Blicken an und keuchte endlich , ohne seine Stellung zu verändern : » Es ist ein Sohn - rede ! - es ist ein Sohn ! « » Was - Sohn ! « erwiderte Bozena - » Sie sollen kommen , der Frau geht es schlecht . « Heißenstein richtete sich mit Gewalt empor und ging mit heftigen und doch müden Schritten auf die Magd zu . » Aber das Kind ... « rief er , » das Kind ist da - lebt ? « » Ist da - - lebt « , wiederholte sie . » Ist ein Knabe ! ? « setzte er hinzu , fast schreiend in bangender Qual . » Ist ein Mädchen « , sagte Bozena . Sie sagte es ruhig und beschwichtigend . Er jedoch , außer sich , sinnverwirrt , meinte Hohn und Schadenfreude aus ihrer Stimme klingen zu hören . Mit einer Verwünschung stürzte er auf die Verkünderin der unwillkommenen Botschaft los , stieß sie vor die Brust , daß sie taumelte , und ging - nicht zu seiner schwerkranken Frau , nicht zu dem neugeborenen Kinde , sondern zurück in sein Gemach , dessen Tür er hinter sich zuwarf und verriegelte . Bozena war von dem unerwartet erhaltenen Schlage einen Augenblick wie betäubt ; der Leuchter entsank ihr . Aber schon in der nächsten Minute hatte sie sich aufgerafft . Sie sandte ihrem Herrn ein boshaftes Gelächter nach und streckte ihrer kleinen Rosa , die auf sie zuflog , die Arme entgegen . Sie hob ihren Liebling hoch empor auf ihren mächtigen Händen und rief jauchzend : » Er hat keinen Sohn - er wird keine Tochter haben als dich - du bleibst die einzige ... Die dort - sterben ! « flüsterte sie liebkosend in des Kindes Ohr , » du lebst , du wirst leben - und schön und reich und glücklich sein ! « 3 Den Befürchtungen der Ärzte und den Hoffnungen Bozenas zum Trotze erholte sich Frau Heißenstein ; und auch ihr Sprößling , dem bei seinem Erscheinen die Möglichkeit abgesprochen wurde , die Nacht zu überdauern , blieb am Leben . Ja , er bekundete bei Überwindung der Fährlichkeiten , die jede Säuglingsexistenz bedrohen , eine Zähigkeit und Kraft , die alle Sachverständigen in Erstaunen setzte . Die Neugeborene erhielt in der Taufe den Namen Regula , und während ihre Mutter wochenlang hilflos und ohnmächtig daniederlag und ihr Vater sich grollend von ihrer Wiege abwendete , fand sie ein Herz am Eingang ihres Lebensweges , das sich ihr hingab mit stürmischem Entzücken . Die kleine Rosa begrüßte in dem plötzlich erschienenen Schwesterchen ein Geschenk , das der gute Storch für sie , und ganz allein für sie gebracht hatte . Sie faßte Posto an der Seite des gelben , winzigen Geschöpfes , das jämmerlich kreischend in seinen Kissen lag und so erbärmliche Gesichter schnitt und die mageren Händchen so sonderbar ballte und ausstreckte . » Es stirbt ! es stirbt ! « rief sie , wenn sich die kleinen alten Züge veränderten und verzerrten . Und wenn es die Augen aufschlug , sang sie ihm vor und bewunderte es und wollte ihm beständig etwas zu essen geben . Als Frau Heißenstein wieder auf die Beine kam , war es ihre erste Sorge , ihre Tochter in Schutz zu nehmen vor Rosas aufdringlicher und äußerungsbedürftiger Liebe . » Durch die wird ihr nichts Gutes « , meinte sie , und blieb immer darauf bedacht , die beiden Kinder voneinander fern zu halten . Stets hinweggewiesen und fortgedrängt , kam Rosa dennoch wieder . Das wilde , ungestüme Ding saß oft stundenlang an der Tür des Zimmers , in dem Regula zunahm an Häßlichkeit und Wohlbefinden vor Gott und den Menschen , still wartend , bis ihr endlich gestattet wurde einzutreten . » Aber nur für einen Augenblick ? - du hörst ? - Und nur , um sie zu sehen - du verstehst ? Zum Sehen sind uns die Augen gegeben , nicht die Hände . Keine Umarmung ! « - Derlei ganz unnötige Kundgebungen waren Frau Nannetten besonders verhaßt . Das gelbe Töchterchen hingegen wuchs unter dringenden Warnungen vor der Schwester heran : » Mache es nicht wie die ! Danke Gott , daß du nicht bist wie die ! « Das Entgegengesetzte von allem , was Rosa tat , das war das Rechte . Der Glaube Nannettens an sich selbst konnte von jeher zu den starken Dingen gezählt werden , seitdem sie aber ein Kind geboren , kam sie sich so merkwürdig und wichtig vor , als ob sie die erste gewesen sei , der eine solche Tat überhaupt gelungen war . Früher gehörte zu ihren stehenden Redensarten auch der Satz : » Kinder in die Welt setzen ist leicht , sie erziehen ist schwer . « Jetzt geriet sie in Zweifel , welcher von beiden Wirksamkeiten die Palme zu reichen sei . Abwechselnd beugte sich die Gouvernante vor der Mutter , die ihr ein solches Erziehungsmaterial geliefert wie dieses Wunder : Regula , und die Mutter vor der Gouvernante , die es so glänzend auszunützen verstand . Schon in der Wiege hatte das Kind die ersten dunkeln Begriffe von Schicklichkeit in sich aufgenommen . Mit drei Jahren gab es bereits Beweise von ernstem Wissensdrang . Einer Strafe bedurfte es nie , mit Lob und Bewunderung wurde es geführt ; diese beständig hervorzurufen war sein unablässiges Bemühen . Kein Kind war jemals so bestrebt , seinen eigenen Willen durchzusetzen , wie Regula einen mütterlichen Befehl zu erfüllen ; keines haschte jemals so gierig nach guten Bissen wie sie nach guten Lehren , und die Resultate derselben blühten als ausgesucht feine Manieren , überraschend höfliche Redewendungen aus ihrem wohlgeschulten Benehmen hervor . Im fünften Jahre trug sie schon einen Schnürleib und sagte mit echtem Pariser Akzente » oui monsieur « und » non madame « . Mit dem Widerspiel ihrer eigenen Vollkommenheit , der unartigen Rosa , wollte sie natürlich nichts zu tun haben , und