windvollen Herbst- und Winternächten tastete etwas wie mit unsichern Händen an den Wänden hin , klopfte an die Fenster und ächzte und stöhnte in den Winkeln oder gab sich mit einem dumpfen Fall und schnellem Laufen und Trappeln auf dem Dachboden kund . Dann kam es auch wohl häufig mit dem Ruß im Schornstein wie ein Schnarchen und Schnauben herunter , wie ein Fluch auf die harte , böse Welt , die solche Zufluchtsorte für ihre Armen , Kranken und Beladenen bauen kann ; dann - ja dann war es Nacht und Winter und nicht heller Tag und Sommer wie damals , als das alte Weib , in jener Zeit die einzige Bewohnerin des Siechenhauses , am offenen Fenster in der Sonne saß und auf der Landstraße jenen Karren , der eine so große Ähnlichkeit mit dem Schüdderump hatte , vorbeikommen sah . Das wäre die rechte Historiographin für die Hütte gewesen , diese alte Frau , welche an jenem Tage das Reich allein hatte im Siechenhaus zu Krodebeck und welche schon so manche Generation in dem armseligen , häßlichen Asyl hatte kommen und schwinden sehen ! Es ist die Eigenart solcher Häuser , daß sie manchmal voll bis zum Überlaufen und manchmal leer sind wie das Gehirn eines Narren oder wie das Herz eines Klugen . Es hatte Zeiten gegeben , wo der Raum für die Bewohner des Hauses durch Kreidestriche auf dem Fußboden nach Zollen abgemessen war , wo das Alter in jedem Winkel hockte und mummelte , wo die Krankheit bis unter das Strohdach sich wand und wimmerte und wild hinausschrie , wo unter den Lagerstätten der mit dem Nervenfieber Behafteten die Kinder krochen , kreischten und zappelten , bis der Tod und der Gemeinderat aufräumten . Der letztere pflegte nämlich in den Nervenfieberzeiten Erd- und Strohhütten auf dem Anger vor dem Dorf zu errichten . Der Säuferwahnsinn , der Blödsinn und die gemeine verkommene Brutalität des aus dem Zuchthause entlassenen Verbrechers waren in dem Siechenhause zusammengehäuft worden , und das alte Weib hatte damit hausen müssen und hätte darüber reden und schreiben können . Sie tat aber selbst das erstere nicht gern ; denn sie hatte sich leider diesen Dingen und Zuständen gegenüber nicht die gehörige Objektivität bewahrt , sondern ganz jämmerlich und subjektiv darunter gelitten und schauderte sprachlos , wenn sie daran dachte . Es war lächerlich , allein dessenungeachtet doch wahr : die alberne alte Person hatte unter dem Geschrei und Gestöhn , den Zoten und Flüchen an ihren Nerven gelitten wie die vornehmste Dame , die nicht zwanzig lange Jahre hindurch dergleichen ertragen und anhören mußte . Man konnte nicht verlangen , daß , als endlich der Alte da oben ein Einsehen tat , gesunde und nahrhafte Jahre schickte und die Bevölkerung des Siechenhauses zu Krodebeck auf die eine oder die andere Art lichtete , daß , sage ich , die Alte hier unten sich hinsetze , ihr Elend beschreibe und den Schüdderump als das einzig echte und wahrhaft philosophische Vehikel für alle Dinge und Vorkommnisse auf Erden hinstelle ! Sie versuchte höchstens , die Stille und Einsamkeit zu guter Letzt noch einmal zu einem kurzen Nachdenken über ihr eigenes Leben und ihren eigenen Tod zu benutzen ; allein auch das ging schlecht genug , und das war kein Wunder in Anbetracht der übermäßigen Betäubung . Die Landstraße lag in der vollen Glut der Julisonne da , und man übersah sie von dem Fenster des Armenhauses aus eine ziemliche Strecke , bis sie in einem Buchengehölz und Tannenwalde verschwand . Aus diesem Gehölz und Wald hervor kroch in einer Staubwolke der Karren , von dem wir eben redeten , und der uniformierte und mit einem großen Säbel bewaffnete Reiter , der ihn geleitete , ließ sein Pferd neben ihm im Schritt gehen . Es war ein grau angestrichener Karren mit einem grauen Leinwanddach , und er wurde von einem magern Gaule gezogen , dessen Lenker in einem blauen Leinwandkittel verdrießlich nebenherschritt . Er kroch langsam heran , aber die alte Frau im Siechenhaus hatte Zeit , ihn zu erwarten , und tat es in stumpfsinnigem Hinbrüten , indem sie die Hand über die blöden Augen hielt und mit schläfrigem Nicken ihm entgegensah , bis er dicht vor ihrem Fenster angelangt war und der Landreiter ironisch grüßend die Hand an die Pickelhaube legte . Da blieb der zahnlose Mund offenstehen vor Schrecken , die alten , hagern , braunen Hände fingen mehr als gewöhnlich an zu zittern , und die Herrin des Siechenhauses zu Krodebeck hinkte mit leisem Ächzen vom Fenster weg , verkroch sich wieder einmal im dunkelsten Winkel und seufzte : » O liebster Herrgott im Himmel , hol mich doch endlich ab aus der Welt , wenn du mir absolut keine Ruhe lassen willst ! « Der Karren fuhr dem Dorfe zu ; die Grillen zirpten ruhig weiter in den Gräben , die Schwalben fuhren über den Weg , die Spatzen zankten sich in den Apfelbäumen ; die Uhr auf dem Kirchturm schlug fünf , und es kam nicht das geringste darauf an , ob die Alte im Siechenhaus Ruhe haben sollte oder nicht . An diesem nämlichen Nachmittag hatte die Familie auf dem Lauenhofe ihre Siesta ohne Störung gehalten , dann den Kaffee in einer der schattigen Lauben des Gartens eingenommen , und darauf war jeder seinen eigenen Wegen und Geschäften nachgegangen , ohne von dem andern gehindert zu werden - alles nach gewohnter Sitte und Weise . Es war ein ziemlich heißer Tag ; aber es war ein schöner und , sozusagen , nahrhafter Tag . Die Harzberge erhoben sich lachend im blaugrünen Glanz , über den Feldern und Wiesen lag jenes Flimmern und Zittern , welches auch über den Werken der großen Dichter liegt und überall die Sonne zur Mutter hat . Jeder Bauer verspürte den Tag wie einen Handschlag auf das Versprechen einer guten Ernte ; jede Bäuerin schwitzte mit Behagen in den Abend hinein . Selbst aus den Ställen erklang das Gegrunz der Schweine wie ein