er sich teilt , zu umfassen und zusammenzupressen suche . Aber umsonst . Er sitze dann zu Füßen des Baumes